Dienstag, 26. September 2017

55: Die "christlichen Werte" im Faktencheck

Er wird nicht selten genannt, wenn es um Ethik und Moral geht - der Begriff "christliche Werte". Es heisst oft auch von Seiten Nichtreligiöser, diese ominösen Werte seien die Grundlage unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Menschenrechte und überhaupt unserer Moral. Als Bibelkenner habe ich dazu auch das eine oder andere zu sagen. Ich beantworte in diesem Post drei Fragen: Was sind "christliche Werte", wie werden sie begründet und sind sie wirklich die Quelle der Menschenrechte?

Was sind "christliche Werte"?
Gute Frage. Quelle und Basis des Christentums ist die Bibel. Wenn wir die Bibel lesen - die ganze, nicht nur einzelne Verslein -, fällt auf, dass gar nicht so leicht zu bestimmen ist, was sie nun lehrt. Zu Beginn gibt es gar keine Gesetze, bis Gott dann im 2. Buch Mose die zehn Gebote mit einem Anhang vieler weiterer Gebote erlässt. Im neuen Testament sagt Jesus Christus dann wiederholt, all diese Gebote seien gültig, bis Himmel und Erde vergehen (Lukas 16, 17 / Matthäus 5, 17-20), äussert sich aber zugleich kritisch über manche Gebote, schafft sogar manche ab, während er andere verschärft. Er ernennt "Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst" zum obersten Gebot (Matthäus 22, 34-40). Dann schreibt Paulus, das gesamte alte Gesetz sei von Jesus abgeschafft und für ungültig erklärt worden (z.B. Römer 6, 14) - er geht sogar so weit, zu sagen, alles sei erlaubt (1. Korinther 6, 12). Es ist nicht bestimmbar, ob bzw. inwiefern das mosaische Gesetz zu befolgen ist.

Wenn das mosaische Gesetz noch zu befolgen ist, dann beinhalten die "christlichen Werte" auf der einen Seite undifferenzierte Verbote des Tötens, Lügens und Ehebrechens (gegen all dies darf auf Gottes Anweisung hin verstossen werden) etc., auf der anderen Seite Sklaverei, Anweisungen für Eroberungskriege, starke Diskriminierung der Frau, Steinigung für alles von schweren bis völlig harmlosen Vergehen wie Andersgläubigkeit, Arbeit am Sabbat, nicht-Jungfräulichkeit bei der Hochzeit (nur Frauen) oder gelebte Homosexualität und das imaginäre "Verbrechen" der Hexerei (siehe etwa 2. Mose 21+22, 3. Mose 19, 5. Mose 13). Das mosaische Gesetz ist vereinzelt ansatzweise vernünftig, aber mehrheitlich barbarisch und lächerlich.

Wenn das alte Gesetz nicht mehr zu befolgen ist, bleibt noch Jesu Doppelgebot: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Es wird also verbindlich angeordnet, an den Bibelgott zu glauben und ihn zu lieben und andere Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Wer das nicht tut, der wird "verdammt werden" (Markus 16, 16); ihn erwartet das "ewige Feuer" (Matthäus 25, 41). Was bedeutet es von Fall zu Fall, seinen Nächsten zu lieben? Was bedeutet es von Fall zu Fall, ihn so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte? Das wird den Lesenden überlassen. Zusätzlich gibt es die neuen Morallehren Jesu, darunter etwa die Aussagen, Wut und Lust seien schwere Vergehen (Matthäus 5, 21+22 & 27+28) und wer den heiligen Geist beleidige, dem würde niemals vergeben (Matthäus 12, 31+32). Paulus und andere Briefautoren bringen ebenfalls neue Weisungen ein, die unter anderem die Sklaverei als moralisch akzeptabel tolerieren (z.B. Petrus 2, 18), kompromisslose Unterordnung unter jegliche Autoritäten vorschreiben (Römer 13, im direkten Gegensatz dazu Apostelgeschichte 5, 29), Antisemitismus proklamieren (z.B. Titus 1, 10-16) und Frauen Autorität über Männer und Lehrtätigkeiten verbieten, ihnen befehlen, sich unauffällig zu kleiden und zu verhalten, ihren Männern stets Folge zu leisten und durch Kinderzeugen "selig" zu werden (siehe z.B. 1. Korinther 11, 1. Timotheus 2, 1. Petrus 3).

Wie die Bibel, die zahllosen Konfessionen und die endlosen Moraldiskussionen und der moralische Wandel innerhalb des Christentums zeigen, weiss niemand, was "christliche Werte" denn nun eigentlich genau sein sollen. Niemand weiss, was es von Fall zu Fall heissen soll, seinen Nächsten zu lieben. Die Weisungen sind undifferenziert und zugleich dogmatisch, werden also als allgemeingültig und auf ewig in Stein gemeisselt betrachtet. Es lässt sich zudem leicht dafür argumentieren, dass die christlichen Werte äusserst barbarische und lächerliche Weisungen beinhalten (sollten). Die vorgesehenen Strafen sind so grausam, dass einem der Atem stockt, und die Anforderungen an die Menschen überzogen.

Wie werden "christliche Werte" begründet?
Ich antworte auf vier mögliche Arten, für die "christlichen Werte" zu argumentieren.

1. "Es gibt keine andere Basis"
Die Bibel hat die Empathie nicht erfunden. Es gibt sehr wohl andere mögliche Fundamente. Die Menschenrechte zum Beispiel. Sobald wir uns darauf einigen, dass wir menschliches Leid vermindern und menschliches Wohlergehen fördern wollen, haben wir eine Basis, mit der sich arbeiten lässt. Andreas Edmüller schreibt in seinem hervorragenden Buch "Die Legende von der christlichen Moral":

"Jeder von uns möchte nach seiner Fasson glücklich werden bzw. seinen Weg zu einem erfüllten Leben gehen. Versteht man Moral als ein System von Normen, die es uns ermöglichen sollen, in einer Gesellschaft diese beiden Kerninteressen unter einen Hut zu bringen, so lassen sich alle klassischen Forderungen der Moral begründen, die intuitiv als unverrückbar gelten. Ein weit gefasstes Tötungsverbot, ein Wahrheitsgebot, Respekt vor körperlicher Unversehrtheit, Respekt vor Eigentum, vor Privatsphäre und Glaubensfreiheit etc. Hält eine Gesellschaft sich an diese Regeln, werden diese Kerninteressen eines jeden so gut wie möglich geschützt. Man kann friedlich zusammenleben und jeder darf, solange er die Kerninteressen der andern nicht verletzt, seinen eigenen Weg durchs Leben gehen. (...) Über diese Interessen erhalten wir die Begründungen für eine sehr plausible Minimal- und Kernmoral. Religion brauchen wir dafür schlicht und einfach nicht."

2. "Christliche Werte kommen von Gott"
Dies scheitert bereits daran, dass nie jemandem der Nachweis von Gottes Existenz gelungen ist. Und selbst wenn: Dann beginge die Argumentation den Logikfehler des Autoritätsarguments. Keine Morallehre ist allein deshalb vernünftig, weil eine bestimmte Person sie erlassen hat. Sie muss für sich als gut erwiesen werden, und wenn das gelungen ist, ist sie gut, weil sie gut ist, und nicht, weil sie angeblich von Gott kommt.

3. "Christliche Werte sind objektiv, alles andere ist rein subjektiv"
Damit dieser Anspruch einlösbar werden kann, müssten wir erst einmal wissen, was "christliche Werte" genau sind. Wie oben gezeigt wurde, lässt sich das nicht bestimmen. Es ist nicht klar, was nun gilt und was nicht und wie die Anweisungen von Fall zu Fall umzusetzen sind. Christen wählen unsystematisch - also subjektiv - aus, welche Gesetze sie auf welche Art befolgen und welche nicht. Damit demonstrieren sie, dass sie eine Moral besitzen, die nicht aus der Bibel kommt, denn andernfalls könnten sie niemals anderer Meinung sein als das Buch. Und sie demonstrieren, dass die Berufung auf "christliche Werte" das Problem der Subjektivität und des Bedarfs nach Diskussion über Moral und Ethik nicht beseitigen kann. Das ist ganz besonders beim laut Jesus höchsten Gebot augenfällig: Wenn man seinen Nächsten so behandeln soll, wie man es sich selbst wünscht, gibt es so viele Moralkonzepte, wie es Menschen gibt. Objektiv ist da gar nichts.

4. "Gott bestraft uns, wenn wir uns nicht an die christlichen Werte halten"
Das ist so ziemlich die einzige Begründung, die die Bibel selbst nennt. Auch sie scheitert eigentlich bereits daran, dass der Nachweis von Gottes Existenz nie gelungen ist. Wer sich wegen Strafandrohungen an Weisungen hält, ist zudem nur ein angeleinter Soziopath. Wäre dies eine gute Begründung für Werte, so wäre jeder, der die Macht besitzt, zu bestrafen, als moralische Autorität qualifiziert. Es handelt sich nicht um eine Begründung für die moralische Exzellenz der "christlichen Werte", sondern um nichts weiter als Erpressung.

Sind die "christlichen Werte" die Quelle der Menschenrechte?
Diese Frage ist eigentlich schon beantwortet, wenn wir uns das Erste der zehn Gebote ansehen. Wie Jesu Doppelgebot schreibt es jedem Menschen vor, an den Gott der Bibel zu glauben. Es handelt sich dabei nicht nur um eine unsinnige Forderung, da man sich nicht einfach dazu entscheiden kann, grundlos die Existenz eines unsichtbaren hebräischen Zauberers zu akzeptieren, sondern vor allem auch um ein Verbot der Religionsfreiheit, und das steht in direktem Widerspruch zu den Menschenrechten. Wäre unsere Moral christlich, könnte es keine Religionsfreiheit geben.

Dass das mosaische Gesetz, das für völlig harmloses Verhalten die Steinigung anordnet, den Menschenrechten massiv widerspricht, sollte jedem klar sein. Doch auch im neuen Testament gibt es unsinnige Gesetze und barbarische Strafen. Das Gesetz ist so konzipiert, dass jeder pauschal als dreckiger Sünder gilt, weil er als Mensch mit Adam und Eva verwandt sei und weil er manchmal Wut oder Lust empfindet oder nicht von Gottes Existenz überzeugt ist. Als Strafe für die Menschlichkeit sieht das christliche Wertesystem ewige Folter vor, eine Strafe, die so unvorstellbar grausam ist, dass man sie sich mit keiner Tat der Welt verdienen könnte.

Die Menschenrechte kommen in der Bibel nicht vor. Volker Dittmar sagte es richtig: "Laut Bibel hat der Mensch Gott gegenüber keinerlei Rechte, nur Pflichten." Religionsfreiheit, Gleichstellung der Geschlechter, Demokratie oder Humanismus sind keine "christlichen Werte". Die christliche "Nächstenliebe" schliesst Religionszwang, Sexismus, Sklaverei und Antisemitismus mit ein. Deswegen hat die Kirche die Menschenrechte nicht erfunden, sondern begann nach und nach, sich aufgrund des starken Drucks von aussen anzupassen und die neuen Werte in einzelne Bibelverse hineinzuinterpretieren - wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Im Zentrum des unstimmigen, dogmatischen und undifferenzierten biblischen Wertesystems stehen der Diktator Gott und Werte längst vergangener Zeiten, was viele amoralische und unmoralische Weisungen mit sich bringt. Es ist kein Wunder, dass die Errungenschaften der Moderne von säkularen Kräften gegen die Kirche durchgesetzt werden mussten. Im Zentrum der Menschenrechte steht der Mensch, und das ist die einzige sinnvolle Basis für Moral und Ethik. Diese Werte sind nicht "heilig" und lassen sich dadurch jederzeit anpassen und optimieren, wenn es nötig ist. Es liegt ein tiefer Graben zwischen den Werten der Bibel und den Menschenrechten, und somit können Erstere niemals als Quelle Letzterer in Frage kommen.

Fazit
-Es ist nicht bestimmbar, was "christliche Werte" sein sollen, welche biblischen Weisungen zu beachten und wie diese von Fall zu Fall anzuwenden sind, und es führt kein Weg an Interpretationen vorbei, die Barbarei und Unsinn einschliessen.

-Die "christlichen Werte" können nicht sinnvoll begründet werden. Es gibt Alternativen dazu, sie sind mindestens so subjektiv wie säkulare Moral, die Existenz ihres angeblich allwissenden Autors ist nicht bewiesen und Strafandrohungen sind keine guten Gründe.

-Die moralisch-ethischen Errungenschaften der Moderne sind in der Bibel nicht zu finden. Vielmehr stehen da zahllose Dinge, die den Menschenrechten unmissverständlich widersprechen. Nur dadurch, dass man sich von der Bibel abwandte, wurden die Menschenrechte möglich.

Fall abgeschlossen. Ja, unsere Gesellschaft und deren Ethik haben gewisse Wurzeln im Christentum - so ähnlich, wie die Chemie Wurzeln in der Alchemie und die Astronomie Wurzeln in der Astrologie hat. Diese Fachgebiete haben erkannt, dass ihre Wurzeln primitive, fehlerbehaftete erste Versuche darstellen, und haben sie deshalb hinter sich gelassen, um frei und effizient vorwärtskommen zu können. Und so sollten wir auch mit unserer christlichen Vergangenheit umgehen.

-Ihr Scrutator


P.S. Wer sich weiter in das Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich das Buch "Die Legende von der christlichen Moral" von Andreas Edmüller sowie folgende Links:

Mein Kommentar zu einer Predigt, die die Menschenrechte in der Bibel sah

Volker Dittmar: Sind christliche Werte die Grundlage unserer Gesellschaft?

AWQ.de: Platin-Rosine 2017 geht an wählerisch-sein.de

Montag, 7. August 2017

54: Warum glauben intelligente, gebildete Menschen Unsinn? (Übersetzung)


Der Blog "Godless in Dixie" des ehemaligen evangelikalen Christen Neil Carter aus den amerikanischen Südstaaten ist voller hervorragender Texte, in denen man sich als Ex-Gläubiger stark wiedererkennen kann. Carter findet oft sehr treffende Vergleiche und die richtigen Worte, um das Phänomen Religion passgenau zu analysieren. Ich ehre Carters tollen Blog heute mit einer Übersetzung eines Artikels zu einem wichtigen und spannenden Thema, einer Frage, die sich besonders Leute stellen, die nie gläubig waren: Warum zum Geier glauben Menschen dieses ganze Bibelzeugs - selbst wenn sie sehr schlau und gebildet sind? Ich übergebe das Wort an Neil Carter.




Gestern Abend war ich zum dritten Mal in drei Monaten damit beschäftigt, einem nicht in einem tief religiösen Umfeld erzogenen Menschen zu erklären, dass religiöse Menschen nicht dumm sind, bloss weil sie unsinnige Dinge glauben. 

Bei jedem dieser drei Male hatte ich es mit einer anderen Person zu tun, deren Tätigkeit sich zunehmend darauf fokussiert, Religion zu kritisieren. Jedes Mal traf ich auf die selbe Verwunderung, und jedes Mal sprach ich über die selben Dinge, um zu erklären, wie und warum manche sehr intelligenten Leute Dinge glauben können, die jedem absurd erscheinen, dem diese Dinge nicht als erwiesene Tatsachen anerzogen wurden. 

Manchmal sagen sie, wir könnten unmöglich jemals geglaubt haben, was wir angeben, geglaubt zu haben. Manchmal möchten sie verstehen lernen, wie das sein kann. Sehr oft sind sie überhaupt nicht einverstanden und beharren darauf, dass jeder, der an Dämonen, Engel und Junge-Erde-Kreationismus glaubt, ein Schwachkopf sein müsse. Aber wie gestern Abend macht sich plötzlich ein verwirrter Ausdruck auf ihrem Gesicht breit und sie geben zu: "Weisst du, du wirkst auf mich nicht dumm. Wie kann es also sein, dass du jemals sowas geglaubt hast?" 

Ich weiss, dass es keinen Sinn ergibt. Ich weiss, es ist schwer zu verstehen, wie ansonsten intelligente Menschen Dinge glauben können, die jedem lächerlich erscheinen, dem sie nicht als heilig anerzogen wurden. Es erscheint übermässig widersprüchlich, aber so sind Menschen eben. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Menschliche Wesen sind keine völlig rationalen Kreaturen, und das trifft auch auf die meisten Intelligenten und Gebildeten unter uns zu. 

Wir alle haben blinde Flecken, und wir alle haben Gebiete, auf denen unsere ach so geschätzte Vernunft die zweite Geige hinter Gefühlen, Vorurteilen und persönlichen Interessen spielt. Menschen sind keine völlig logisch denkenden Wesen, und genau deshalb haben wir überhaupt Dinge wie die wissenschaftliche Methode. Wir wissen nur zu gut, wie sehr wir unsere Wahrnehmung und unsere Urteile von Voreingenommenheit beeinflussen lassen. Wir brauchen die Wissenschaft deswegen, weil wir wissen, dass wir zu Aberglauben, Subjektivität und kognitiven Verzerrungen neigen. 

Als Hilfestellung für diejenigen, die ausserhalb von tief religiösen Umfeldern aufgewachsen sind, würde ich gern vier Gründe dafür aufzeigen, dass es eindeutig intelligenten und oft gut gebildeten Menschen möglich ist, Dinge zu glauben, die allen anderen "dumm" erscheinen. 

Vier Gründe, warum wir an irrationalen Ansichten festhalten
Was man als Erstes verstehen muss, ist, dass Intelligenz gebietsabhängig ist. Damit meine ich Folgendes: Menschen, die auf einem Gebiet (oder sogar mehreren) scharfsinnig und kritisch denken, können auf einigen anderen fast kindisch sein. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, wie gut viele der grössten Denker der Geschichte darin waren, Konzepte ihres eigenen Fachgebiets zu verstehen, und wie unbeholfen sie zugleich in ihrem Privatleben waren, weil sie die Feinheiten menschlicher sozialer Interaktion nie so ganz erfassen konnten. 

Um zu verstehen, was ich mit gebietsabhängiger Intelligenz meine, sehen Sie sich einmal den US-Präsidentschaftskandidaten Ben Carson an: Ein Pionier auf dem Gebiet der Gehirnchirurgie mit der politischen Klugheit eines leicht zurückgebliebenen Drittklässlers. Ein anderes, weniger bekanntes Beispiel aus dem Gebiet der Medizin, das ich hier schon einmal erwähnt habe: Der letzte Sonntagsschullehrer, den ich hatte, bevor ich die Kirche verliess, ist ein Spitzenonkologe. Er steht einem internationalen Komitee vor, das sich mit Forschungsprotokollen in seinem medizinischen Gebiet befasst, und widmet sich als Hobby der "Wissenschaft" des Kreationismus. Er verwendet zeitgemässe, hochmoderne Behandlungsmethoden im Kampf gegen den Krebs, bezieht aber seine geologischen Thesen vom Institute for Creation Research, das seit den frühen 1970er-Jahren (oder seit der späten Bronzezeit, wie manche sagen würden) keine neuen Thesen mehr veröffentlicht hat.

Wie diese Widersprüchlichkeiten möglich sind, fragen Sie? Sie sind möglich, weil Intelligenz gebietsabhängig ist. Wir müssen stets gewappnet sein gegen den Halo-Effekt, die Tendenz, Leuten, die in einem Gebiet kompetent sind, Autorität in anderen Gebieten zuzuschreiben, die ihnen nicht zusteht. Ein Beispiel: Nur weil Albert Einstein Astrophysik-Experte war, heisst das nicht, dass er eine Autorität in Politik, Philosophie oder Metaphysik (wenn es darin so etwas wie Experten gibt) war. Es sollte den Argumenten eines Gläubigen oder Nichtgläubigen kein besonderes Gewicht verleihen, dass diese oder jene bekannte Persönlichkeit in Religionsfragen "auf der richtigen Seite" stand. 

Was man ebenfalls verstehen muss, ist, dass sehr intelligente Menschen sehr unsinnige Dinge glauben, wenn man früh genug an sie herankommt. Wächst ein Mensch in einem Umfeld auf, das ein Glaubenssystem als selbstverständlich annimmt, so entwickeln sich seine Wissensbasis und seine Fähigkeiten zu kritischem Denken um dieses Glaubensgebilde herum, ohne es zu behelligen. Eigentlich könnte man sagen, dass der menschliche Verstand ohne die Kontrollmechanismen der Wissenschaft einzig dazu dient, die emotionalen Inhalte zu rationalisieren und zu bestätigen, die seit unseren ersten Jahren in unserer Psyche verankert sind. Wir denken, um zu rationalisieren, was wir bereits glauben. 

Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen, der um einen Zaunpfahl herum gewachsen ist und sich diesen "einverleibt" hat, als wäre er ein Teil des Baums? Das passiert, wenn der Pfahl schon da war, als der Baum noch nicht einmal ein Sprössling war. Intelligenz und Bildung sind auch so. Kann man ein Glaubensgebilde früh genug in ein sich entwickelndes Gehirn einbrennen, so entwickelt sich der ganze Verstand dieses Menschen um diese Ansichten herum - so, dass das Gebilde unbehelligt bleibt. Die Fähigkeiten zu kritischem Denken können sogar ausgezeichnet gut darin werden, andere Glaubenssysteme als dasjenige, um das sie herumwuchsen, zu hinterfragen. Es ist aber eine ganz andere Kompetenz, zu lernen, diese Fähigkeiten nach innen zu richten und Kernansichten zu hinterfragen, die schon eingebrannt waren, bevor sich diese Fähigkeiten entwickelten.


Eine weitere Sache, die man kaum erfassen kann, wenn man nie tief gläubig war, ist, wie sehr man uns davon abriet, uns selbst zu vertrauen. Die Vorstellungen von der Sünde und vom kaputten Menschen sind Fundamente der christlichen Botschaft, und die Kirche schärfte uns dies schon ein, bevor wir lesen und schreiben konnten. Wir lernten schon in jungen Jahren, dass man dem menschlichen Verstand nicht vertrauen könne. "Trügerisch ist das Herz, mehr als alles", lehrt die Bibel. Weiter steht in ihr: 

"So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken."

Ist es bei solchen Texten eine Überraschung, dass Christen ein Misstrauen gegenüber dem Wesen des Verstandes entwickeln? Man lehrte uns, unserem Intellekt zu misstrauen, selbst innerhalb derjeniger Subkulturen, die sonst Wissenschaft, Bildung und Nachforschung wertschätzten (ich weiss, das ist unstimmig, aber siehe Punkt 1). Wir lernten früh: Wenn unsere Logikfakultäten und unsere Vernunft mit den Lehren des Glaubens in Konflikt standen, sollten wir "das, was Gott sagt" über alles stellen, was irgendjemand anderes für sinnvoll hält. Wer kann denn bitteschön Gott persönlich widersprechen?

Zu guter Letzt haben Leute, die nicht tief in einer Glaubensgemeinschaft verwurzelt aufgewachsen sind, Probleme dabei, sich Folgendes zu vergegenwärtigen: Wie sehr der soziale Druck, beim Glauben zu bleiben, uns davon abhält, uns frei mit unseren kognitiven Dissonanzen auseinanderzusetzen. Ich erinnere mich gut daran, wie mir angst und bange wurde, wenn mein innerer Skeptiker Einspruch erhob und ich merkte, wie viel es mich kosten würde, sollte mich meine Wahrheitssuche je aus dem sicheren Hafen des Christentums herausführen. Ich wusste schon lange bevor ich anfing, ehrlich zu mir selbst zu sein, dass ich alles verlieren könnte, und grösstenteils lag ich richtig. Wenn man sein ganzes Leben um ein Gedankengut herum aufbaut, dann erschüttert einen das Hinterfragen dieses Gedankenguts bis ins Innerste des Seins, psychologisch und sozial. Bei manchen von uns droht es, unsere ganze Welt zu zerstören. 

[Lesen Sie "Die hohen Kosten eines Glaubensabfalls"]

Religion abzulehnen, kostet einen nicht viel, wenn man ausserhalb eines tief religiösen Kontexts aufwächst. Es ist ein relativ leicht zu beschreitender Pfad. Bei manchen von uns verhält es sich aber anders. Bei manchen von uns war das eine Riesensache. Und darum halten wir an irrationalen Ansichten fest, auch wenn unsere Fähigkeiten zu kritischem Denken diese schwachen Gedankengüter schon lange hätten überwinden müssen. Diese Gedankengüter genossen bei uns immer einen privilegierten Status, und es ist nicht so einfach wie es klingt, sich davon freizumachen, wenn sie wie das Haus sind, in dem man lebt. 

[Bildquelle: Wikipedia commons]


Originaltext: http://www.patheos.com/blogs/godlessindixie/2015/10/09/why-do-intelligent-well-educated-people-still-believe-nonsense/

Dienstag, 20. Juni 2017

53: Vorteile des Glaubens - Was gibt es zu verlieren?

Ich bin vor 1,5 Jahren definitiv Atheist geworden. Und ich glaube, dass ich mich dabei zwar in manchen Dingen etwas verändert habe, aber insgesamt doch ziemlich der exakt selbe Mensch geblieben bin und auch mein Leben gar nicht so krass anders ist. Angeregt durch diverse Inputs aus dem Netz und aus Gesprächen möchte ich heute ein paar Gedanken rund um dieses Thema mitteilen. Es geht dabei um die angeblichen Vorteile des Glaubenslebens und die Frage: Was verliert man eigentlich, wenn man dem Glauben den Rücken kehrt?


1. angeblicher Vorteil: Gottes Schutz
Christen glauben, Gott sei mit ihnen, er beschütze sie. Das klingt auf den ersten Blick wie ein grosser Vorteil gegenüber Ungläubigen. Nun ist aber kein Hellseher nötig, um festzustellen, dass Gläubige nicht öfter von Tragödien verschont bleiben als Ungläubige. Der durchschnittliche Gläubige hat nicht mehr Glück oder weniger Pech als der durchschnittliche Ungläubige. Auch in meiner Gemeinde starben Leute an Krankheiten, verloren ihre Stellen und Partner, kämpften mit körperlichen und psychischen Verletzungen und allerlei anderen Problemen. Wir halten fest: Egal, ob man von Gott geschützt wird oder nicht, die Auswirkungen sind dieselben. Man ist nicht sicher vor den harten Seiten des Lebens. Es spielt letztlich für das eigene Schicksal keine Rolle, ob man sich Gottes Schutz anbefiehlt oder nicht, da einem auch als Christ genau dieselben üblen Dinge passieren können. Und das sagt ja bereits die Bibel:

Römer 8, 28: "Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen"

Dieser Vers ist Gottes Versicherung, um desillusionierte Gläubige ruhigzustellen. Denn Gottes "Schutz" schliesst potentiell alle möglichen Ereignisse mit ein. Dass Gott einen beschützt, kann auch bedeuten, dass man als Kind misshandelt und in der Schule gemobbt wird, als Erwachsener seine Stelle, seinen Ehepartner und Familienmitglieder verliert und schliesslich noch relativ jung bei einem Unfall stirbt. Oder dass man einfach irgendwo in Afrika in tiefster Armut geboren wird und innert kürzester Zeit an Hunger oder Krankheit zugrunde geht. Ich denke, es dürfte klar sein, dass Gottes "Schutz" bedeutungslos ist und Gläubige hier nichts zu verlieren haben.

2. angeblicher Vorteil: Gottes Gebetserhörungen
Gott erhört Gebete, wie klasse! Hier muss es sich doch nun echt um einen enormen Vorteil gegenüber Ungläubigen handeln, oder? Nun ja, schauen wir einmal. Zunächst einmal werden die meisten Gebete nicht erhört. Gott erhört entgegen seiner eigenen Aussage nur Gebete, wenn er grad Lust hat. Oder nur, wenn die Erfüllung des Gebets in seinem Plan sowieso schon vorgesehen war, was das Beten völlig unsinnig macht. Und wie erhört Gott Gebete, wenn er sie erhört? Gab es jemals eine Gebetserhörung, bei der etwas eigentlich Unmögliches passierte, was noch nie irgendwo sonst passiert war? Nein, gab es nicht. Spontanheilungen werden oft genannt, etwa bei Krebs - das gibt's aber auch, wenn nicht für die Kranken gebetet wird. "Gott hat mir einen lieben Menschen geschickt, der mir geholfen hat" - das gibt's ebenfalls auch dann, wenn niemand dafür betet. "Gott hat mich mit einer schönen Landschaft/einem schönen Lied getröstet" - auch das ist ohne Gebet verfügbar. Nichts, was nach einem Gebet passiert ist, kann nicht auch ohne Gebet erreicht werden. Damit ist klar: Auch dieser angebliche Vorteil der Gläubigen ist kein Vorteil; auch hier haben Gläubige nichts zu verlieren.

3. angeblicher Vorteil: Verbesserung des Charakters
Gott verändere Menschen, er mache sie zu besseren Versionen ihrer selbst, so heisst es. Praktisch, so eine Medizin für die menschlichen Laster! Betrachten wir nun aber die Fakten. Zunächst einmal weist die gemessene Korrelation zwischen Religiosität und gesellschaftlicher Gesundheit einer Gesellschaft eher auf das Gegenteil hin: Je religiöser eine Gesellschaft, desto höher die Werte für Dinge wie Mord, Vergewaltigung, Schwangerschaft unter Teenagern, Kindersterblichkeit oder sexuell übertragbare Krankheiten. Je niedriger die Religiosität, desto niedriger dieselben Werte.

Betrachten wir nun aber einmal die Fälle, in denen jemand sich tatsächlich durch seinen Glauben zu bessern schien. Warum hat er oder sie sich gebessert? Weil Gott es ihm befahl? Dann ist er nur ein angeleinter Soziopath. Weil er die Anordnungen Gottes für gut befand? Dann war es sein eigenes Moralempfinden, das die Änderung bewirkt hat. Und Christen geben Letzteres zu, sobald man sie auf Gläubige anspricht, die sich unmoralisch verhalten. Dann heisst es nämlich, am Ende des Tages gewähre Gott dem Menschen halt den freien Willen, sich zu verhalten, wie er wolle. Wenn aber die Auswirkungen von Gottes angeblicher wundersamer Wandlung des Charakters letztlich ganz dem Willen des Menschen unterworfen sind, ist auch dieser angebliche Vorteil gegenüber Ungläubigen vom Tisch. Auch Ungläubige können moralische Richtlinien für gut befinden und sich Mühe geben, sich daran zu halten.

4. angeblicher Vorteil: Hoffnung
Die Bibel verspricht Hoffnung in der Form von Leben nach dem Tod und Gerechtigkeit für alle. All unser Leid hier auf der Erde habe einen höheren Sinn und wir könnten einmal in ewigem Glück leben. Abgesehen davon, dass niemandem der Eintritt in das Himmelreich sicher ist (siehe z.B. Matthäus 7, 21), die "Gerechtigkeit" der Bibel unter anderem auch einschliesst, dass Ungläubige und sonstige "Ärgernisse" - also auch Familienmitglieder und Freunde der Gläubigen - ewig gefoltert werden (siehe z.B. Markus 16, 16) und Gläubige ja glauben, dass die Welt, die wir haben, die beste ist, die es geben kann, solange wir einen freien Willen haben, und folglich das Paradies genau gleich sein wird wie unsere Erde, gibt es hier noch anderes zu bemängeln.

Es gibt nämlich nicht einen einzigen Grund, davon auszugehen, dass diese Hoffnung berechtigt ist. Um die Vehemenz dieses Faktors zu verdeutlichen, bediene ich mich eines Beispiels: Man stelle sich eine Person vor, die eine E-Mail erhält, in der ihr von einem nigerianischen Prinzen eine Million Dollar versprochen werden. Die Person nimmt diese Behauptung ernst, bereitet sich auf die Auszahlung vor, verbringt einiges an Zeit mit administrativen Arbeiten und dem Schreiben von Mails an den Prinzen und geht weniger vorsichtig mit ihren Finanzen um, da sie ja mit der Auszahlung rechnet. Gäbe es auch nur einen einzigen Partner/Verwandten/Freund, der dieser Person nicht sagen würde: "Das ist doch nur eine Behauptung. Du kannst doch dein Leben nicht auf einer solchen hohlen Versprechung aufbauen!" Käme irgendjemand auf die Idee, zu sagen: "Lasst sie doch, die Versprechung gibt ihr Hoffnung. Und ihr könnt ja auch nicht beweisen, dass sie nie eine Million bekommen wird, also seid mal etwas bescheidener." Und hier geht es immerhin um etwas, was tatsächlich nachgewiesenermassen möglich ist, im Gegensatz zum magischen Ort ewiger Freude der Bibel.

Ja, man könnte sagen, Gläubige haben hier gewissermassen einen Vorteil: Sie können der Realität entfliehen und sich mit hohlen Versprechungen betäuben. Doch es ist diskutabel, ob es sich wirklich um einen Vorteil handelt, wenn man den Bezug zur Realität verliert und sich stattdessen an unfundierte übernatürliche Behauptungen klammert. Es ist wichtig, sich an das zu halten, was wahrscheinlich ist, wenn man Entscheidungen trifft, denn wenn unser internes Modell von der Realität nicht mit der tatsächlichen Realität übereinstimmt, kann Schaden entstehen. Wir sehen das etwa im Moment in den USA, wo Christen sich gegen Klimaschutzmassnahmen stellen. In der Bibel steht ja nichts von Klimaproblemen, und am Ende zählt das ewige Jenseits doch mehr als das vergängliche Diesseits... Baut man sein Leben nicht auf solchen Fantasien auf, ist man eher geneigt, im Hier und Jetzt zu leben, jetzt Verbesserung anzustreben und das eigene Leben auszunutzen.

Fazit
Betrachtet man die angeblichen Vorteile des christlichen Glaubenslebens kritisch, so stellt man fest, dass sie weit weniger hergeben, als man vielleicht spontan denken würde. Wenn man nicht mehr Christ ist, verändert sich die Glücks- /Unglücksquote im Leben nicht. Man verliert keinen verlässlichen Vater, der einem im Leben auf spürbare und unersetzliche Weise hilft. Man wird nicht von einem Tag auf den anderen zum a- bzw. unmoralischen Monster. Und die angebliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und Gerechtigkeit für alle ist bei näherer Betrachtung der Bibel gar nicht so wundervoll und nebenbei völlig unbegründet. Das Leben als Gläubiger unterscheidet sich im Wesentlichen nur insofern von dem als Ungläubiger, dass man sich im ersten Fall etwas vormacht.

-Ihr Scrutator


P.S. Zur Abrundung empfehle ich Ihnen folgende von mir erstellte und untertitelte Video-Compilation zu den Themen Bedarf nach und Respekt vor Religion aus der lehrreichen Sendung The Atheist Experience.