Samstag, 23. Januar 2016

9: Die "Heilsgeschichte", Teil 1: Der romantisierte Sündenfall

Es war einmal ein Vater, der mit seinen beiden Kindern in einem luxuriösen Haus inmitten einer kargen, unwirtlichen Wüste wohnte. Eines Tages begann sich der Vater zu fragen, ob seine Kinder wohl freiwillig bei ihm seien - vielleicht würden sie ja lieber allein in der Wüste leben als bei ihm..? Also dachte er sich einen Test aus, um zu bestimmen, ob sie ihn liebten: Er legte eine Pistole auf den Wohnzimmertisch und verbot seinen Kindern, damit zu spielen, da sie sonst sterben würden. Die Kinder nickten mit grossen Augen, obwohl sie in ihrem Alter natürlich nicht so ganz verstanden. Als der Vater hörte, dass das Kindermädchen den Kindern sagte, ihr Vater habe wahrscheinlich übertrieben und es könne ja nicht so schlimm sein, ein wenig mit diesem Gerät da zu spielen, tat er nichts. Und so kam es, dass die Kinder mit der Pistole spielten. Der Vater rauschte ins Wohnzimmer, misshandelte das Kindermädchen, kettete den Kindern je eine Eisenkugel ans Bein und warf die heulenden Geschöpfe hinaus in die Wüste. Dann schloss er die Tür ab und stellte Wachen davor. Ende.

Ich hoffe, wir sind uns alle einig, dass dieser Vater ein unsensibler Hohlkopf ohne Menschenkenntnis ist, der keine Ahnung von Liebe hat, und dass es niemandem von uns im Traum einfallen würde, so mit unseren Kindern umzugehen.

Ein Paradies voller Liebe und Freiheit
Im berüchtigten Garten Eden beginnt die "Heilsgeschichte", Gottes Plan zur Errettung der Menschen. Christen stellen sich die Situation im Paradies etwa so vor: 
  • Gott:           Oh, meine geliebten Kinder... Ich möchte, dass ihr freiwillig bei mir seid. Ihr könnt es mir jederzeit sagen, wenn ihr nicht bei mir sein wollt, ok? Das ist auch ok *schnüff*. Ich liebe euch dann immer noch - bedingungslos. 
  • Menschen:  Hmm... Weisst du was? Wir haben keinen Bock auf dich. Hauen wir ab. 
  • Gott:           Ok, ich gewähre euch euren Wunsch. Ich will mich ja nicht aufdrängen *schluchz* Viel Glück da draussen, es ist leider etwas unangenehm, aber da kann man nichts machen...
So muss man es sehen, damit das von Christen erschaffene Universum nicht auseinanderfällt. Jemand, der noch nie von der Kirche gehört hat, liest aber dies:
  • Gott:            He, ihr Menschen, aufgepasst! Hier, ein Baum mit Früchten. Finger weg, sonst seid ihr tot!
  • Menschen:  Was? Was ist "tot"? Wieso "Finger weg"? Ich verstehe nicht...
      (...)
  • Gott:            Ich wusste es, und doch kann ich es nicht glauben - ihr habt es getan! Raus mit euch ins Elend! Verflucht sollt ihr sein, leiden sollt ihr! Ihr kommt mir nicht mehr hier rein, dass das klar ist!
Wie es wirklich war
Bei einem Vortrag hörte ich vor einiger Zeit einen Christen sagen, sein Heiratsantrag hätte wohl seinen Sinn verloren, wenn er seiner Angebeteten dabei eine Pistole an den Kopf gehalten hätte. Man könne Liebe nicht erzwingen, und so sei auch Gott ein "Gentleman, der anklopft und höflich fragt". Ich musste mich beherrschen, um nicht laut heraus zu lachen oder mit der Faust auf den Tisch vor mir zu hauen. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien: "Es steht direkt da vor deiner Nase: '...von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben! (1. Mose 2, 17)'". Gott verhielt sich wie ein Aquariumhalter, der zu seinen Fischen sagt: "Lasst dieses farbige Kieselsteinchen da liegen, das euch magische Kräfte verleiht, wenn ihr es berührt. Sonst nehme ich euch aus dem Aquarium raus." Halten wir fest:
  • Genauso wie Fische, die noch nie ausserhalb eines Aquariums waren, konnten Adam und Eva die Schärfe der Drohung gar nicht erfassen. Auch die Tatsache, dass die beiden offenbar erst nach Konsum der Frucht gut und böse unterscheiden konnten, sollte mehr als nachdenklich stimmen. Und sollten die beiden aus irgendwelchen Gründen doch voll urteilsfähig und über die grauenvollen Konsequenzen des Ungehorsams informiert gewesen sein, so waren sie schlicht strohdumm - ich hätte mich anders entschieden und verdiene es folglich nicht, als Nachkomme mitbestraft zu werden
  • An keiner Stelle der Geschichte kommt es zum Ausdruck, dass es Gott darum ging, ob die Menschen ihn liebten und bei ihm sein wollten. Um das herauszufinden, hätte es wesentlich bessere Methoden gegeben (zum Beispiel seine Allwissenheit). Ein unverständliches, unnötiges Verbot zu missachten, ist nicht gleichzusetzen mit einem "Nein, wir wollen nicht bei dir sein!" - das sagen Adam und Eva nie. Denken Sie an die Geschichte vom Anfang zurück: Würden Sie eine Pistole ins Wohnzimmer legen, um herauszufinden, ob Ihre Kinder bei Ihnen sein wollen oder nicht? Gott wollte lediglich den bedingungslosen Gehorsam seiner Menschen testen, der im eigentlich gefahrlosen, perfekten Paradies gar nicht nötig war. Die einzige Gefahr im Paradies hatte Gott eingeführt. Er wollte wohl einfach ein paar zahme Schosshunde, die nach seiner Pfeife tanzen
  • Ein Mensch, der Fische aus ihrem Aquarium herausnimmt, ist grausam. Gott bietet den Menschen als Alternative zum Leben bei ihm ein grässliches Dahinvegetieren in der Einöde an, gequält von eigens kreierten Flüchen. Wie kommt dieser kranke Typ darauf, dass seine Menschen vielleicht lieber in der kargen Einöde leben würden, und erschwert ihnen dann dieses neue Leben auch noch zusätzlich?! Der Aquariumhalter legt die Fische neben das Aquarium und sagt dann: "Tja, so ist das Leben ausserhalb des Aquariums nun mal, dafür kann ich nichts..." Er bestraft seine Kreaturen, weil sie ihm nicht bedingungslos gehorchen. Könnten Ihre Kinder irgendetwas tun, das Sie zu solchen Massnahmen verleiten würde? 
Wir sehen, woran die romantisierte Vorstellung der Christen im Kern zerbricht: Erkennt man den Bericht der Bibel an, muss man entweder Gottes Allmacht oder seine Liebe über Bord werfen. Christen entscheiden sich für die Allmacht und sagen, Gott habe das genau so machen müssen. Aber wie sagte doch Jesus Christus:

Lukas 1, 37: "Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich!"

Ein allmächtiges Wesen, das etwas muss? Ernsthaft? Ja, liebe Christen, haltet euch fest: Wenn Gott allmächtig ist, dann muss er nur etwas: Für alles, was er tut, geradestehen - denn er kann bei jeder Entscheidung aus schier unendlich vielen Optionen wählen. Er musste die Situation nicht so anlegen, dass eine Situation herauskommt, mit der weder er noch seine Menschen glücklich sind. Er musste diese unangebrachte, verwirrende Prüfung nicht durchführen, er musste Adam und Eva nicht in dieses Elend senden, er hätte seine geliebten Menschen in ein anderes perfektes Paradies fern von ihm schicken können. Sie haben die Geschichte am Anfang gelesen und hoffentlich dabei gemerkt, wie krank und deplatziert Gottes Vorgehensweise war und dass Sie niemals so mit Ihren eigenen Kindern umspringen würden. Christen glauben eigentlich, Gott sei bei seinem "Experiment Mensch" Opfer des Schicksals geworden - und das ist angesichts ihres Gottesbilds unmöglich. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, wenn wir über Gott sprechen: Gott ist zu nichts von dem, was er tut, gezwungen, wir müssen davon ausgehen, dass Gott alles genau so tun will, wie er es tut, da er immer aus schier unendlich vielen Optionen wählen kann. Es bleibt also ob seiner Entscheidungen nur eine Schlussfolgerung - und wer die Bibel wirklich gut kennt, den wird sie nicht überraschen: Gott ist entweder böse, nicht allmächtig, oder wurde von Menschen erfunden.

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