Montag, 11. Januar 2016

2: Von Gottes Gnaden ungläubig

So schnell kann's gehen: Ich bin am 8.1.2016 aus dem Glauben ausgestiegen und habe einen Tag später das Pseudonym Scrutator erschaffen. Es erscheint durchaus sinnreich, meinen Ausstieg hier zu rechtfertigen, und dazu wird jeder Eintrag hier ein kleineres oder grösseres Mosaiksteinchen beitragen. Zuallererst aber muss ich etwas anderes in den Raum stellen: Es besteht die Möglichkeit, dass ich mich gar nicht erst rechtfertigen muss. Heute werde ich aufzeigen, wie sich anhand der Bibel belegen lässt, dass ich von Gott zum Ungläubigen auserkoren wurde.

Entscheidet sich ein Gläubiger gegen das Christentum, so werden ihm von den Gläubigen massenhaft Vorwürfe an den Kopf geworfen: Zu wenig Hilfe in Anspruch genommen, verlässt sich nur auf seinen eingeschränkten Verstand, ist unangebrachterweise wütend auf Gott. Doch Gottes Wort rechtfertigt mehrfach Ungläubige wie mich und nimmt sie gewissermassen in Schutz: An mehreren Stellen sagt die Bibel nämlich, dass wir gar nie selbst entscheiden können, ob wir glauben oder nicht. Schauen wir uns ein paar Indizien an.

Matthäus 13, 11: "Euch ist es gegeben, daß ihr das Geheimnis des Himmelreichs verstehet; diesen aber ist es nicht gegeben."

Johannes 12, 39+40: "Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja sagte abermals: 40 "Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, daß sie mit den Augen nicht sehen noch mit dem Herzen vernehmen und sich bekehren und ich ihnen hülfe."

Das spricht eigentlich für sich. Gott enthält es also manchen Menschen vor, überhaupt erst zu verstehen, was er zu sagen hat. Wenn die dann nicht glauben, ist das ein freier Entscheid?

Johannes 15, 16: "Ihr habt mich nicht erwählt; sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, auf daß, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe."

Matthäus 22, 14: "Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt."

Apostelgeschichte 13, 48:
"Da es aber die Heiden hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des HERRN und wurden gläubig, wie viele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren.
Römer 8, 30: "Welche er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, welche er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, welche er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht."


Epheser 1, 4: "...wie er uns erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe."

Auch als Christ hatte ich nie gewusst, was ich mit diesen Aussagen anfangen sollte. Sie wurden einfach abgenickt - mit leerem Kopf nickt es sich leichter - und lösten sogar Freude aus: Gott hat mich erwählt, wie schön =D Und dann war die Reflexion dazu beendet. Doch jetzt, als Scrutator, bleibe ich da nicht stehen. Denken wir weiter: Das heisst doch nichts anderes, als dass Gott diejenigen auswählt, die gerettet werden, und unsere Entscheidungen nichts zu bedeuten haben! "Ihr glaubt nicht aus freien Stücken an mich und werdet dadurch errettet. Vielmehr habe ich euch als meine Werkzeuge ausgesucht." Nicht einverstanden? Nun, was machen wir dann daraus:

Johannes 6, 65: "Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater gegeben."

Da betont es der Friedefürst noch stärker: Die Geretteten würden von oben vorbestimmt. Keine freie Entscheidung! Erfreulicherweise lesen wir, dass Jesus nach dieser Episode nachvollziehbarerweise von vielen Nachfolgern verlassen wird. Sie sind noch immer nicht überzeugt? Nun, dann machen Sie sich gefasst auf das Grande Finale, meine Lieblings-Bibelstelle, von Paulus:

Römer 9, 15-23: "Denn er spricht zu Mose: "Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich." 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: "Ebendarum habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündigt werde in allen Landen." 18 So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will.

19 So sagst du zu mir: Was beschuldigt er uns denn? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren? 22 Derhalben, da Gott wollte Zorn erzeigen und kundtun seine Macht, hat er mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis; 23 auf daß er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit (...)

Puh, starker Tobak. Fassen wir diese Aussage zusammen: Es spielt also gemäss Paulus keine Rolle, wozu wir uns entscheiden und was wir tun, also wie gläubig und gut wir sind - Gott entscheidet willkürlich, wer gerettet wird. Und Gott rettet nicht nur willkürlich, sondern er macht auch Menschen absichtlich blind für die Wahrheit. Er erschafft "Gefässe der Barmherzigkeit", also Menschen, die zur Errettung bestimmt sind, und "Gefässe des Zorns" wie den erwähnten Pharao (die Bibel erwähnt mehrere Male, dass Gott selbst sein Herz verstockte, damit er die Israeliten nicht gehen liesse, wodurch Gott seine Plagen rechtfertigte und was er im Verlauf des alten Testaments mehrfach bei anderen Feinden wiederholt) die er für seine Zwecke missbrauchen kann und die zum Verderben bestimmt sind - egal, was sie wollen oder tun.

Ganz krass die Stelle in der Mitte: Paulus selbst sieht, dass Gott nach dieser Aussage kein Recht mehr hat, uns zu schelten, wenn wir nicht tun, was er will, da er sowieso willkürlich rettet, wogegen wir nichts tun können. Dennoch gilt: Hinterfragen verboten. Du bist das Objekt und musst dich dem Akteur ausliefern - keine Fragen bitte.

Da die grossen Theologen immer schimpfen, man würde den Kontext solcher schwieriger Stellen missachten, will ich auch darauf noch kurz eingehen. Direkt vor dieser Stelle steht folgender Vers:

Römer 9,14: "Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!"

Stimmt, dadurch kommt noch ein neuer Aspekt dazu, den man nicht vernachlässigen sollte. Denn nicht nur sagt Paulus, dass wir diese Behandlung einfach über uns ergehen lassen sollen - er hält sie auch noch für gerecht.

Fazit
Berücksichtigt man die aufgeführten Aussagen der Bibel, dann habe ich also ganz einfach das Pech, als Gefäss des Zorns erschaffen worden zu sein. Dass ich nicht mehr glaube, liegt daran, dass Gott mich nicht zur Errettung erwählt, sondern mir das Verständnis der Geheimnisse des Himmelreiches verwehrt und mir die Verdammnis zum Schicksal gemacht hat. So steht es geschrieben:

Sprüche 16, 4: "Der Herr macht alles zu bestimmtem Ziel, auch den Gottlosen für den bösen Tag."

Wie der gebildete Christ aber weiss, erzählt die Bibel an ein paar nicht ganz unbedeutenden Orten etwas ganz anderes, nämlich, dass wir eine Wahl hätten:

5. Mose 30,19: "Ich habe euch heute Segen und Fluch, Leben und Tod vor Augen gestellt. Wählt das Leben, damit ihr am Leben bleibt, ihr und eure Nachkommen!"

Johannes 3,16: "Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Jesaja 45,22: "Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und sonst keiner mehr."

Markus 16,16: "Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden."

Apostelgeschichte 16,31: "Glaube an den HERRN Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig!"

Was schliessen wir aus all dem? Nun: Paulus muss ein Scharlatan gewesen sein, denn er hatte offenbar die Heilgeschichte nicht verstanden. Aber wie konnte Gott es dann zulassen, dass seine Briefe in die Bibel aufgenommen wurden? Oder lagen die Autoren aller anderen Stellen falsch? Ah, Moment mal: Seit meinem letzten Post wissen wir, dass die Bibel fehlbar ist. Und so drängt sich hier erstmals ein radikaler neuer Gedanke auf: Ist die Bibel am Ende vielleicht ganz einfach Menschenwerk..? Ich lasse Sie damit mal allein.

-Ihr Scrutator


P.S. Als Ex-Gläubiger habe ich gemäss Paulus ganz besonders keine freie Wahl mehr:

Hebräer 6, 4-8: " Denn es ist unmöglich, Menschen, die Gott einmal mit seinem Licht erfüllt hat und die ihm dann den Rücken kehren, dahin zu bringen, dass sie sich Gott wieder zuwenden. Sie haben doch schon die Gaben des Himmels gekostet und den Heiligen Geist empfangen. Sie haben erfahren, wie zuverlässig Gottes Wort ist, und haben schon die Kräfte der kommenden Welt gespürt. Und dann haben sie trotzdem Gott den Rücken gekehrt und haben damit den Sohn Gottes noch einmal ans Kreuz genagelt, sich selbst zum Gericht, und ihn öffentlich zum Gespött gemacht. 7 Gott segnet den Boden, der den reichlich auf ihn fallenden Regen aufnimmt und Pflanzen wachsen lässt für die, die den Boden bebauen. 8 Aber der Boden, der nur Dornen und Disteln trägt, ist nichts wert. Ihm droht, dass er von Gott verflucht und zum Schluss verbrannt wird."

Wenn ihr der Bibel glaubt, braucht ihr euch also gar nicht mehr um mich zu bemühen, liebe ChristInnen =)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ich beginne erst in deinem blog zu lesen, finde es spannend meine Ansichten dazu aus einem anderen Blickwinkel erörtert zu bekommen und möchte keinesfalls vorgreifen.

Liegt es nicht auf der Hand, dass die Bibel von Menschenhand gemacht ist? Wenn man sich die Historie dazu ansieht und das Theokratische außen vorlässt, wenn man bedenkt, wann die Bibel ihren jetzigen Zustand erhalten hat, wenn man bedenkt, wer dies getan hat, wenn man bedenkt, dass es noch einige mehr Paulusbriefe und Evangelien gibt, die den Einzug ins heilige Buch nicht geschafft haben und wenn man bedenkt, wer denn entschieden hat, was hinein darf und was draußen bleiben muss, wenn man bedenkt zu welcher Zeit und unter welchen Umständen dies geschah, wenn man bedenkt, dass es zu damaliger Zeit nicht DAS Christentum gab, sondern Unmengen verschiedener Stilblüten, Auslegungen und Richtungen, dann ist die Frage doch beantwortet. Viel entscheidender finde ich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Evangelien an sich. Wer von all den "Berichterstattern" hat denn Jesus persönlich gekannt, ihn getroffen, wirklich gehört, was dieser vermeintlich sagte? Handelt es sich nicht bei allen um die Kopie der Kopie der Kopie einer Erzählung? Die sprichwörtliche "stille Post", bei der man dazugezählt, weglässt, vergisst, umdeutet.....?