Montag, 7. August 2017

54: Warum glauben intelligente, gebildete Menschen Unsinn? (Übersetzung)


Der Blog "Godless in Dixie" des ehemaligen evangelikalen Christen Neil Carter aus den amerikanischen Südstaaten ist voller hervorragender Texte, in denen man sich als Ex-Gläubiger stark wiedererkennen kann. Carter findet oft sehr treffende Vergleiche und die richtigen Worte, um das Phänomen Religion passgenau zu analysieren. Ich ehre Carters tollen Blog heute mit einer Übersetzung eines Artikels zu einem wichtigen und spannenden Thema, einer Frage, die sich besonders Leute stellen, die nie gläubig waren: Warum zum Geier glauben Menschen dieses ganze Bibelzeugs - selbst wenn sie sehr schlau und gebildet sind? Ich übergebe das Wort an Neil Carter.




Gestern Abend war ich zum dritten Mal in drei Monaten damit beschäftigt, einem nicht in einem tief religiösen Umfeld erzogenen Menschen zu erklären, dass religiöse Menschen nicht dumm sind, bloss weil sie unsinnige Dinge glauben. 

Bei jedem dieser drei Male hatte ich es mit einer anderen Person zu tun, deren Tätigkeit sich zunehmend darauf fokussiert, Religion zu kritisieren. Jedes Mal traf ich auf die selbe Verwunderung, und jedes Mal sprach ich über die selben Dinge, um zu erklären, wie und warum manche sehr intelligenten Leute Dinge glauben können, die jedem absurd erscheinen, dem diese Dinge nicht als erwiesene Tatsachen anerzogen wurden. 

Manchmal sagen sie, wir könnten unmöglich jemals geglaubt haben, was wir angeben, geglaubt zu haben. Manchmal möchten sie verstehen lernen, wie das sein kann. Sehr oft sind sie überhaupt nicht einverstanden und beharren darauf, dass jeder, der an Dämonen, Engel und Junge-Erde-Kreationismus glaubt, ein Schwachkopf sein müsse. Aber wie gestern Abend macht sich plötzlich ein verwirrter Ausdruck auf ihrem Gesicht breit und sie geben zu: "Weisst du, du wirkst auf mich nicht dumm. Wie kann es also sein, dass du jemals sowas geglaubt hast?" 

Ich weiss, dass es keinen Sinn ergibt. Ich weiss, es ist schwer zu verstehen, wie ansonsten intelligente Menschen Dinge glauben können, die jedem lächerlich erscheinen, dem sie nicht als heilig anerzogen wurden. Es erscheint übermässig widersprüchlich, aber so sind Menschen eben. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Menschliche Wesen sind keine völlig rationalen Kreaturen, und das trifft auch auf die meisten Intelligenten und Gebildeten unter uns zu. 

Wir alle haben blinde Flecken, und wir alle haben Gebiete, auf denen unsere ach so geschätzte Vernunft die zweite Geige hinter Gefühlen, Vorurteilen und persönlichen Interessen spielt. Menschen sind keine völlig logisch denkenden Wesen, und genau deshalb haben wir überhaupt Dinge wie die wissenschaftliche Methode. Wir wissen nur zu gut, wie sehr wir unsere Wahrnehmung und unsere Urteile von Voreingenommenheit beeinflussen lassen. Wir brauchen die Wissenschaft deswegen, weil wir wissen, dass wir zu Aberglauben, Subjektivität und kognitiven Verzerrungen neigen. 

Als Hilfestellung für diejenigen, die ausserhalb von tief religiösen Umfeldern aufgewachsen sind, würde ich gern vier Gründe dafür aufzeigen, dass es eindeutig intelligenten und oft gut gebildeten Menschen möglich ist, Dinge zu glauben, die allen anderen "dumm" erscheinen. 

Vier Gründe, warum wir an irrationalen Ansichten festhalten
Was man als Erstes verstehen muss, ist, dass Intelligenz gebietsabhängig ist. Damit meine ich Folgendes: Menschen, die auf einem Gebiet (oder sogar mehreren) scharfsinnig und kritisch denken, können auf einigen anderen fast kindisch sein. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, wie gut viele der grössten Denker der Geschichte darin waren, Konzepte ihres eigenen Fachgebiets zu verstehen, und wie unbeholfen sie zugleich in ihrem Privatleben waren, weil sie die Feinheiten menschlicher sozialer Interaktion nie so ganz erfassen konnten. 

Um zu verstehen, was ich mit gebietsabhängiger Intelligenz meine, sehen Sie sich einmal den US-Präsidentschaftskandidaten Ben Carson an: Ein Pionier auf dem Gebiet der Gehirnchirurgie mit der politischen Klugheit eines leicht zurückgebliebenen Drittklässlers. Ein anderes, weniger bekanntes Beispiel aus dem Gebiet der Medizin, das ich hier schon einmal erwähnt habe: Der letzte Sonntagsschullehrer, den ich hatte, bevor ich die Kirche verliess, ist ein Spitzenonkologe. Er steht einem internationalen Komitee vor, das sich mit Forschungsprotokollen in seinem medizinischen Gebiet befasst, und widmet sich als Hobby der "Wissenschaft" des Kreationismus. Er verwendet zeitgemässe, hochmoderne Behandlungsmethoden im Kampf gegen den Krebs, bezieht aber seine geologischen Thesen vom Institute for Creation Research, das seit den frühen 1970er-Jahren (oder seit der späten Bronzezeit, wie manche sagen würden) keine neuen Thesen mehr veröffentlicht hat.

Wie diese Widersprüchlichkeiten möglich sind, fragen Sie? Sie sind möglich, weil Intelligenz gebietsabhängig ist. Wir müssen stets gewappnet sein gegen den Halo-Effekt, die Tendenz, Leuten, die in einem Gebiet kompetent sind, Autorität in anderen Gebieten zuzuschreiben, die ihnen nicht zusteht. Ein Beispiel: Nur weil Albert Einstein Astrophysik-Experte war, heisst das nicht, dass er eine Autorität in Politik, Philosophie oder Metaphysik (wenn es darin so etwas wie Experten gibt) war. Es sollte den Argumenten eines Gläubigen oder Nichtgläubigen kein besonderes Gewicht verleihen, dass diese oder jene bekannte Persönlichkeit in Religionsfragen "auf der richtigen Seite" stand. 

Was man ebenfalls verstehen muss, ist, dass sehr intelligente Menschen sehr unsinnige Dinge glauben, wenn man früh genug an sie herankommt. Wächst ein Mensch in einem Umfeld auf, das ein Glaubenssystem als selbstverständlich annimmt, so entwickeln sich seine Wissensbasis und seine Fähigkeiten zu kritischem Denken um dieses Glaubensgebilde herum, ohne es zu behelligen. Eigentlich könnte man sagen, dass der menschliche Verstand ohne die Kontrollmechanismen der Wissenschaft einzig dazu dient, die emotionalen Inhalte zu rationalisieren und zu bestätigen, die seit unseren ersten Jahren in unserer Psyche verankert sind. Wir denken, um zu rationalisieren, was wir bereits glauben. 

Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen, der um einen Zaunpfahl herum gewachsen ist und sich diesen "einverleibt" hat, als wäre er ein Teil des Baums? Das passiert, wenn der Pfahl schon da war, als der Baum noch nicht einmal ein Sprössling war. Intelligenz und Bildung sind auch so. Kann man ein Glaubensgebilde früh genug in ein sich entwickelndes Gehirn einbrennen, so entwickelt sich der ganze Verstand dieses Menschen um diese Ansichten herum - so, dass das Gebilde unbehelligt bleibt. Die Fähigkeiten zu kritischem Denken können sogar ausgezeichnet gut darin werden, andere Glaubenssysteme als dasjenige, um das sie herumwuchsen, zu hinterfragen. Es ist aber eine ganz andere Kompetenz, zu lernen, diese Fähigkeiten nach innen zu richten und Kernansichten zu hinterfragen, die schon eingebrannt waren, bevor sich diese Fähigkeiten entwickelten.


Eine weitere Sache, die man kaum erfassen kann, wenn man nie tief gläubig war, ist, wie sehr man uns davon abriet, uns selbst zu vertrauen. Die Vorstellungen von der Sünde und vom kaputten Menschen sind Fundamente der christlichen Botschaft, und die Kirche schärfte uns dies schon ein, bevor wir lesen und schreiben konnten. Wir lernten schon in jungen Jahren, dass man dem menschlichen Verstand nicht vertrauen könne. "Trügerisch ist das Herz, mehr als alles", lehrt die Bibel. Weiter steht in ihr: 

"So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken."

Ist es bei solchen Texten eine Überraschung, dass Christen ein Misstrauen gegenüber dem Wesen des Verstandes entwickeln? Man lehrte uns, unserem Intellekt zu misstrauen, selbst innerhalb derjeniger Subkulturen, die sonst Wissenschaft, Bildung und Nachforschung wertschätzten (ich weiss, das ist unstimmig, aber siehe Punkt 1). Wir lernten früh: Wenn unsere Logikfakultäten und unsere Vernunft mit den Lehren des Glaubens in Konflikt standen, sollten wir "das, was Gott sagt" über alles stellen, was irgendjemand anderes für sinnvoll hält. Wer kann denn bitteschön Gott persönlich widersprechen?

Zu guter Letzt haben Leute, die nicht tief in einer Glaubensgemeinschaft verwurzelt aufgewachsen sind, Probleme dabei, sich Folgendes zu vergegenwärtigen: Wie sehr der soziale Druck, beim Glauben zu bleiben, uns davon abhält, uns frei mit unseren kognitiven Dissonanzen auseinanderzusetzen. Ich erinnere mich gut daran, wie mir angst und bange wurde, wenn mein innerer Skeptiker Einspruch erhob und ich merkte, wie viel es mich kosten würde, sollte mich meine Wahrheitssuche je aus dem sicheren Hafen des Christentums herausführen. Ich wusste schon lange bevor ich anfing, ehrlich zu mir selbst zu sein, dass ich alles verlieren könnte, und grösstenteils lag ich richtig. Wenn man sein ganzes Leben um ein Gedankengut herum aufbaut, dann erschüttert einen das Hinterfragen dieses Gedankenguts bis ins Innerste des Seins, psychologisch und sozial. Bei manchen von uns droht es, unsere ganze Welt zu zerstören. 

[Lesen Sie "Die hohen Kosten eines Glaubensabfalls"]

Religion abzulehnen, kostet einen nicht viel, wenn man ausserhalb eines tief religiösen Kontexts aufwächst. Es ist ein relativ leicht zu beschreitender Pfad. Bei manchen von uns verhält es sich aber anders. Bei manchen von uns war das eine Riesensache. Und darum halten wir an irrationalen Ansichten fest, auch wenn unsere Fähigkeiten zu kritischem Denken diese schwachen Gedankengüter schon lange hätten überwinden müssen. Diese Gedankengüter genossen bei uns immer einen privilegierten Status, und es ist nicht so einfach wie es klingt, sich davon freizumachen, wenn sie das Haus sind, in dem man lebt. 

[Bildquelle: Wikipedia commons]


Originaltext: http://www.patheos.com/blogs/godlessindixie/2015/10/09/why-do-intelligent-well-educated-people-still-believe-nonsense/

Dienstag, 20. Juni 2017

53: Vorteile des Glaubens - Was gibt es zu verlieren?

Ich bin vor 1,5 Jahren definitiv Atheist geworden. Und ich glaube, dass ich mich dabei zwar in manchen Dingen etwas verändert habe, aber insgesamt doch ziemlich der exakt selbe Mensch geblieben bin und auch mein Leben gar nicht so krass anders ist. Angeregt durch diverse Inputs aus dem Netz und aus Gesprächen möchte ich heute ein paar Gedanken rund um dieses Thema mitteilen. Es geht dabei um die angeblichen Vorteile des Glaubenslebens und die Frage: Was verliert man eigentlich, wenn man dem Glauben den Rücken kehrt?


1. angeblicher Vorteil: Gottes Schutz
Christen glauben, Gott sei mit ihnen, er beschütze sie. Das klingt auf den ersten Blick wie ein grosser Vorteil gegenüber Ungläubigen. Nun ist aber kein Hellseher nötig, um festzustellen, dass Gläubige nicht öfter von Tragödien verschont bleiben als Ungläubige. Der durchschnittliche Gläubige hat nicht mehr Glück oder weniger Pech als der durchschnittliche Ungläubige. Auch in meiner Gemeinde starben Leute an Krankheiten, verloren ihre Stellen und Partner, kämpften mit körperlichen und psychischen Verletzungen und allerlei anderen Problemen. Wir halten fest: Egal, ob man von Gott geschützt wird oder nicht, die Auswirkungen sind dieselben. Man ist nicht sicher vor den harten Seiten des Lebens. Es spielt letztlich für das eigene Schicksal keine Rolle, ob man sich Gottes Schutz anbefiehlt oder nicht, da einem auch als Christ genau dieselben üblen Dinge passieren können. Und das sagt ja bereits die Bibel:

Römer 8, 28: "Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen"

Dieser Vers ist Gottes Versicherung, um desillusionierte Gläubige ruhigzustellen. Denn Gottes "Schutz" schliesst potentiell alle möglichen Ereignisse mit ein. Dass Gott einen beschützt, kann auch bedeuten, dass man als Kind misshandelt und in der Schule gemobbt wird, als Erwachsener seine Stelle, seinen Ehepartner und Familienmitglieder verliert und schliesslich noch relativ jung bei einem Unfall stirbt. Oder dass man einfach irgendwo in Afrika in tiefster Armut geboren wird und innert kürzester Zeit an Hunger oder Krankheit zugrunde geht. Ich denke, es dürfte klar sein, dass Gottes "Schutz" bedeutungslos ist und Gläubige hier nichts zu verlieren haben.

2. angeblicher Vorteil: Gottes Gebetserhörungen
Gott erhört Gebete, wie klasse! Hier muss es sich doch nun echt um einen enormen Vorteil gegenüber Ungläubigen handeln, oder? Nun ja, schauen wir einmal. Zunächst einmal werden die meisten Gebete nicht erhört. Gott erhört entgegen seiner eigenen Aussage nur Gebete, wenn er grad Lust hat. Oder nur, wenn die Erfüllung des Gebets in seinem Plan sowieso schon vorgesehen war, was das Beten völlig unsinnig macht. Und wie erhört Gott Gebete, wenn er sie erhört? Gab es jemals eine Gebetserhörung, bei der etwas eigentlich Unmögliches passierte, was noch nie irgendwo sonst passiert war? Nein, gab es nicht. Spontanheilungen werden oft genannt, etwa bei Krebs - das gibt's aber auch, wenn nicht für die Kranken gebetet wird. "Gott hat mir einen lieben Menschen geschickt, der mir geholfen hat" - das gibt's ebenfalls auch dann, wenn niemand dafür betet. "Gott hat mich mit einer schönen Landschaft/einem schönen Lied getröstet" - auch das ist ohne Gebet verfügbar. Nichts, was nach einem Gebet passiert ist, kann nicht auch ohne Gebet erreicht werden. Damit ist klar: Auch dieser angebliche Vorteil der Gläubigen ist kein Vorteil; auch hier haben Gläubige nichts zu verlieren.

3. angeblicher Vorteil: Verbesserung des Charakters
Gott verändere Menschen, er mache sie zu besseren Versionen ihrer selbst, so heisst es. Praktisch, so eine Medizin für die menschlichen Laster! Betrachten wir nun aber die Fakten. Zunächst einmal weist die gemessene Korrelation zwischen Religiosität und gesellschaftlicher Gesundheit einer Gesellschaft eher auf das Gegenteil hin: Je religiöser eine Gesellschaft, desto höher die Werte für Dinge wie Mord, Vergewaltigung, Schwangerschaft unter Teenagern, Kindersterblichkeit oder sexuell übertragbare Krankheiten. Je niedriger die Religiosität, desto niedriger dieselben Werte.

Betrachten wir nun aber einmal die Fälle, in denen jemand sich tatsächlich durch seinen Glauben zu bessern schien. Warum hat er oder sie sich gebessert? Weil Gott es ihm befahl? Dann ist er nur ein angeleinter Soziopath. Weil er die Anordnungen Gottes für gut befand? Dann war es sein eigenes Moralempfinden, das die Änderung bewirkt hat. Und Christen geben Letzteres zu, sobald man sie auf Gläubige anspricht, die sich unmoralisch verhalten. Dann heisst es nämlich, am Ende des Tages gewähre Gott dem Menschen halt den freien Willen, sich zu verhalten, wie er wolle. Wenn aber die Auswirkungen von Gottes angeblicher wundersamer Wandlung des Charakters letztlich ganz dem Willen des Menschen unterworfen sind, ist auch dieser angebliche Vorteil gegenüber Ungläubigen vom Tisch. Auch Ungläubige können moralische Richtlinien für gut befinden und sich Mühe geben, sich daran zu halten.

4. angeblicher Vorteil: Hoffnung
Die Bibel verspricht Hoffnung in der Form von Leben nach dem Tod und Gerechtigkeit für alle. All unser Leid hier auf der Erde habe einen höheren Sinn und wir könnten einmal in ewigem Glück leben. Abgesehen davon, dass niemandem der Eintritt in das Himmelreich sicher ist (siehe z.B. Matthäus 7, 21), die "Gerechtigkeit" der Bibel unter anderem auch einschliesst, dass Ungläubige und sonstige "Ärgernisse" - also auch Familienmitglieder und Freunde der Gläubigen - ewig gefoltert werden (siehe z.B. Markus 16, 16) und Gläubige ja glauben, dass die Welt, die wir haben, die beste ist, die es geben kann, solange wir einen freien Willen haben, und folglich das Paradies genau gleich sein wird wie unsere Erde, gibt es hier noch anderes zu bemängeln.

Es gibt nämlich nicht einen einzigen Grund, davon auszugehen, dass diese Hoffnung berechtigt ist. Um die Vehemenz dieses Faktors zu verdeutlichen, bediene ich mich eines Beispiels: Man stelle sich eine Person vor, die eine E-Mail erhält, in der ihr von einem nigerianischen Prinzen eine Million Dollar versprochen werden. Die Person nimmt diese Behauptung ernst, bereitet sich auf die Auszahlung vor, verbringt einiges an Zeit mit administrativen Arbeiten und dem Schreiben von Mails an den Prinzen und geht weniger vorsichtig mit ihren Finanzen um, da sie ja mit der Auszahlung rechnet. Gäbe es auch nur einen einzigen Partner/Verwandten/Freund, der dieser Person nicht sagen würde: "Das ist doch nur eine Behauptung. Du kannst doch dein Leben nicht auf einer solchen hohlen Versprechung aufbauen!" Käme irgendjemand auf die Idee, zu sagen: "Lasst sie doch, die Versprechung gibt ihr Hoffnung. Und ihr könnt ja auch nicht beweisen, dass sie nie eine Million bekommen wird, also seid mal etwas bescheidener." Und hier geht es immerhin um etwas, was tatsächlich nachgewiesenermassen möglich ist, im Gegensatz zum magischen Ort ewiger Freude der Bibel.

Ja, man könnte sagen, Gläubige haben hier gewissermassen einen Vorteil: Sie können der Realität entfliehen und sich mit hohlen Versprechungen betäuben. Doch es ist diskutabel, ob es sich wirklich um einen Vorteil handelt, wenn man den Bezug zur Realität verliert und sich stattdessen an unfundierte übernatürliche Behauptungen klammert. Es ist wichtig, sich an das zu halten, was wahrscheinlich ist, wenn man Entscheidungen trifft, denn wenn unser internes Modell von der Realität nicht mit der tatsächlichen Realität übereinstimmt, kann Schaden entstehen. Wir sehen das etwa im Moment in den USA, wo Christen sich gegen Klimaschutzmassnahmen stellen. In der Bibel steht ja nichts von Klimaproblemen, und am Ende zählt das ewige Jenseits doch mehr als das vergängliche Diesseits... Baut man sein Leben nicht auf solchen Fantasien auf, ist man eher geneigt, im Hier und Jetzt zu leben, jetzt Verbesserung anzustreben und das eigene Leben auszunutzen.

Fazit
Betrachtet man die angeblichen Vorteile des christlichen Glaubenslebens kritisch, so stellt man fest, dass sie weit weniger hergeben, als man vielleicht spontan denken würde. Wenn man nicht mehr Christ ist, verändert sich die Glücks- /Unglücksquote im Leben nicht. Man verliert keinen verlässlichen Vater, der einem im Leben auf spürbare und unersetzliche Weise hilft. Man wird nicht von einem Tag auf den anderen zum a- bzw. unmoralischen Monster. Und die angebliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und Gerechtigkeit für alle ist bei näherer Betrachtung der Bibel gar nicht so wundervoll und nebenbei völlig unbegründet. Das Leben als Gläubiger unterscheidet sich im Wesentlichen nur insofern von dem als Ungläubiger, dass man sich im ersten Fall etwas vormacht.

-Ihr Scrutator


P.S. Zur Abrundung empfehle ich Ihnen folgende von mir erstellte und untertitelte Video-Compilation zu den Themen Bedarf nach und Respekt vor Religion aus der lehrreichen Sendung The Atheist Experience.


Sonntag, 11. Juni 2017

52: Warum ich kein Christ bin

Schönen guten Tag!

Nach bald eineinhalb Jahren als Religionskritiker dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee, einmal die Hauptgründe für mein Ablehnen des Christentums in einem einzelnen Post zusammenzufassen. So muss man nicht alle meine Posts und Textmemes anschauen, um sich die besten Gründe zusammenzukratzen. Hier nun also meine Top 5.


Grund 1: Theodizee
Wenn Atheisten auf die Abwesenheit von Beweisen für Gott pochen, entgegnen viele Gläubige eine Antwort in der Art von "Die Abwesenheit von Beweisen ist kein Beweis für Abwesenheit!" Das ist prinzipiell richtig - es sei denn, es sind Beweise abwesend, die anwesend sein sollten. Der christliche Gott wird definiert als einerseits allmächtig (z.B. Matthäus 19, 26) und andererseits allgütig (z.B. Psalm 145, 17). Diese These macht die Voraussage, dass dieses Wesen die bestmögliche aller Welten schaffen wird, sofern die involvierten Bewohner dieser Welt es auch wollen. Christen behaupten, Adam und Eva hätten es nicht gewollt. Ich will es und kenne niemanden, der es nicht wollen würde. Wenn Adam und Eva unbedingt leiden wollen, so soll ihnen das zugestanden werden, aber wir anderen würden Gottes Fähigkeiten gern in Anspruch nehmen - einer bestmöglichen Welt steht also nichts im Wege.

Überlegen wir uns, was es mit sich bringt, an einen zugleich allmächtigen und allgütigen Gott zu glauben. Es bedeutet, zu glauben, dass das hier tatsächlich die bestmögliche Welt sei. Man glaubt, dass hier auf der Erde alles mit rechten Dingen zu und her gehe und das Schicksal stets gerecht sei. Zudem glaubt man, dass es im Paradies exakt gleich zu und her gehen wird wie hier, da es ja nicht besser gehe. Unsere Welt ist von Perfektion aber weit entfernt. Jeder Mensch könnte sich problemlos verschiedenste Arten vorstellen, auf die man die Welt verbessern könnte.

Um die Existenz eines göttlichen Wesens mit der Fehlerhaftigkeit und dem Leid in der Welt zu vereinbaren, muss man einen von drei Wegen beschreiten: Man muss Gott für unfähig, böse oder inexistent erklären. Man kann die Schuld nicht den Menschen zuschieben, da viel Leid nicht ihre Schuld ist (Naturkatastrophen, Krankheiten) und ein verantwortungsvoller Vater den Schutz Unschuldiger natürlich über die uneingeschränkte Handlungsfreiheit von Menschen mit bösen Absichten stellen würde. Egal, welche Antwort man gibt, sie fällt in eine dieser drei Kategorien, und in jedem Fall ist klar, dass es den Bibelgott nicht geben kann.

Wenn Gott nichts gegen die Fehlerhaftigkeit und das Leid tun kann, ist er nicht allmächtig, er ist also kein wirklicher Gott und es stellt sich die Frage, ob er die von der Bibel angekündigten Pläne überhaupt umsetzen kann, wenn er schon daran scheitert, die Welt fehlerfrei zu erschaffen und seine Geschöpfe vor Leid zu beschützen. Zudem bezichtigt man die Bibel der Lüge, da sie Gott ja als allmächtig bezeichnet. Das negiert den Anspruch der Bibel darauf, Gottes Wort zu sein, und stellt die Glaubwürdigkeit des Buches krass in Frage.

Wenn Gott nichts gegen die Fehlerhaftigkeit und das Leid tun will, ist er böse, da er sich nicht um das schert, worum es bei Ethik und Moral geht; das Wohlergehen von Menschen. Wir würden also von einem skrupellosen Tyrannen regiert, der keine Anbetung verdient hätte. Wer die Bibel kennt, weiss, dass diese Erklärung viel besser zum Buch passen würde. Dennoch würde man auch durch diese Antwort die Bibel der Lüge bezichtigen, da sie Gott immer wieder als allgütig bezeichnet, und dadurch die Verlässlichkeit des ganzen Buches in Frage stellen.

Immer, wenn man diskutiert, warum Gott etwas Fehlerhaftes/Unmoralisches getan hat (Evolution, Fehlerhaftigkeit/Uneindeutigkeit der Bibel, Umgang mit Menschen usw.), landet man beim genannten Trilemma: Wollte Gott nicht anders, konnte er nicht anders oder existiert er ganz einfach nicht? In jedem Fall erweist sich das biblische Gotteskonzept als unhaltbar. Die Theodizeefrage beweist, dass der zugleich allmächtige und allgütige Gott der Bibel nicht existieren kann. Es ist, als würde jemand einen Gott vorbringen, der alles blau anmalen kann und auch will. Wenn die Welt nicht komplett blau ist, wissen wir, dass dieser Gott nicht existiert. Wenn es einen Gott geben sollte, ist es entweder einer, der die Welt nicht blau anmalen kann oder das nicht will.

Grund 2: Jesu fehlgeschlagene Rückkehr-Prophezeiung
Ein wichtiges Kriterium wissenschaftlicher Hypothesen ist die Überprüfbarkeit: Es muss die Möglichkeit bestehen, die Wahrheit der Behauptung zu testen und so zu bestimmen, ob sie annehmbar oder falsch ist. Und viele scheinen nicht zu wissen, dass Jesus persönlich dieses Kriterium erfüllt haben soll. Leset und staunet:

Matthäus 10, 23: "Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis des Menschen Sohn kommt."

Matthäus 16, 27+28: "Denn es wird geschehen, daß des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln; und alsdann wird er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken. 28 Wahrlich ich sage euch: Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich."

Matthäus 24, 30-34: "Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem anderen. 32 An dem Feigenbaum lernet ein Gleichnis: wenn sein Zweig jetzt saftig wird und Blätter gewinnt, so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 33 Also auch wenn ihr das alles sehet, so wisset, daß es nahe vor der Tür ist. Wahrlich ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dieses alles geschehe.

Bei diesen Stellen ist es wichtig, den von Gläubigen immer so gern betonten Kotext zu berücksichtigen. Oft wird nämlich behauptet, Jesus habe in den fett markierten Versen von seiner Auferstehung gesprochen. Doch liest man die Stellen in ihrer Ganzheit, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass Jesus von seiner Rückkehr auf die Erde am Ende der Welt spricht. Das Christentum war als jüdische Weltuntergangssekte gedacht und hat sich faktisch als falsch erwiesen, als der Letzte aus dem damaligen "Geschlecht" das Zeitliche segnete.

Grund 3: Non sequitur
Non sequitur bedeutet "es folgt nicht". Diese Bemerkung fällt im logischen Denken, wenn die Prämissen eines Arguments nicht in der Lage sind, zu demonstrieren, was sie laut dem Vorbringenden demonstrieren sollen. Und da alle jemals für Gott vorgebrachten Argumente für Gott ungültig sind, fällt sie auf dem Gebiet der Religionskritik oft. Hier eine Übersicht:

"Es ist nicht bewiesen, dass Gott nicht existiert, also ist es durchaus zulässig, seine Existenz anzunehmen."
Wer dieses Argument akzeptiert, muss alles glauben, was nicht widerlegt worden ist, andernfalls muss er sich den berechtigten Vorwurf eines intellektuellen Doppelstandards gefallen lassen. Es ist auch nicht bewiesen, dass Allah, unsichtbare Einhörner oder eine winzige Teekanne, die zwischen Erde und Mars um die Sonne kreist, nicht existieren. Daraus, dass ihr Gegenteil nicht bewiesen wurde, folgt nicht, dass eine Behauptung als wahr akzeptiert werden kann. Davon abgesehen kann der Bibelgott wie oben beschrieben aufgrund der Theodizeefrage sehr wohl mit Fug und Recht als widerlegt angesehen werden.

"Ich hatte beim Beten wundervolle Gefühle, also existiert Gott."
Aus der Tatsache, dass bei jemandem beim Fokussieren auf die Vorstellungen eines allmächtigen, allgütigen Vaters Hormone im Körper umhertanzen, folgt nicht, dass ein solcher Vater existiert. Dass Gläubige verschiedener sich widersprechender Religionen solche Erlebnisse haben, beweist zusätzlich, dass solche Erlebnisse keine validen Belege sind.

"Die Welt ist zu komplex, um von allein entstanden zu sein. Die Entstehung der Welt wurde gelenkt."
Selbst wenn man einen Schöpfungsakt nachweisen könnte, wäre damit noch nicht gesagt, dass ein Gott und nicht Aliens oder eine Fee dahintersteckten. Wäre ein Schöpfergott bewiesen, so wäre nicht geklärt, ob dieser noch existiert, wer und wie dieser Gott ist, was seine Absichten sind etc.

"Die Wissenschaft kann X nicht erklären."
Eine Wissenslücke verrät uns nichts darüber, was in sie hineingehört. Wenn man etwas nicht weiss, dann lautet die korrekte Reaktion "Keine Ahnung, lasst uns nach der Antwort suchen" und nicht "In dem Fall muss Gott dahinter stecken."

"Die Bibel ist historisch korrekt."
Selbst wenn das durch's Band stimmte, wäre es kein Argument für die Wahrheit der übernatürlichen Behauptungen der Bibel. Auch Spiderman, Forrest Gump und Transformers 3 sind historisch akkurat.

"Die Bibel enthält erfüllte Prophezeiungen."
Selbst wenn dem so wäre, wäre damit nur erwiesen, dass aussergewöhnliche Leute an der Bibel beteiligt waren. Es würde nicht beweisen, dass der ganze Rest im Buch wahr ist, genausowenig, wie von Jesus bewirkte Wunder beweisen würden, dass alles stimmt, was er sagte. "Ihr müsst mir glauben, denn meine Mutter war nie mit jemandem im Bett" - das ist nicht besonders logisch, wie schon Christopher Hitchens anmerkte.

Grund 4: Keine Belege
Wer vernünftig denkt, der akzeptiert Behauptungen erst, wenn es gute Gründe dafür gibt. Das ist nichts Abgefahrenes, und jeder Mensch hat dieses Prinzip ziemlich gut verinnerlicht: Wenn nichts darauf hindeutet, dass etwas wahr ist, sollte man es nicht als wahr akzeptieren, besonders dann nicht, wenn dieses Etwas mit Verstössen gegen die uns bekannte Funktionsweise der Welt und grossem Einfluss auf unser Leben und unsere Entscheidungen einhergeht. Doch manche verwerfen das, wenn es um Behauptungen geht, von denen sie sich sehr wünschen, dass sie wahr sein mögen. Das ist irrational, da es einerseits intellektuell unredlich ist, solange man nicht alle anderen Behauptungen der Welt ebenfalls akzeptiert, und da es andererseits persönliche Präferenzen über Wahrheit stellt. Wenn einem Wahrheit etwas bedeutet, kann man redlicherweise kein Christ mehr sein, sobald man eingesehen hat, dass es keine gültigen Belege für Gottes Existenz gibt. Natürlich kann man darüber diskutieren, was vorstellbar und möglich ist, aber besonders, wenn es darum geht, worauf wir unser Leben und unsere Entscheidungen gründen, sollten wir uns an das Wahrscheinliche halten.

Grund 5: Keine Kontaktaufnahme
Hierbei handelt es sich um einen ganz persönlichen Grund, bei dem es wie bei der Theodizee-Frage zu einem interessanten unausweichlichen Trilemma kommt. Es heisst, Gott sei allmächtig und habe eine wichtige Botschaft für alle Menschen, in manchen Fällen heisst es sogar, er wolle eine Beziehung zu jedem Menschen haben. Ich weiss nichts von Gott, ich bin nicht davon überzeugt, dass er existiert. Falls er existiert, will ich das aber wissen, ich habe sogar lange Zeit darum gebetet, damals als Christ. Das bedeutet zwangsläufig eins von drei Dingen: Entweder will Gott nicht, dass ich um seine Existenz weiss, oder er kann mich nicht von seiner Existenz überzeugen, oder er existiert nicht. Im ersten Fall ist mein Unglaube nicht mein Problem, im zweiten Fall bezichtigt man die Bibel wieder der Lüge.

Christen können dieser Argumentation nur entgegentreten, indem sie mir Unehrlichkeit unterstellen ("Gott hat es ja versucht bei dir, du wolltest bloss nicht hören") oder behaupten, es sei überhaupt nicht Gottes Aufgabe, sich bei mir zu melden, sondern ich müsse weiter nach ihm suchen. Es gibt allerdings Menschen, die weit weniger in die Suche nach Gott investiert haben als ich und denen er angeblich trotzdem begegnet ist. Ich bin immer noch offen für Gott, wenn er mir etwas zu sagen hat, soll er das ruhig tun (aber bitte persönlich, anders hat's ja offensichtlich bislang nicht geklappt). Und zum zweiten Einwand sage ich: Das gilt auch für den grossen Alios. Wenn Sie ihn nicht suchen, ist es nur fair, dass Sie ewig gefoltert werden*.


So, das sind also meine fünf zwingendsten Gründe, nicht Christ zu sein. Natürlich gibt es noch viele "Sekundär- und Tertiärgründe", die darauf hindeuten, dass Unglaube die vernünftigere Option ist. Die entdecken sie auf meinem Blog und der zugehörigen Facebookseite. Danke für Ihren Besuch!

-Ihr Scrutator


*= Das ist natürlich barbarischer Quatsch. Wer einen Gott anbetet, der Ungläubige ewig foltert, hat seine Menschlichkeit für seine Ideologie geopfert.