Sonntag, 19. November 2017

57: Zehn Gründe für die Wahrheit der Evangelien unter der Lupe

Vor einiger Zeit diskutierte ich in einer Facebookgruppe mit einem überzeugten Christen, der sich auf historische Argumente stützte. Als ich mir sein Profil anschaute, stiess ich auf eine Liste mit 10 Gründen, warum die Evangelien wahr sein müssten. Im Wesentlichen wird darin versucht, die Wahrheit der Evangelien als die beste, ja die einzig richtige Erklärung für die Beschaffenheit und die Konsequenzen der Texte auszuzeichnen. Als Quelle wurde das Buch "I Don't Have Enough Faith to Be an Atheist" von F. Turek und N. Geisler angegeben.

Ich fand die Begründungen sehr interessant und nahm sie als Anlass, mich etwas eingehender mit den Ursprüngen und Anfängen des Christentums zu befassen. Zu diesem Zwecke schaute ich mir die Argumentation des christlichen Autors J. P. Holding an, der in seinem Buch "The Impossible Faith" im Wesentlichen die gleiche Argumentation darlegt wie in der Liste, und las die Antwort des Historikers Dr. Richard Carrier dazu; das Buch "Not the Impossible Faith - Why Christianity Didn't Need a Miracle to Succeed". Stürzen wir uns rein und schauen wir, wie gut die Apologeten argumentieren.

1. "Die Autoren des NT schrieben Dinge auf, die ihre Bewegung in ein ungünstiges Licht rückten. (Jünger waren fortwährend schwer von Begriff, Jünger verließen Jesus, Petrus verleugnete Jesus, etc.)"

Das ist also ein Kriterium, an dem man einen Text erkennt, der auf wahren Begebenheiten beruht? Ich habe da etwas konzipiert, was sich die "Känguru-Probe" nennt: Wenn man mit einem Argument für die Wahrheit der Evangelien auch die Wahrheit der Känguru-Bücher von Marc-Uwe Kling verteidigen kann, ist es wertlos. Kling wird in den Känguru-Bücher des öfteren von sich selbst als dumm und hässlich dargestellt. Sind seine Bücher also alle wahr?

2.
"Die Autoren schrieben unangenehme Aussagen anderer über Jesus auf. (Jesus sei ein "Fresser und Weinsäufer", von Dämonen besessen, etc.)"

Das ist noch einmal dasselbe Argument wie zuvor. Es setzt voraus, dass in einem Text, der nicht der Wahrheit entspricht, alle Figuren als makellos und ständig perfekt beschrieben werden und nichts Negatives darin vorkommt. Gelinde gesagt keine besonders realitätsnahe Präsupposition. Zudem war es ja gerade eine der wichtigen Botschaften der Christen, dass die Welt Jesus verstiess, ihn nicht hören wollte, dass der Prophet nichts galt im eigenen Lande. Es ist ein ganz wichtiger Teil der christlichen Botschaft, dass die Welt den liebenden Jesus nicht annahm und Jesus folglich all die unzufriedenen und unterdrückten Menschen dieser Welt bestens verstehen konnte.

3. "Die Autoren schrieben Worte Jesu mit sehr schwer zu erfüllenden Anforderungen auf. (Feindesliebe, Scheidungsverbot etc.)"

Die Anforderungen bei Scientology sind ziemlich hart, mit Lügendetektortests und so. Also muss Scientology wohl ebenfalls wahr sein. Der Islam hat sehr ähnliche Anforderungen wie das Christentum und man muss fünf Mal am Tag beten - welch ein Aufwand! Und Maya-Priester stachen sich mit Rochenstacheln in die Zunge und zogen dornenbesetzte Schnüre durch das Loch, um für Gottesbotschaften empfänglich zu werden - kein Zweifel, die wurden durch empirische Beweise überzeugt, sonst hätten sie sich das niemals angetan... Der Historiker Dr. Richard Carrier zeigt die Schwachheit dieses Arguments fundiert und schlüssig auf:

"Das erste Problem bei diesem Argument ist, dass es an einem verbreiteten Fehler kontrafaktischer Geschichte krankt: Es geht davon aus, dass sich nur die simpelsten, überzeugendsten Gedankengüter durchsetzen. Die Geschichte widerlegt eine solche Vorstellung deutlich: Eine grosse Zahl verrückter Gedankengüter hat grossen Einfluss ausgeübt und Jahrhunderte überdauert. Beispielsweise war die Bedingung der Kastration für die Zulassung zum Priesteramt für den Attis-Kult ‹vollkommen unnötig›, da es ‹ausreichend gewesen wäre›, stattdessen eine Art symbolischer Kastration durchzuführen (so, wie Paulus die echte Beschneidung durch eine ‹spirituelle› ersetzte und diese sogar eine bessere nannte). Das taten sie aber nicht. Und dennoch florierte der Kult, mindestens so sehr, wie es das Christentum in seinen ersten hundert Jahren tat. (...)

Jeder altertümliche Gelehrte hat das grosse Interesse der alten Griechen und Römer an Philosophien festgestellt, die eine starke Sittenordnung propagierten. Jede grosse Philosophie war moralisch fordernd – tatsächlich ist genau das der Grund, warum sie so beliebt waren. Martha Nussbaum beschreibt es treffend: ‹Die hellenistischen Schulen der Philosophie in Griechenland und Rom – Epikureer, Skeptiker und Stoiker –, betrachteten Philosophie allesamt als eine Art, die schmerzhaftesten Probleme des menschlichen Lebens anzugehen. Sie sahen den Philosophen als einen mitfühlenden Arzt, dessen Künste viele allgegenwärtige Arten menschlichen Leids heilen konnten. Sie praktizierten Philosophie nicht als gelöste intellektuelle Technik, die der Zurschaustellung von Schlauheit diente, sondern als eine integrierte und weltliche Art, sich mit menschlichem Elend auseinanderzusetzen.›
Es ist sehr leicht zu sehen – besonders, wenn man die Briefe des Paulus betrachtet –, wie das Christentum sich diesem Paradigma anpasst. Es ging auf den Spuren der beliebtesten philosophischen Traditionen seiner Zeit – und verbesserte sie, indem es sich der Bedürfnisse und Wünsche der niederen Klassen annahm (die bei Weitem mehr Mitglieder auf sich vereinten als die reiche, gebildete Elite), und indem es die Prinzipien des Zweifels und des freien Denkens ablegte, die die Griechen und Römer kultiviert hatten, und diese mit absoluter Überzeugung und Gewissheit ersetzte, was mehr Leute wollten. (...)

Viele grosse Traditionen der Enthaltsamkeit und des Mitgefühls hatten Erfolg, vom Buddhismus bis zum Zynismus des Diogenes, ohne dass empirische Beweise oder ein göttliches Wunder nötig gewesen wären. Es ist wahr, dass das Christentum wahrscheinlich keine Schurken für sich gewann, die mit ihren verruchten Leben glücklich waren – aber wie der Buddhismus, der Zynismus oder der Marxismus gewann es sicherlich diejenigen für sich, die (…) mehr vom Leben erwarteten oder die (…) genug vom Elend ihrer eigenen Sünden hatten. Und das beschreibt viele Leute in alter Zeit (wie auch heute). (…) 

Natürlich könnte das ein zu grosses Zugeständnis sein. Es ist ein offensichtliches Fakt, dass die meisten überzeugten Christen den moralischen Auflagen ihres Glaubens nicht wirklich Folge leisten. Es gibt heute genau so viel Ehebruch und Sünde innerhalb der christlichen Gemeinschaft wie in jeder anderen Gruppe. Und die zur Verfügung stehenden Belege zum altertümlichen Christentum und der menschlichen Natur allgemein lassen nicht den Schluss zu, dass es damals anders war. Viele Leute dachten wahrscheinlich, sie könnten dem Christentum beitreten und von seinen Vorzügen profitieren, ohne ihren moralischen 'Mitgliederbeitrag' zu entrichten, und zweifelsohne kamen damals wie heute viele damit durch – trotz der grossen Anstrengungen von Predigern wie Paulus, die die Gemeinden zu bändigen versuchten. In anderen Worten: Holdings Argument setzt voraus, dass die Leute nur Christen werden konnten, indem sie moralisch enthaltsam wurden, und das ist heute nicht wahr und war es damals nicht." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

4. "Die Autoren des NT unterschieden klar zwischen Jesu Worten und ihren eigenen Worten. (Sie schrieben Jesus nicht Worte zu, um theologische Dispute zu regeln)"

Auch in diesem Punkt ist überhaupt nicht zu sehen, wo hier ein Argument für die Wahrheit der Evangelien enthalten sein soll. Auch Marc-Uwe Kling unterscheidet in seinen Büchern klar zwischen den Worten des Kängurus und seinen eigenen Worten.

Aber vor allem muss man sich fragen: Woher wollen Turek und Geisler bitteschön wissen, dass alles, was die Evangelien Jesus zuschreiben, auch wirklich so von ihm gesagt wurde? Wenn wir die historischen Fakten betrachten, sehen wir, dass die kanonischen Evangelien im Abstand einiger Jahrzehnte jeweils zu grossen Teilen vom Vorgänger abgeschrieben wurden, während manche Dinge gestrichen, manche abgeändert und manche - wie das Ende des Markusevangeliums oder die Geschichte mit der Ehebrecherin - später hinzugefügt wurden, wodurch sich die Theologie veränderte. Der Verdacht liegt also äusserst nahe, dass die Autoren das Evangelium an ihre eigenen Ansichten anpassen wollten. Ganz besonders dank Paulus verändert sich die Lehre enorm; insbesondere wurde sie entjudaisiert. Richard Carrier schreibt:

"Als das Christentum den Markt offenbar so weit wie möglich ausgeschöpft hatte (aber trotzdem noch einige Konvertiten ausserhalb gewinnen konnte), begann es, die Religion zu entjudaisieren, um sie den Heiden schmackhafter zu machen. Wir können den Anfang dieses Prozesses im 2. Jahrhundert beobachten, und manche Gelehrte sehen ihn bereits in den Evangelien und selbst bei Paulus. Dieser Schachzug war nach den beiden gescheiterten jüdischen Kriegen (in den 60ern und 130ern) zunehmend nötig geworden, in denen die Juden viel von ihrer früheren Unterstützung und Sympathie einbüssten. Die Taktik funktionierte jedenfalls. Die Christen konnten ab dann die alte Überzeugungshilfe verwenden: ‹Der Feind deines Feindes ist dein Freund.› Und sie konnten damit beginnen, ihre Religion philosophischer, hellenistischer und weniger jüdisch zu gestalten und dabei behaupten, das Judentum überflüssig gemacht zu haben. Als seine Jüdischkeit wirklich zum Problem wurde, fand das Christentum schnell einen Weg, dieses Hindernis zu umgehen. Natürlich hat Holding Recht: Wäre das Christentum stur jüdisch geblieben, hätte es keinen Erfolg gehabt – und tatsächlich hatten die ursprünglichen jüdischen Richtungen des Christentums keinen Erfolg. Darum waren die erfolgreichen christlichen Bewegungen zunehmend weniger jüdisch, und darum wurde die westliche christliche Tradition zu einer Triebfeder für das Schreckgespenst des Antisemitismus.

Holding scheint nicht so viel einzugestehen; er schreibt lediglich, dass sich das Christentum 'nie viel weiter in der Welt der Heiden hätte ausbreiten können als bis in die Kreise jener Heiden, die bereits gottesfürchtig waren.' Natürlich hat es das auch nicht – d.h. nicht viel weiter –, bis später, als Beweisfragen kein Thema mehr sein konnten und die erfolgreichen Richtungen ihre Jüdischkeit abzulegen begannen und sich im Endeffekt gegen das Judentum wandten. Dennoch erreichte das Christentum schon früh Gruppen, die nicht der Kategorie der Juden und deren Sympathisanten angehörten, aus dem einfachen Grund, dass das Christentum das Konvertieren vereinfachte. Was viele vom Konvertieren zum Judentum abschreckte, war seine krasse Liste mühseliger sozialer und persönlicher Einschränkungen und die Bedingung der enorm schmerzhaften und ziemlich gefährlichen Praxis der körperlichen Verstümmelung; der Beschneidung (in einer Welt mit begrenzten Betäubungs- und Desinfektionsmitteln). Sobald Paulus diese Eintrittsbedingungen abgeschafft hatte, hatte er eine jüdische Sekte, die unter Garantie beliebter sein würde als jede vorherige Form. Der gesteigerte Erfolg des Christentums war also alles andere als unmöglich – er war garantiert." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

5. "Die Autoren des NT beschrieben Ereignisse bei Begräbnis und Auferstehung Jesu, die sie nicht erfunden hätten. (Z.B. dass nicht sie, sondern ein Mitglied des Sanhedrin (Joseph von Arimathäa) das Begräbnis für Jesus organisierten; dass Frauen die ersten Zeugen der Auferstehung waren, u.a. die früher dämonenbesessene Maria Magdalena)."

Woher wissen Turek und Geisler, dass man so etwas nie und nimmer erfunden hätte? Wenn ich ein Buch schreibe und dabei etwas einbaue, was nicht so ganz den sozialen Normen meiner Zeit entspricht, ist folglich jeder Buchstabe meines Berichts wahr? Non sequitur.

Darüber hinaus wird hier ein falsches Dilemma gebastelt: "Entweder sind die Evangelien wahr oder komplett erfunden." Dabei wird die Möglichkeit ignoriert, dass die Autoren auch einfach unabsichtlich falsch gelegen haben könnten. Und wenn wir die historischen Fakten kennen, wissen wir, dass die Evangelien von nicht-Augenzeugen verfasst wurden, von gebildeten, griechischsprachigen Leuten, die sich nie als Augenzeugen bezeichnen, in der dritten Person und der allwissenden Erzählerperspektive Legenden niederschrieben, die man sich unter den frühen Christen während der letzten Jahrzehnte weitererzählt hatte. Wir müssen davon ausgehen, dass sie so ziemlich alle Elemente ihrer Geschichten dem entnahmen, was man sich so erzählte, nicht ihrer Vorstellungskraft.

Zudem sind beide angeblich problematischen Elemente alles andere als problematisch. Mit der Erwähnung eines reichen Grabspenders versuchten die Autoren wohl, eine angebliche Messiasprophezeiung aus Jesaja 53, 9 zu erfüllen. Und die Sache mit den Frauen war ebenfalls kein grosses Problem:

"Es gibt keine Belege dafür, dass Christen je weibliche Zeugen nutzten, um das Evangelium zu verbreiten  was Holding selbst zugibt, als er 1. Korinther 15 zitiert: Die einzigen Belege, auf die Christen zur Gewinnung von Konvertiten zurückgriffen, waren Augenzeugenberichte von Männern. Es mussten also keine Vorurteile überwunden werden, selbst wenn weiblichen Zeugen solche im Weg gestanden wären. (...) Die Beteiligung von Frauen in der christlichen Geschichte war nicht grösser als in der Geschichte Israels, von Mirjam über Sarah bis zu Ruth  und vergessen wir nicht die Prophetinnen Deborah (Richter 4) oder Huldah (2. Könige 22, 12-20). Dennoch wandten sich die Juden nicht angewidert von ihrem Glauben ab, weil Frauen in ihrer Geschichte eine so wichtige Rolle gespielt hätten, genausowenig wie Heiden deswegen davon abliessen, das Judentum zu unterstützen oder ihm beizutreten. (...) Josephus (...) sagt aus, er habe seinen ganzen Bericht von den heroischen Opfern bei Gamala und Masada in beiden Fällen von keiner anderen Quelle als jeweils zwei Frauen  und scheint sich dafür nicht zu schämen." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

6. "Die Autoren des NT erwähnten mehr als 30 Personen, die durch außerbiblische Quellen historisch bestätigt wurden. (Wäre daran etwas falsch gewesen, hätte man es leicht nachprüfen und widerlegen können, z.B. die Begegnungen und Gespräche von Paulus mit Festus, Felix, etc.)."

Wenn in einer Geschichte echte Personen vorkommen, ist sie also zwangsläufig wahr. Forrest Gump zum Beispiel basiert also auf einer wahren Geschichte, da kommt z.B. John F. Kennedy vor. Oder die Nibelungensage, die enthält etwa den historisch bestätigten Burgunderhof und den historisch bestätigten Attila, den Hunnen.

Ein zentraler, historische Ignoranz beweisender Fehler bei diesem Argument besteht darin, dass hier angenommen wird, im damaligen Palästina hätten lauter Skeptiker gelebt. Dr. Richard Carrier weiss es besser:

"Holding kann nicht behaupten, dass das Christentum auf lauter akribischen Skeptizismus gestossen sei. Skeptizismus war eindeutig (...) weder weit verbreitet noch effektiv darin, den Erfolg (...) mythischer Erklärungen einzudämmen. Dasselbe können wir bei jeder anderen Behauptung erwarten, sei es nun das Christentum oder irgendein anderer Aberglaube der damaligen Zeit. Ja, es gab akribische, leidenschaftliche Skeptiker. Aber das Christentum konnte sie nicht für sich gewinnen  jedenfalls haben wir keine Belege dafür in den ersten paar hundert Jahren des Christentums. Vielmehr gewann es in dieser Zeit Leute für sich wie diejenigen, die eine Sonnenfinsternis auf Zauberei oder Dämonen zurückführten." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

Die gewöhnlichen Leute von damals waren enorm ungebildet und abergläubisch. Und überhaupt: Leicht nachprüfen? Wir reden von Israel im Altertum. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei etwa 48 Jahren, allfällige Zeugen starben schnell aus. Und es gab keine Zeitungen, keine Telefone, kein Internet, und Reisen waren beschwerlich und lang. Es war den Leuten also praktisch unmöglich, die Behauptungen zu überprüfen. Carrier gibt zu bedenken: "Selbst heutzutage: Versuchen Sie einmal, einen Augenzeugen zu finden (keinen Zeitungsartikel, einen echten, lebendigen Augenzeugen), der bezeugen kann, dass an einem fernen Ort im Jahre 1948 etwas nicht geschah." Aber gerade bei den angeführten Beispielen ist das alles eigentlich sowieso egal: Wenn wir z.B. sicher wüssten, dass Festus und Felix Paulus trafen und der ihnen erzählte, was er glaubte, würde das genau das beweisen und nichts weiter. Selbst wenn jemand eingehend nachgeforscht und nichts gefunden oder sogar das Gegenteil bewiesen hätte - dann hätte man sich immer noch sagen können, dass solche Nebensächlichkeiten ja die Glaubwürdigkeit der Kernbotschaft, in erster Linie der Auferstehung, nicht beeinflussten.

Ebensogut könnte man sagen, die griechische Mythologie müsse wahr sein, weil sie besagte, die Götter lebten auf dem Olymp, was man theoretisch hätte überprüfen können. Und wo wir grade von Nachprüfbarkeit reden: In der Bibel heisst es, bei Jesu Kreuzigung sei eine mehrstündige Finsternis über das ganze Land gefallen, es sei zu einem heftigen Erdbeben gekommen und Tote seien aus ihren Gräbern und in die Stadt gekommen, wo viele sie gesehen hätten (Matthäus 27, 45-53). Kein einziger Historiker, der zur damaligen Zeit von dort berichtete, erwähnt diese unübersehbaren Ereignisse. Und so gut können und müssen die Belege auch gar nicht gewesen sein, wie Richard Carrier zu berichten weiss:

"Der Erfolg des Christentums war bis ins späte 3. Jahrhundert alles andere als bemerkenswert. Davor war es ein sich schwer tuender Minderheitenkult. Die römische Gesellschaft hatte es vor Trajans Amtszeit kaum bemerkt. (…) Als die Beweise theoretisch noch überprüfbar waren (…), konnte das Christentum nur einen winzigen Bruchteil der griechischen, römischen und jüdischen Welt für sich gewinnen. Für diese Art bescheidenen Erfolgs war es nicht nötig, dass das Christentum das marktfähigste Produkt seit der Erfindung des Biers war. Solange es sich überhaupt vermarkten liess, solange ein winziger Teil der evangelisierten Gruppen es attraktiv finden würde – und das würde man, wie wir gesehen haben –, hätte es Erfolg in der Grössenordnung, die wir in diesem ersten Jahrhundert auch tatsächlich beobachten, genau wie der Attis-Kult. Und es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass es eine wesentlich grössere Abschreckung darstellte, von Männern zu verlangen, sich die Hoden abzuhacken, als einen körperlich auferstandenen Christus zu predigen; eine Vorstellung, die viele Leute bereits als plausibel akzeptierten." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith 

7. Die Schriften des NT enthalten genügend Abweichungen in Details, um unabhängige Zeugenberichte zu sein, und genügend Übereinstimmungen in der Kernbotschaft, um über die gleichen Ereignisse zu schreiben. (Simon Greenleaf, Harvard Professor in Law: "Die Evangelien würden heute vor Gericht problemlos als Augenzeugen-Aussagen anerkannt".)"


Die Evangelien sind sich nicht darüber einig, was Jesus sagte, was er tat und erlebte, an welchem Tag er hingerichtet wurde, wie viele Frauen zum Grab gingen, was dort passierte... Die Liste ist lang - sicher zu lang, als dass man von verlässlichen Berichten sprechen könnte. Auch handelt es sich nicht um Zeugenberichte. Wie bereits oben beschrieben sind die Evangelien nicht wie Zeugenberichte geschrieben, sondern wie fiktive Geschichten; in der dritten Person aus der allwissenden Erzählerperspektive (Dr. Carrier nennt das Genre "mythische Biographie"). Sie wurden erst Jahrzehnte nach den angeblichen Ereignissen niedergeschrieben und enthalten Dinge, die kein Augenzeuge hätte berichten können. Jesu Nachfolger waren ungebildete Leute aus der Unterschicht, die anonymen Autoren der Evangelien aber konnten schreiben und beherrschten die griechische Sprache.

Unabhängig war da gar nichts. Die Evangelisten schrieben voneinander ab, teils 1:1. Und dass es eine Kernbotschaft gab, beweist nichts. Es ist ja durchaus möglich, dass da ein wahrer Kern drinsteckte, dass es einen Jesus gab. Dass die über Jahrzehnte weitererzählten Gerüchte über ihn, die in diese Geschichten einflossen, wahr sind, das kann man so keinesfalls herleiten. Nicht ohne Grund behandeln Gerichte schon Augenzeugenberichte aus erster Hand mit äusserster Vorsicht, die es für Alienentführungen etwa gibt. Und wer diesen Leuten nicht glaubt, kann den Evangelien erst recht nicht glauben.

8. "Die Autoren des NT fordern ihre Leser heraus, die Fakten zu überprüfen, und auch Wunder nachzuprüfen. (Paulus spricht in 1. Kor. 15 von 500 Augenzeugen der Auferstehung, "von denen die meisten noch leben")."

Das tun sie ganz und gar nicht. Generell wird den Gläubigen in der Bibel geraten, blind zu vertrauen, den Verstand zurückzustellen und angebliche Propheten "an ihren Früchten zu erkennen", also quasi durch ihre Moral ihre Glaubwürdigkeit zu bestimmen. An der erwähnten Stelle schreibt Paulus - der selbst keine Beweise für die Auferstehung hatte und laut Apostelgeschichte auch in Gerichtsverfahren keine vorbrachte - lediglich, Jesus sei "mehr als fünfhundert Brüdern erschienen". Er behauptet also, dass eine grosse Gruppe von Menschen behaupte, Jesus sei ihnen "erschienen" (was auch immer das bedeutet) - that's it. Im Buch Mormon finden sich die Unterschriften von elf namentlich erwähnten Zeugen, die schwören, die goldenen Tafeln gesehen zu haben, die Prophet Joseph Smith von einem Engel überreicht worden seien. So what? Sie finden auch Leute, die bezeugen, Elvis oder Tupac lebten noch! Jemanden zu finden, der etwas behauptet, ist kein Beweis für irgendetwas.

Und noch einmal: Wir sind hier im altertümlichen Israel. Es wäre enorm beschwerlich gewesen, hätte ein Korinther tatsächlich versucht, diese Zeugen - auch nur einen einzigen von ihnen - zu finden. Und wäre man aufgebrochen und hätte niemanden gefunden, der die Wunder bezeugte, so hätte das nicht zwingend bedeutet, dass man nun überzeugt war, dass Paulus und Co. gelogen hatten. Diejenigen, die die Behauptung der Auferstehung schluckten, taten das laut Bibel zudem gewöhnlich ohne jegliche Nachforschung, an Ort und Stelle. Das waren keine schwer zu überzeugenden Skeptiker. Und selbst heute, in Zeiten des Internets, verbreiten sich regelmässig mit einigem Erfolg Gedankengüter, deren Behauptungen mit etwas Nachforschung leicht zu widerlegen sind, wie etwa die Thesen der "Ancient Astronaut Theorists".

9. "Die NT Autoren beschreiben Wunder wie alle anderen Ereignisse: mit einfachen Worten, ohne Ausschmückungen."


Zeit für die Känguru-Probe: Werden dort die "übernatürlichen" Ereignisse ausgeschmückt? Nein, kaum bis gar nicht.

10. "Die Autoren des NT gaben tief verwurzelte, 1500 Jahre alte Überzeugungen auf (Tieropfer, Gesetz, Beschneidung, Sabbat am Samstag, etc.), und nahmen radikale neue Überzeugungen an (Abendmahl: Brot und Wein (Leib und Blut Jesu), vollkommenes Opfer Jesu am Kreuz (also Rettung nicht durch Gesetz), Feiertag am Sonntag, Taufe etc.) und waren bereit, dafür in den Tod zu gehen."


Ich lasse zunächst wieder den Experten Dr. Richard Carrier antworten: 

"Von den Anfängen in den Briefen des Paulus an verbindet jeder zur Überzeugung verfasste christliche Text das Christentum eng und tiefgreifend mit den jüdischen Schriften, die selbst von den Heiden zu den ältesten Prophetenworten der Menschheit gezählt wurden. Das Christentum behauptete nie, es sei von Jesus ‹gegründet› worden – es behauptete stets, Jesus stelle lediglich den Höhepunkt eines göttlichen Plans dar, der seit Jahrtausenden niedergeschrieben war (z.B. Römer 16, 25-26), von einem Gott aus alter Zeit, dessen Anbetung viele Römer genau deswegen respektierten, weil die jüdische Religion eine derart eindrückliche Antiquität vorweisen konnte. (...)

Tatsächlich waren die augenfälligsten innovativen Elemente im Christentum dessen beliebteste Eigenschaften: Es nahm das Judentum, das bereits heidnische Konvertiten für sich gewann, und machte es noch attraktiver, indem es dieses viel weniger mühsam gestaltete (…). Es versprach zudem, die am meisten verachteten Werte der Elite zu untergraben und eine egalitäre Utopie der Gerechtigkeit für den kleinen Mann zu erschaffen (für’s Erste allerdings nur innerhalb der Kirche). Natürlich machte es das für die meisten Mitglieder der Elite und viele Juden zu einem verabscheuungswürdigen Aberglauben. Aber in der unzufriedenen Masse, unter Juden als auch Heiden, konnte es aufregend und attraktiv wirken. Die Christen beseitigten sogar einige der schwerwiegendsten Vorwürfe gegenüber dem Judentum, die von Gegnern wie Tacitus geäussert wurden. Zum Beispiel liessen sie von genau den Gesetzen ab, die Tacitus als ‹unheilvoll und scheusslich› betrachtete, besonders die Beschneidung, und sie liessen von Rassismus und engstirniger ‹Gruppenloyalität› ab, Dinge, denen ebenfalls Tacitus’ besonderer Spott galt. Das Christentum konnte in seinen Augen also nur eine Verbesserung darstellen. (…) Das Christentum war viel weniger fordernd als das Judentum. (...)

Es sollte keiner Verteidigung bedürfen, dass [das Anpreisen einer Karotte am Strick] tatsächlich ein Vorzug und kein Nachteil war. Indem es alles versprach, was sich jemand jemals wünschen konnte – Unsterblichkeit, Macht (z.B. 1. Korinther 6, 3), Freiheit von Krankheit und Not, Sicherheit vor Verletzung und Ungerechtigkeit, und vor allem den Trost einer tief von Liebe erfüllten Gesellschaft –, hatte das Christentum ein äusserst verlockendes Produkt auf den Markt gebracht. Selbstverständlich hätte eine Bewegung, die all dies hier und jetzt hätte anbieten können, innert kürzester Zeit jeden als Mitglied gewonnen. Aber so eine Bewegung gab es nicht. Eine Karotte am Strick war also das einzige, was man verkaufen konnte. (…) Es reicht, anzumerken, dass viele beliebte Religionen der damaligen Zeit die selben Versprechen machten, von den Isis- und Mithraskulten bis zu den eleusinischen oder bacchischen Mythen, und die Leute liefen ihnen in Scharen zu – tatsächlich wesentlich mehr Leute, als dem Christentum in seinen ersten drei Jahrhunderten zuliefen –, ohne, dass sie massgebliche empirische Beweise dafür benötigt hätten, dass sie die Güter tatsächlich besassen. Ganz klar war nicht viel nötig, um die Leute davon zu überzeugen. " -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

Bereitschaft, für eine Überzeugung in den Tod zu gehen, beweist nichts, wie etwa islamistische Selbstmordattentäter zeigen. Es zeigt nur, dass da jemand wirklich sehr überzeugt ist, nicht, dass seine Überzeugung auf Fakten basiert. Abgesehen davon gibt es kaum verlässliche Aufzeichnungen dazu, wie die ersten Christen starben. Und auch hier wird wieder ein falsches Dilemma benutzt: "Entweder sagten die ersten Christen die Wahrheit, oder sie hatten alles erfunden, und für etwas Erfundenes würde ja niemand sterben." Erneut wird die Möglichkeit ausgeklammert, dass sie sich einfach getäuscht haben könnten, dass sie ehrlich glaubten, Jesus sei auferstanden, weil ihre Wahrnehmung sie in die Irre geführt hatte, weil das Grab aus unerfindlichen Gründen leer war... Wir wissen es nicht.

Fazit
Ich frage mich, wie gut Christen diese Liste im Allgemeinen so finden. Derjenige, der sie gepostet hatte, schien absolut überzeugt davon zu sein, aber ich hoffe und denke eigentlich auch, dass viele sie zumindest grösstenteils für genauso wenig schlagkräftig befinden wie ich. Mehrheitlich sind die Gründe wirklich absurd; man könnte damit zahlreiche andere Bücher und Kulte als "wahr" verteidigen. In erster Linie wird hier ein riesiger Strohmann aufgebaut: Man impliziert, wenn das Christentum nicht wahr sei, dann müsse die Bibel ein von Marketingfachleuten verfasster, lächerlich aufgebauschter, an allen Ecken und Enden beschönigender, keine einzige reale Person erwähnender Superheldenroman sein. Unter dem leichtesten Druck kritischer, ein wenig historisch fundierter Betrachtung zerfällt diese Präsupposition zu Staub. Das Christentum war und ist nichts ausserordentlich Besonderes, es war kein Wunder nötig, damit die christliche Bewegung entstehen konnte - genausowenig wie bei jedem anderen Kult der Welt.

-Ihr Scrutator


Spannende Links zum Thema:

Dr. Bart Ehrmans Plädoyer zur Historizität der Evangelien

Dr. Richard Carriers Vortrag "Christianity Debunked Using Science and History"

David Fitzgeralds Vortrag "Examining the Evidence of a Historical Jesus"

Historiker sprechen über Paulus' Veränderung der christlichen Lehre

Samstag, 11. November 2017

56: Ist religiöser Humanismus möglich?

Zwischen dem 2. und 5. November fand in Zürich das Denkfest statt. Dort traf ich mit Michael Schmidt-Salomon eines meiner Idole, hielt einen Vortrag über meinen Weg vom Prediger zum Ungläubigen und hörte am Abschlusstag eine Podiumsdiskussion zur Frage "Braucht der Humanismus eine Reform?" (Foto: Valentin Abgottspon). Und Letztere brachte mich ins Nachdenken. Denn während des Podiums gaben sich auch die Religionsvertreter von Judentum, Christentum und Islam als "Humanisten" aus. Als jemand, der sich mit Religion einigermassen auskennt, gab mir das zu denken. Meinten hier alle, die Säkularen und die Religionsvertreter, dasselbe mit "Humanismus"? Diese Frage kam in der Diskussion zu kurz. Meine Freundin und ich diskutierten eine ganze Weile über diese spannende, relevante Frage, und heute möchte ich diese Frage in einem Blogeintrag behandeln.

Ein löblicher Ansatz
Humanismus ist, wenn man auf den Menschen setzt. Wenn man sich der Vernunft bedient und den Menschen ins Zentrum seiner Moralphilosophie stellt. Michael Schmidt-Salomon packte die Vorstellung in seinem Buch "Hoffnung Mensch" in ein Credo:

"Ich glaube an den Menschen
Den Schöpfer der Kunst
Und Entdecker unbekannter Welten.
Ich glaube an die Evolution
Des Wissens und des Mitgefühls
Der Weisheit und des Humors.
Ich glaube an den Sieg
Der Wahrheit über die Lüge
Der Erkenntnis über die Unwissenheit
Der Phantasie über die Engstirnigkeit
Und des Mitleids über die Gewalt.

Ich verschließe nicht die Augen
Vor den Schrecken der Vergangenheit
Dem Elend der Gegenwart
Den Herausforderungen der Zukunft
Aber ich glaube
Dass wir bessere Wege finden werden
Um das Leid zu vermindern
Die Freude zu vermehren
Und das Leben zu bewahren.

Ich glaube an den Menschen
Der die Hoffnung der Erde ist
Nicht in alle Ewigkeit
Doch für Jahrmillionen
(Amen)."

Und es gibt inzwischen liberale Religiöse, die sagen, Religion stehe dazu nicht im Widerspruch. Da muss man erstmal sagen: Löblich! Angesichts der Tatsache, dass wir Religionskritiker niemals alle Menschen "bekehren" werden, fällt einem da doch einigermassen ein Stein vom Herzen, denn es zeigt: Wir müssen das auch gar nicht. Entgegen dem, was viele Religiöse über Religionskritiker wie mich glauben, geht es mir nämlich nicht einfach nur darum, den Leuten irgendwie grundsätzlich auch den letzten Funken Glauben auszutreiben. Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass Menschen an irgendwelche höheren Mächte oder sowas glauben (auch wenn das irrational ist). Der Grund, warum ich Religion kritisiere, ist in erster Linie der darin angelegte "Anti-Humanismus", die negativen Auswirkungen, die mit dem Glauben leider so oft einhergehen. Und genau an dieser Stelle liegt das Problem: Kann man Religionen wirklich so weit reinwaschen, dass etwas übrig bleibt, das nicht mit Humanismus im Konflikt steht?

Differenzen und Konflikte
Woher kam denn mein Gedanke, zwischen Religion und Humanismus könnte es Konflikte geben? Nun, ich denke, auch wenn man die abrahamitischen Religionen enorm zurechtschneidet und -biegt, so gibt es dennoch gewisse zumindest potentiell humanismusfeindliche Konzepte, von denen sich zu trennen für diese Religionen kaum vorstellbar scheint. Dies beginnt strenggenommen schon mit dem blossen Glauben an höhere Mächte. Der ist zwar nicht grundsätzlich ein moralisches Problem, ist aber rational nicht zu rechtfertigen, stellt also einen Verstoss gegen die Vernunft dar. Schon bevor wir überhaupt angefangen haben, die genauen Eigenschaften und Konsequenzen dieses Glaubens zu erörtern, driften Humanismus und Religion auseinander, da der Humanismus konsequent an der Vernunft festhält, während die Religion bereit ist, diesbezüglich Ausnahmen zu machen. Sie lässt die Tür offen für die "Erkenntnismethode" des Glaubens, mit der sich alles rechtfertigen lässt, und untergräbt so ein fundamentales, enorm wichtiges Prinzip des Humanismus: Das logische und kritische Denken, die Basis für effektives und effizientes Problemlöseverhalten.

Eine sehr zentrale religiöse Vorstellung ist die, wir seien gottgeschaffene Kreaturen, die unter allem in der Natur, die von diesem Gott für sie gemacht wurde, etwas ganz Besonderes seien - die Krone der Schöpfung. Auch die liberalste aller christlichen oder muslimischen Konfessionen wird diese Vorstellung kaum entbehren können. Und ein Mensch, der glaubt, dass er speziell von einem Gott und die Natur für ihn geschaffen wurde - und eventuell auch noch, dass dieser Gott einen Plan dafür hat, wie das hier alles weitergehen wird -, wird sich, die Welt und seine Rolle in dieser anders betrachten als ein Mensch, der sich wie ein Humanist an den Fakten orientiert. Die Fakten sagen uns, dass wir quasi die Neandertaler von morgen sind, ein Produkt der Evolution, das sich durch ein aussergewöhnlich grosses Gehirn auszeichnet, ansonsten aber keine Sonderstellung in der Natur einnimmt.

Damit sind die Differenzen betreffend des Menschenbildes noch nicht abgehandelt. Den abrahamitischen Religionen wohnt nämlich ein weiteres sehr zentrales Konzept inne, das angesichts des eben genannten Konzeptes paradox anmuten mag, und das ist dasjenige der tiefgehenden Verkommenheit des Menschen. So betonte der muslimische Verteter am Denkfest-Podium, er glaube nicht, dass der Mensch das Potential habe, sich zum Besseren zu entwickeln. Und die Hauptbotschaft des Christentums, seine "sales pitch", ist die Erlösung. Dass der sündige Mensch von aussen erlöst werden müsse, ist ein weit vernichtenderes Urteil als dasjenige des Humanismus. Auch hier zeichnet eine Orientierung an den Fakten ein anderes Bild: Die Gewalt unter uns Menschen nimmt stetig ab und eine schwarz-weiss-Einteilung in Gut und Böse, verkommen und heilig ist fehlgeleitet. Während Religion dem Menschen oft primär Schuldgefühle einimpfen möchte, steht der Humanismus für Realismus und Hoffnung ein.

Der Wert des Menschen wird in der Religion für gewöhnlich davon abgeleitet, dass er von Gott geschaffen sei und Gott ihm Wert beimesse. Das impliziert, dass der Mensch wertlos wäre, wenn man Gott nicht annehmen würde. Es impliziert zudem, dass bei Wert- und Moralfragen Gott ins Zentrum gehöre statt der Mensch. Auch wenn die Wirkung in vielen Fällen ähnlich ausfallen dürfte, so liegt doch ein grosser Unterschied dazwischen, ob man Humanist ist, weil Gott es so will, oder weil man selbst davon überzeugt ist. Volker Dittmar meinte: "Unser Leben hat den Wert, den wir ihm selbst geben. Nur Sachen und Sklaven haben den Wert, den andere ihnen geben."

Man könnte noch mehr anführen. Fassen wir zusammen: Eine wirklich absolut humanismustaugliche Religion müsste einen Gott verkünden, dessen Existenz rational begründbar ist, der den Menschen nicht als erhabene Krone seiner Schöpfung anpreist und keinen vorgefertigten Plan hat, der klarstellt, dass bei der Moral ganz allein der Mensch im Zentrum steht, der den Menschen nicht als verkommen und strafwürdig verurteilt und dem es völlig egal ist, ob die Menschen an ihn glauben oder nicht. Es stellt sich die Frage: Wird so ein Gott irgendwo verehrt?

Der Teufel im Detail?
Wenn humanismusfeindliche Konzepte kaum aus den Religionen wegzukriegen sind, könnte es dann nicht sein, dass sie tatsächlich darin geblieben sind? Dass eine Humanismusdefinition angenommen wird, die Raum lässt für Konzepte, die eigentlich humanismusfeindlich sind?

Denken wir an Diskussionen mit Religiösen, in denen es um "Rationalität" geht. Hätte man am Denkfest ein Podium zum Thema Rationalität abgehalten, so hätten sich unter Garantie von jeder grossen Weltreligion Vertreter gefunden, die ihre Religion als rational bezeichnet hätten. Bei einer tiefgehenden Diskussion hätte sich jedoch gezeigt, dass sie diesen Begriff sehr unterschiedlich definieren und Dinge als rational bezeichnen, die zutiefst irrational sind. Und ich hege den Verdacht, dass es sich auch beim angeblichen Humanismus der Religiösen zumindest vereinzelt so verhält. Bestimmt gibt es Christen und Muslime, die Humanismus so definieren, dass es darum gehe, das Beste für den Menschen zu wollen, und als das Beste für den Menschen sehen sie unter anderem an, dass sich Frauen ihren Männern unterordnen. Der Teufel dürfte wie so oft im Detail stecken - Vorsicht ist geboten.

Eine unnötig schwierige Aufgabe
Eines steht fest: Es ist nicht so, dass die fundamentalistischen Christen und Muslime ihre Religion korrumpiert, verfälscht, pervertiert hätten. Vielmehr haben die Liberalen ihre Religion bereinigt, zensiert, beschönigt. In Diskussionen zwischen den beiden Lagern sind die Liberalen auf verlorenem Posten. Während die Fundamentalisten auf ein ganzes Arsenal an Bibel- und Koranversen zurückgreifen können, bleibt den Liberalen nichts weiter, als auszuführen, dass sie persönlich der Meinung seien, man müsse die "heiligen" Texte in der heutigen Zeit ganz anders betrachten. Zwar betonen sie, dahinter stehe eine Systematik, allerdings ist dabei nichts erkennbar, was von Willkür abgrenzbar wäre, geschweige denn etwas, was wirksam dem Fundamentalismus die Grundlage entziehen könnte.

Das ist eines der Hauptprobleme des religiösen Humanismus: Er beruft sich auf die selbe Basis wie die antihumanistischen Fundamentalisten und spricht sich dagegen aus, die heiligen Bücher, diese Beete voller giftiger Keime, vom Tisch zu fegen. Mit den Methoden der liberalen Religiösen könnte man etwa auch "humanistischen Nationalsozialismus" begründen. Man könnte sagen, zur Zeit Hitlers sei Antisemitismus nun einmal die Norm gewesen und man müsse die üblen Aussagen von "Mein Kampf" lediglich irgendwie in die heutige Zeit einordnen und human auslegen, statt das Kind mit dem Badewasser auszukippen. Sam Harris kritisierte solche Vorgehensweisen in den folgenden Worten:

"Das Problem, das religiöses 'Gemässigtsein' für uns alle aufwirft, besteht darin, dass es dem 'Gemässigten' nicht erlaubt ist, sich allzu kritisch über den religiösen Buchstabenglauben zu äussern. (...) Indem es ihnen nicht gelingt, dem Buchstaben des Gesetzes getreu zu leben, während sie die Irrationalität derer tolerieren, die es tun, versündigen die Gemässigten sich gleichermassen am Glauben und an der Vernunft. Solange die Kerndogmen des Glaubens nicht in Frage gestellt werden - das heisst das Wissen, dass es einen Gott gibt oder was er von uns will - wird religiöse Mässigung nicht dazu beitragen, uns den Weg aus dem Dickicht zu weisen." -Sam Harris in Das Ende des Glaubens

Der evolutionäre Humanismus kommt ganz ohne all den Ballast aus und bietet so eine effektivere Bastion gegen den Fundamentalismus. Denn die Liberalen, die Gemässigten, sagen im Wesentlichen, so falsch lägen die Fundamentalisten nicht. Sie persönlich fänden einfach, dass sie etwas differenzierter auf die Grundlagen kucken sollten. Der evolutionäre Humanismus hingegen löst sich von den gefährlichen Texten und kann ganz frei voranpreschen. Die liberalen Religiösen sagen: "Ja, Gott hat was angeordnet, und es mag in vielen Teilen unmenschlich klingen, aber ich persönlich höre da halt was Humanistisches." Das legitimiert die Basis der Fundamentalisten. Die evolutionären Humanisten hingegen sagen: "Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass es einen Gott gibt, geschweige denn, dass der was angeordnet hat und man darauf hören sollte. Lasst uns selbst darüber nachdenken, was für uns das Beste ist."

Stellen Sie sich zwei Menschen vor, Herrn Liberal und Herrn Evolutionär, die einem dritten Menschen, Herrn Fundamentalist, dabei zusehen, wie der einen Mehlsack durch die Gegend zieht. Herr Liberal sagt ihm: "Das machst du grundsätzlich gut mit dem Schleppen. Aber ich persönlich denke, du solltest den Sack tragen, ich zeige dir wie." Herr Fundamentalist protestiert heftig. Während Herr Liberal und Herr Fundamentalist hitzig über die richtige Schlepptechnik diskutieren, bastelt Herr Evolutionär aus Holz einen Wagen und spannt ein Pferd davor. Dann sagt er zu Herrn Fundamentalist: "Die Technik von Herrn Liberal ist sicherlich besser als Ihre bisherige. Aber wie wäre es denn, wenn wir einfach mit der Schlepperei aufhören?" "Wir sollen unsere geliebte Handarbeit aufgeben?", fragt Herr Liberal empört. "Sie müssen das nicht. Der Sack kommt ja schon auch so ans Ziel", antwortet Herr Evolutionär. "Aber es ginge so leichter. Ich finde, wenn Sie wirklich wollen, dass der Sack zuverlässig an sein Ziel kommt, sollten Sie aufhören, das Schleppen zu legitimieren, Herr Liberal. Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen."

Fazit
Ich gebe Michael Schmidt-Salomon Recht, wenn er sagt, dass wir weniger über Worte streiten und uns mehr auf Wirkungen konzentrieren sollten. Die Wirkung von Religion, die sich als humanistisch bezeichnet, ist auf jeden Fall positiv. In den besten Fällen fällt dabei fast alles weg, was jemand wie ich an Religion kritisiert, und das ist grossartig. Aber Schmidt-Salomon sagt wie ich eben auch, dass man nicht vergessen darf, dass enorm fraglich ist, wie Religionen redlicherweise humanistisch sein können. Der religionsfreie evolutionäre Humanismus ist und bleibt die bessere Alternative, denn wenn man an der Basis der Religion festhält, bleibt Raum für den Fundamentalisten-Ballast. Es spielt eine Rolle, wie man Humanismus begründet und was man genau darunter versteht, und darauf muss auch hingewiesen werden dürfen.

Schliesslich wird ein liberaler Religiöser, der darauf hingewiesen wird, dass eine konsequente Religiosität auf jeden Fall im Widerspruch zu Humanismus steht, wohl kaum in den Hardcore-Fundamentalismus abdriften. Ich denke, die Chance ist grösser, dass er in die andere Richtung geht. Man muss sich ja nur fragen: Wenn ich wirklich Humanist sein will, wozu brauche ich dann noch ein religiöses Gewand dafür? Warum quetsche ich die Begründung für meinen Humanismus aus Interpretationen gewisser Einzelteile einer alten Textsammlung, die diesen nie im Sinn hatte, statt einfach aus eigener Überzeugung freier Humanist zu sein?

Kurzum: Ja, religiöser Humanismus ist möglich und löblich - aber fraglich. Die Debatte um die genaue Bedeutung von Humanismus und die Herleitung desselbigen sollte weiterhin geführt werden, damit wir alle zusammen möglichst effektiv und effizient auf eine bessere Welt hinarbeiten können.

-Ihr Scrutator


Dienstag, 26. September 2017

55: Die "christlichen Werte" im Faktencheck

Er wird nicht selten genannt, wenn es um Ethik und Moral geht - der Begriff "christliche Werte". Es heisst oft auch von Seiten Nichtreligiöser, diese ominösen Werte seien die Grundlage unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Menschenrechte und überhaupt unserer Moral. Als Bibelkenner habe ich dazu auch das eine oder andere zu sagen. Ich beantworte in diesem Post drei Fragen: Was sind "christliche Werte", wie werden sie begründet und sind sie wirklich die Quelle der Menschenrechte?

Was sind "christliche Werte"?
Gute Frage. Quelle und Basis des Christentums ist die Bibel. Wenn wir die Bibel lesen - die ganze, nicht nur einzelne Verslein -, fällt auf, dass gar nicht so leicht zu bestimmen ist, was sie nun lehrt. Zu Beginn gibt es gar keine Gesetze, bis Gott dann im 2. Buch Mose die zehn Gebote mit einem Anhang vieler weiterer Gebote erlässt. Im neuen Testament sagt Jesus Christus dann wiederholt, all diese Gebote seien gültig, bis Himmel und Erde vergehen (Lukas 16, 17 / Matthäus 5, 17-20), äussert sich aber zugleich kritisch über manche Gebote, schafft sogar manche ab, während er andere verschärft. Er ernennt "Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst" zum obersten Gebot (Matthäus 22, 34-40). Dann schreibt Paulus, das gesamte alte Gesetz sei von Jesus abgeschafft und für ungültig erklärt worden (z.B. Römer 6, 14) - er geht sogar so weit, zu sagen, alles sei erlaubt (1. Korinther 6, 12). Es ist nicht bestimmbar, ob bzw. inwiefern das mosaische Gesetz zu befolgen ist.

Wenn das mosaische Gesetz noch zu befolgen ist, dann beinhalten die "christlichen Werte" auf der einen Seite undifferenzierte Verbote des Tötens, Lügens und Ehebrechens (gegen all dies darf auf Gottes Anweisung hin verstossen werden) etc., auf der anderen Seite Sklaverei, Anweisungen für Eroberungskriege, starke Diskriminierung der Frau, Steinigung für alles von schweren bis völlig harmlosen Vergehen wie Andersgläubigkeit, Arbeit am Sabbat, nicht-Jungfräulichkeit bei der Hochzeit (nur Frauen) oder gelebte Homosexualität und das imaginäre "Verbrechen" der Hexerei (siehe etwa 2. Mose 21+22, 3. Mose 19, 5. Mose 13). Das mosaische Gesetz ist vereinzelt ansatzweise vernünftig, aber mehrheitlich barbarisch und lächerlich.

Wenn das alte Gesetz nicht mehr zu befolgen ist, bleibt noch Jesu Doppelgebot: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Es wird also verbindlich angeordnet, an den Bibelgott zu glauben und ihn zu lieben und andere Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Wer das nicht tut, der wird "verdammt werden" (Markus 16, 16); ihn erwartet das "ewige Feuer" (Matthäus 25, 41). Was bedeutet es von Fall zu Fall, seinen Nächsten zu lieben? Was bedeutet es von Fall zu Fall, ihn so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte? Das wird den Lesenden überlassen. Zusätzlich gibt es die neuen Morallehren Jesu, darunter etwa die Aussagen, Wut und Lust seien schwere Vergehen (Matthäus 5, 21+22 & 27+28) und wer den heiligen Geist beleidige, dem würde niemals vergeben (Matthäus 12, 31+32). Paulus und andere Briefautoren bringen ebenfalls neue Weisungen ein, die unter anderem die Sklaverei als moralisch akzeptabel tolerieren (z.B. Petrus 2, 18), kompromisslose Unterordnung unter jegliche Autoritäten vorschreiben (Römer 13, im direkten Gegensatz dazu Apostelgeschichte 5, 29), Antisemitismus proklamieren (z.B. Titus 1, 10-16) und Frauen Autorität über Männer und Lehrtätigkeiten verbieten, ihnen befehlen, sich unauffällig zu kleiden und zu verhalten, ihren Männern stets Folge zu leisten und durch Kinderzeugen "selig" zu werden (siehe z.B. 1. Korinther 11, 1. Timotheus 2, 1. Petrus 3).

Wie die Bibel, die zahllosen Konfessionen und die endlosen Moraldiskussionen und der moralische Wandel innerhalb des Christentums zeigen, weiss niemand, was "christliche Werte" denn nun eigentlich genau sein sollen. Niemand weiss, was es von Fall zu Fall heissen soll, seinen Nächsten zu lieben. Die Weisungen sind undifferenziert und zugleich dogmatisch, werden also als allgemeingültig und auf ewig in Stein gemeisselt betrachtet. Es lässt sich zudem leicht dafür argumentieren, dass die christlichen Werte äusserst barbarische und lächerliche Weisungen beinhalten (sollten). Die vorgesehenen Strafen sind so grausam, dass einem der Atem stockt, und die Anforderungen an die Menschen überzogen.

Wie werden "christliche Werte" begründet?
Ich antworte auf vier mögliche Arten, für die "christlichen Werte" zu argumentieren.

1. "Es gibt keine andere Basis"
Die Bibel hat die Empathie nicht erfunden. Es gibt sehr wohl andere mögliche Fundamente. Die Menschenrechte zum Beispiel. Sobald wir uns darauf einigen, dass wir menschliches Leid vermindern und menschliches Wohlergehen fördern wollen, haben wir eine Basis, mit der sich arbeiten lässt. Andreas Edmüller schreibt in seinem hervorragenden Buch "Die Legende von der christlichen Moral":

"Jeder von uns möchte nach seiner Fasson glücklich werden bzw. seinen Weg zu einem erfüllten Leben gehen. Versteht man Moral als ein System von Normen, die es uns ermöglichen sollen, in einer Gesellschaft diese beiden Kerninteressen unter einen Hut zu bringen, so lassen sich alle klassischen Forderungen der Moral begründen, die intuitiv als unverrückbar gelten. Ein weit gefasstes Tötungsverbot, ein Wahrheitsgebot, Respekt vor körperlicher Unversehrtheit, Respekt vor Eigentum, vor Privatsphäre und Glaubensfreiheit etc. Hält eine Gesellschaft sich an diese Regeln, werden diese Kerninteressen eines jeden so gut wie möglich geschützt. Man kann friedlich zusammenleben und jeder darf, solange er die Kerninteressen der andern nicht verletzt, seinen eigenen Weg durchs Leben gehen. (...) Über diese Interessen erhalten wir die Begründungen für eine sehr plausible Minimal- und Kernmoral. Religion brauchen wir dafür schlicht und einfach nicht."

2. "Christliche Werte kommen von Gott"
Dies scheitert bereits daran, dass nie jemandem der Nachweis von Gottes Existenz gelungen ist. Und selbst wenn: Dann beginge die Argumentation den Logikfehler des Autoritätsarguments. Keine Morallehre ist allein deshalb vernünftig, weil eine bestimmte Person sie erlassen hat. Sie muss für sich als gut erwiesen werden, und wenn das gelungen ist, ist sie gut, weil sie gut ist, und nicht, weil sie angeblich von Gott kommt.

3. "Christliche Werte sind objektiv, alles andere ist rein subjektiv"
Damit dieser Anspruch einlösbar werden kann, müssten wir erst einmal wissen, was "christliche Werte" genau sind. Wie oben gezeigt wurde, lässt sich das nicht bestimmen. Es ist nicht klar, was nun gilt und was nicht und wie die Anweisungen von Fall zu Fall umzusetzen sind. Christen wählen unsystematisch - also subjektiv - aus, welche Gesetze sie auf welche Art befolgen und welche nicht. Damit demonstrieren sie, dass sie eine Moral besitzen, die nicht aus der Bibel kommt, denn andernfalls könnten sie niemals anderer Meinung sein als das Buch. Und sie demonstrieren, dass die Berufung auf "christliche Werte" das Problem der Subjektivität und des Bedarfs nach Diskussion über Moral und Ethik nicht beseitigen kann. Das ist ganz besonders beim laut Jesus höchsten Gebot augenfällig: Wenn man seinen Nächsten so behandeln soll, wie man es sich selbst wünscht, gibt es so viele Moralkonzepte, wie es Menschen gibt. Objektiv ist da gar nichts.

4. "Gott bestraft uns, wenn wir uns nicht an die christlichen Werte halten"
Das ist so ziemlich die einzige Begründung, die die Bibel selbst nennt. Auch sie scheitert eigentlich bereits daran, dass der Nachweis von Gottes Existenz nie gelungen ist. Wer sich wegen Strafandrohungen an Weisungen hält, ist zudem nur ein angeleinter Soziopath. Wäre dies eine gute Begründung für Werte, so wäre jeder, der die Macht besitzt, zu bestrafen, als moralische Autorität qualifiziert. Es handelt sich nicht um eine Begründung für die moralische Exzellenz der "christlichen Werte", sondern um nichts weiter als Erpressung.

Sind die "christlichen Werte" die Quelle der Menschenrechte?
Diese Frage ist eigentlich schon beantwortet, wenn wir uns das Erste der zehn Gebote ansehen. Wie Jesu Doppelgebot schreibt es jedem Menschen vor, an den Gott der Bibel zu glauben. Es handelt sich dabei nicht nur um eine unsinnige Forderung, da man sich nicht einfach dazu entscheiden kann, grundlos die Existenz eines unsichtbaren hebräischen Zauberers zu akzeptieren, sondern vor allem auch um ein Verbot der Religionsfreiheit, und das steht in direktem Widerspruch zu den Menschenrechten. Wäre unsere Moral christlich, könnte es keine Religionsfreiheit geben.

Dass das mosaische Gesetz, das für völlig harmloses Verhalten die Steinigung anordnet, den Menschenrechten massiv widerspricht, sollte jedem klar sein. Doch auch im neuen Testament gibt es unsinnige Gesetze und barbarische Strafen. Das Gesetz ist so konzipiert, dass jeder pauschal als dreckiger Sünder gilt, weil er als Mensch mit Adam und Eva verwandt sei und weil er manchmal Wut oder Lust empfindet oder nicht von Gottes Existenz überzeugt ist. Als Strafe für die Menschlichkeit sieht das christliche Wertesystem ewige Folter vor, eine Strafe, die so unvorstellbar grausam ist, dass man sie sich mit keiner Tat der Welt verdienen könnte.

Die Menschenrechte kommen in der Bibel nicht vor. Volker Dittmar sagte es richtig: "Laut Bibel hat der Mensch Gott gegenüber keinerlei Rechte, nur Pflichten." Religionsfreiheit, Gleichstellung der Geschlechter, Demokratie oder Humanismus sind keine "christlichen Werte". Die christliche "Nächstenliebe" schliesst Religionszwang, Sexismus, Sklaverei und Antisemitismus mit ein. Deswegen hat die Kirche die Menschenrechte nicht erfunden, sondern begann nach und nach, sich aufgrund des starken Drucks von aussen anzupassen und die neuen Werte in einzelne Bibelverse hineinzuinterpretieren - wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Im Zentrum des unstimmigen, dogmatischen und undifferenzierten biblischen Wertesystems stehen der Diktator Gott und Werte längst vergangener Zeiten, was viele amoralische und unmoralische Weisungen mit sich bringt. Es ist kein Wunder, dass die Errungenschaften der Moderne von säkularen Kräften gegen die Kirche durchgesetzt werden mussten. Im Zentrum der Menschenrechte steht der Mensch, und das ist die einzige sinnvolle Basis für Moral und Ethik. Diese Werte sind nicht "heilig" und lassen sich dadurch jederzeit anpassen und optimieren, wenn es nötig ist. Es liegt ein tiefer Graben zwischen den Werten der Bibel und den Menschenrechten, und somit können Erstere niemals als Quelle Letzterer in Frage kommen.

Fazit
-Es ist nicht bestimmbar, was "christliche Werte" sein sollen, welche biblischen Weisungen zu beachten und wie diese von Fall zu Fall anzuwenden sind, und es führt kein Weg an Interpretationen vorbei, die Barbarei und Unsinn einschliessen.

-Die "christlichen Werte" können nicht sinnvoll begründet werden. Es gibt Alternativen dazu, sie sind mindestens so subjektiv wie säkulare Moral, die Existenz ihres angeblich allwissenden Autors ist nicht bewiesen und Strafandrohungen sind keine guten Gründe.

-Die moralisch-ethischen Errungenschaften der Moderne sind in der Bibel nicht zu finden. Vielmehr stehen da zahllose Dinge, die den Menschenrechten unmissverständlich widersprechen. Nur dadurch, dass man sich von der Bibel abwandte, wurden die Menschenrechte möglich.

Fall abgeschlossen. Ja, unsere Gesellschaft und deren Ethik haben gewisse Wurzeln im Christentum - so ähnlich, wie die Chemie Wurzeln in der Alchemie und die Astronomie Wurzeln in der Astrologie hat. Diese Fachgebiete haben erkannt, dass ihre Wurzeln primitive, fehlerbehaftete erste Versuche darstellen, und haben sie deshalb hinter sich gelassen, um frei und effizient vorwärtskommen zu können. Und so sollten wir auch mit unserer christlichen Vergangenheit umgehen.

-Ihr Scrutator


P.S. Wer sich weiter in das Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich das Buch "Die Legende von der christlichen Moral" von Andreas Edmüller sowie folgende Links:

Mein Kommentar zu einer Predigt, die die Menschenrechte in der Bibel sah

Volker Dittmar: Sind christliche Werte die Grundlage unserer Gesellschaft?

AWQ.de: Platin-Rosine 2017 geht an wählerisch-sein.de