Mittwoch, 3. Februar 2016

14: Ein Haupthindernis: Der Gefühlsbeweis



Heute nehmen wir nicht die Bibel auseinander, sondern die Menschen, die ihr Glauben schenken. Warum tun sich Christen so schwer, wenn es um das Infragestellen der Bibel geht? Einen Grund dafür will ich heute mit einem Gleichnis aufzeigen.

Das Gleichnis von der Schallplatte
Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Musikshop. Während Ihre Blicke zwischen Instrumenten und Konzert-DVDs umherschweifen, fällt Ihnen in einer Ecke eine Gruppe von Menschen auf, die vor einem uralten Plattenspieler versammelt sind. Es ist nur Rauschen und Knacken zu hören, aber alle scheinen angestrengt zu lauschen. Mit fragendem Blick gehen Sie etwas näher heran. Plötzlich reisst einer die Augen auf und ruft: "Ich habe ein Stück Musik gehört!". Alle anderen blicken ihn ehrfürchtig an und murmeln: "Das ist die beste Schallplatte aller Zeiten..." Dann recken wieder alle ein Ohr in Richtung des Plattenspielers, diesmal noch angestrengter und mit optimistischem Gesichtsausdruck.

Sie sind neugierig geworden. Sie picken sich eine Person heraus und fragen, was hier los sei, was denn diese Leute zu hören glauben. Diese Person sagt Ihnen: "Nun ja, Sie sagen, man höre hier nichts - urteilen Sie nicht zu vorschnell! Wissen Sie: Man muss die Musik hören wollen, man muss sich auf die Schallplatte einlassen, sonst kann man die Musik nicht hören. Es gibt Leute, die hier schon fantastische Ausschnitte von der Musik gehört haben, und da wäre es doch ziemlich arrogant, zu behaupten, dass da keine Musik rauskomme, nur weil die eigene Vorstellung von Musik davon abweicht oder man halt nicht so begabt ist... Das Rauschen im Lautsprecher ist so vielsagend... Manchmal knackt es auch, das berührt mein Herz... Und die Geräusche der Bedienelemente sind so wundervoll, da ist so viel Musik drin... Es lässt sich nicht beweisen, dass keine Musik hörbar ist! Mit weltlicher Wissenschaft lässt sich diese Musik nicht finden... "

Skeptisch treten Sie zum Plattenspieler heran. Als Sie die geheimnisvolle Platte näher betrachten, stellen Sie fest, dass sie völlig zerkratzt ist und Risse hat. Sie sprechen Ihren Gesprächspartner darauf an. Er lächelt künstlich und sagt: "Das sind keine Schäden. Das sind besondere Features, die der Musik alles andere als im Wege stehen. Ja, manche davon werfen auch bei uns Fragen auf, aber der grösste Teil ist völlig intakt! Und dass Sie glauben, dass eine Schallplatte keine solchen Features haben sollte, heisst noch gar nichts: Die Funktionsweise dieser Platte ist mit unserem Verstand nicht greifbar. Sie so zu untersuchen, ist der falsche Ansatz. Und vor allem: Wir hören die Musik ja, also kann die Platte gar nicht kaputt sein."

"The sunshine of God's presence"
Da hätten wir's. So, wie diese Gestalten davon überzeugt sind, dass sie Musik hören, so sind Christen überzeugt davon, dass sie Gott spüren. Sie fühlen sich geliebt, sie spüren Gottes Fürsorge, wenn sie beten, er ist in der Ehrfurcht, die sie beim Betrachten eines Naturschauspiels empfinden, und sie glauben, er spreche durch die Bibel, durch andere Menschen und durch Ereignisse zu ihnen... Sie glauben, seine Gegenwart zu spüren und sein Handeln und Reden zu erleben. Und solange Christen sich so sehr an diese Empfindungen klammern, können wir Bibelkritiker eigentlich erzählen, was wir wollen - für die Christen fühlt sich das an, als erzähle ihnen jemand, dass ihr Grossvater tot sei, obwohl sie ja gerade mit ihm reden. Es ist gar nicht möglich, dass die Schallplatte kaputt bzw. die Bibel nicht vertrauenswürdig ist, weil man ja die Musik hören bzw. Gott erleben kann.

Neurowissenschaftler und Buchautor Sam Harris sagt den Christen:

"Ich bezweifle nicht, dass dein Glaube an Christus mit einer positiven Veränderung in deinem Leben zu tun hat. Vielleicht kannst du andere Menschen heute auf eine Weise lieben, die du früher nicht für möglich gehalten hast. Möglicherweise empfindest du sogar Glückseligkeit beim Gebet. Ich möchte jedoch daran erinnern, dass Milliarden von Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort Vergleichbares erleben - nur dass sie dabei an Krishna denken, oder an Allah, oder an Buddha, oder dass sie dabei gerade Kunst und Musik erschaffen, oder dass sie sich dabei gerade der Schönheit der Natur hingeben." Sam Harris: Brief an ein christliches Land, S.114-115

Harris betont zunächst, dass niemand die Existenz der Gefühle von Christen anzweifle. Ich selbst kann das als Ex-Christ bestätigen: Mit vielen anderen zusammen ein schönes Loblied auf den Herrn zu singen, kann etwa wirklich Euphorie auslösen. Und die Bibel hat die eine oder andere Weisheit zu bieten, die das Leben wirklich angenehmer machen kann. Unter Christen gibt es eine wundervolle Kultur, offen über Probleme und Sorgen zu sprechen und gemeinsam dafür zu beten - das ist psychologisch gesehen alles andere als Unsinn. Nur ist es eben genau so, wie Harris anschliessend aufzeigt: Die erlebten Gefühle sind nicht an den Gott der Bibel gekoppelt und exklusiv bei ihm erhältlich. Religiöse Erlebnisse sind extrem weit verbreitet, historisch und geographisch. Die Beweisführung "Ich spüre Gott, also gibt es ihn" wird vielerorts verwendet, und Harris merkt richtigerweise an:

"Bedenke: Jeder gläubige Muslim hat die gleichen Gründe für seinen islamischen Glauben wie du für deinen christlichen. Trotzdem findest du seine Begründungen nicht überzeugend.Sam Harris: Brief an ein christliches Land, S. 28

Christen haben kein Problem damit, sämtliche religiösen Erfahrungen anderer Gläubiger zu ignorieren oder sogar als Kontakt mit Dämonen abzutun, während die eigenen als starke Beweise angesehen werden. Doch in welchem anderen Lebensbereich argumentieren Christen so? In welchem anderen Lebensbereich lassen Christen sich von jemandem ausschliesslich deshalb überzeugen, weil er eigenen Angaben zufolge einfach "spürt und tief drin weiss", dass er richtig liegt? Biologe Richard Dawkins hat in einem TED-Talk schön illustriert, dass das nie und nimmer der Fall wäre. Man muss sich wirklich nur eine Frage stellen: Was ist die beste Erklärung für Hochgefühle beim Beten? Erwiesene soziale/emotionale Prozesse oder unerwiesene unsichtbare Zauberer aus der hebräischen Mythologie? Eigentlich eine rhetorische Frage...

Fazit
Gefühle reichen als Beweis nicht aus, denn unsere Sinne täuschen sich leicht, Angehörige verschiedenster Religionen (und Musikfans, Liebende, "Spirituelle"...) erleben solche Gefühle, und der Sprung zur Ursache der Gefühle ist ein ungerechtfertigter, willkürlicher Glaubenssprung*. Zudem lassen sich diese Gefühle leicht erklären. Neurowissenschaftler haben sie bereits entschlüsselt und können sie sogar simulieren. Wenn Christen sagen, Gott spreche durch Gefühle, die Bibel, durch Menschen und durch Erlebnisse, dann muss einem doch irgendwann auffallen, dass all diese Quellen auch dann funktionieren, wenn es Gott gar nicht gibt. Nichts ist bewiesen, es ist nur eine Frage der Interpretation, in aller Regel einfach davon abhängig, wo und als wessen Kind man geboren wurde. Und es gehört zum gesunden kritischen Denken dazu, solche Gefühle und Interpretationen abzuwägen und auf handfeste Beweise zu warten, bevor man "wie ein Kind" glaubt. Man kann anhand dieser "Beweise" nämlich an alles Mögliche glauben. Und wenn wir Atheisten sagen würden, wir spürten, dass es keinen Gott gebe, würden die Gläubigen uns nie und nimmer ernst nehmen. Denken Sie mal darüber nach, weshalb.

"Es steht ganz ausser Frage, dass Menschen in der Lage sind, zutiefst transformierende Erlebnisse zu haben. Ebenso ausser Frage steht, dass Menschen solche Erfahrungen fehlinterpretieren und sich von ihnen nur noch mehr über die Natur der Dinge in die Irre führen lassen." Sam Harris: Brief an ein christliches Land, S. 115

-Ihr Scrutator

*= Gefühle würden zudem bestenfalls einen Gott beweisen, der Gefühle auslöst, und nichts weiter

1 Kommentar:

Martin Nowak hat gesagt…

Dieses Gleichnis! Wundervoll! Einfach nur wundervoll! Das werde ich mir (unter Nennung der Quelle selbstverständlich!) nehmen und bei passenden Gelegenheiten an Gläubige schicken, die meinen mich bekehren zu müssen!! :-)