Freitag, 12. Februar 2016

17: Eine prüfbare These: Das Gebet


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Wie Sie sehen, habe ich die Einleitung heute dem Biologen Richard Dawkins überlassen. Der Ausschnitt stammt aus seiner Doku "The Enemies of Reason". Dawkins erzählt von einem Experiment, das aufzeigt, was Aberglaube ist und wie er entsteht: Durch "false positives", die wiederum durch die "post hoc fallacy" entstehen. Dieser Fehlschluss funktioniert so: Ereignis B ist nach Ereignis A passiert. Folglich muss Ereignis A der Auslöser von Ereignis B sein. Hier mehr.

Was das mit der Bibel zu tun hat? Nun, vielleicht kennen Sie die folgenden Aussagen, die Jesus Christus zugeschrieben werden:

Matthäus 7, 7: "Bittet, so wird euch gegeben..."

Matthäus 17, 20: "Denn wahrlich ich sage euch: So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein."

Matthäus 21, 20+21: "Wahrlich ich sage euch: So ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein solches mit dem Feigenbaum tun, sondern, so ihr werdet sagen zu diesem Berge: Hebe dich auf und wirf dich ins Meer! so wird's geschehen. 22 Und alles, was ihr bittet im Gebet, so ihr glaubet, werdet ihr's empfangen."

Markus 11, 24: "Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr's empfangen werdet, so wird's euch werden."

Johannes 14, 12-14: "Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater. 13 Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf daß der Vater geehrt werde in dem Sohne. 14 Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun."

Nach dieser Lektüre müsste jedem klar sein: Christen können nur durch Beten allein gewaltige Dinge tun - Grösseres als Jesus und alles, was sie nur wollen. Das ist eindeutig nicht wahr, und jeder Christ weiss, dass es nicht der Realität des Glaubenslebens entspricht. Dass Jesus zumindest schwer übertrieben hat, wird ihnen spätestens dann klar, wenn ein tief gläubiger Christ innig und mit ehrenhaften Motiven um etwas Gutes bittet und nichts geschieht. Christen weichen dann aus, indem sie sagen, Gott antworte auf Gebete entweder mit "Ja", "Nein" oder "Warte". Es fällt auf, dass Gott in diesem System nicht verlieren kann und man auch zu einem Paar Sportsocken beten könnte, ohne seinen Glauben zu verlieren (eine ausführliche Erklärung finden Sie hier).

Berücksichtigt man Passagen wie Psalm 139, 16, Jeremia 10, 23, Prediger 9, 11 oder Sprüche 16, 9, so erledigt sich die ganze Sache mit dem Beten eigentlich gleich:

Psalm 139, 16: "Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war."

Jeremia 10, 23: "Ich weiß, HERR, daß des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt, und steht in niemands Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte."

Prediger 9, 11: "Ich wandte mich und sah, wie es unter der Sonne zugeht, daß zum Laufen nicht hilft schnell zu sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht, daß er ein Ding wohl kann; sondern alles liegt an Zeit und Glück."

Sprüche 16, 9: "Des Menschen Herz denkt sich einen Weg aus; aber der HERR lenkt seine Schritte."

Diese Stellen legen nahe, dass der Mensch sein Schicksal überhaupt nicht beeinflussen könne, und es ist die Rede davon, dass Gott vorausplane. Folglich ist es völlig nutzlos, zu beten, denn Gottes Plan wird sich ja so oder so durchsetzen. Noch sowas, das diese Bibelautoren irgendwie nicht so ganz durchdacht haben... Aber weil das Thema so spannend ist, ignorieren wir das mal höflich. Christen machen die angebliche Realität der Wirkung des Betens so fest wie im Video die Tauben von B. F. Skinner - sie bezeichnen grundlos Ereignisse als Erhörung ihrer Gebete: "Ich habe vor der Matheprüfung gebetet und bestanden!" "Ich habe für meine Grossmutter gebetet und Gott hat ihren Krebs geheilt!" Christen behaupten also, Beten habe eine konkrete Auswirkung auf Resultate. Das ist eine prüfbare These.

Beten vs. Hoffen auf's Glück
Zahlreiche Studien haben bereits untersucht, ob Gebete Resultate beeinflussen. Die grösste davon war das STEP-Projekt der christlichen Templeton Foundation. Rund 1'800 Herzpatienten in sechs Spitälern wurden in drei Gruppen eingeteilt. Den ersten beiden Gruppen wurde gesagt, man würde vielleicht für sie beten, vielleicht aber auch nicht, und es wurde nur für eine der beiden tatsächlich gebetet. Für die dritte Gruppe gab es ebenfalls Gebete, die den Mitgliedern zudem angekündigt wurden. Drei grosse Gemeinden beteten dann für "eine erfolgreiche Operation mit schneller Erholung und ohne Komplikationen". Die Resultate: In allen drei Gruppen kamen Komplikationen und Tod innerhalb von 30 Tagen nahezu gleich oft vor (52%, 51%, 59%), und die geplagteste Gruppe war diejenige, die wusste, dass für sie gebetet wurde. Wie in allen anderen Studien war die Folgerung klar: Beten und Hoffen auf's Glück hat exakt die selben Auswirkungen. Ob Herzoperation, Lotterie, Autounfall oder Wetter - nirgendwo sind Menschen, die beten, besser dran.

Und bewusst oder unbewusst wissen Christen das. Denn so gut wie immer, wenn sie beten, bitten sie um etwas, das auch Zufälle oder andere Faktoren herbeiführen können; etwa wie erwähnt das Bestehen einer Prüfung oder die Heilung eines Krebspatienten. Sie klammern aber Zufall und andere Faktoren aus und setzen ihr Gebet als Auslöser ein - die "post hoc fallacy" wurde angewendet. Marshall Brain illustriert diesen Umstand in seinem Buch "How God Works", indem er die Geschichte eines US-Amerikaners namens Steve erzählt, dessen Haus im Jahr 2004 von einem Waldbrand bedroht war. Er schrieb auf einen Zettel "God bless this house and the firemen that protect it" und faxte die Nachricht in sein Haus. Sein Heim blieb als einziges in der Nachbarschaft verschont, und wie es sich für einen Christen gehört, gab Steve sein Gebet als Ursache an - mit der einzigen Begründung, dass es vor den Ereignissen gesprochen worden war. Brain führt aus:

"...this is a classic example of the post hoc fallacy at work. Just because something happened following a prayer, it does not mean that the prayer caused it to happen. 
The first problem with Christian logic is that the same logic can be applied to anything. For example:
  • Let's say that Steve had a portrait of Mother Theresa on the wall. The Catholic Church would claim that what Steve experienced is a posthumous miracle brokered by Mother Theresa.
  • What if Steve has a mask of good fortune made by a Haitian voodoo doctor on the mantel? The voodoo doctor would say that the mask worked its magic and saved the house. 
  • Perhaps Steve's daughter claims to be a good witch, and she cast a spell on Steve's house when she saw how distraught he was. According to her, it was her spell that saved the house.
  • The manufacturer of Steve's refrigerator could claim that its line of appliances provides supernatural protection against housefires. It was the refrigerator that saved Steve's house.
(...) Most people understand that closing every fire station in America and instead relying on prayer would be irresponsible. Why? It brings up an interesting question: If you believe that God answered Steve's prayer, then why won't you believe that God would answer a nationwide prayer from Steve as well?" Marshall Brain: How God Works, S. 77-79

Die Antwort: Weil Zufall und andere Faktoren das wahrscheinlich nicht hinkriegen und es folglich klar wäre, dass Gott nicht reagiert hat. Und genau da setzt die Website whywontgodhealamputees.com an: Wenn wir beten, dass Gott jemandem doch bitte ein fehlendes Glied zurückgeben soll, schliessen wir dadurch die Möglichkeit aus, dass unser Wunsch durch Zufall oder andere Faktoren erfüllt wird. Es ist noch nie jemand mit amputierten Gliedmassen von Gott geheilt worden. Immer, wenn wir Gott um etwas bitten, das nicht auch durch andere Faktoren oder den Zufall herbeigeführt werden kann, geschieht nichts. Wenn wir messen, ob Gebete Resultate beeinflussen, messen wir keinen Einfluss. Für etwas Beten ist wie Alternativmedizin: Ein Placebo ohne nachweisbare Wirksamkeit. Wann erkennt ihr's, liebe Christen?

-Ihr Scrutator

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