Montag, 15. Februar 2016

18: Zeig dich! Das "Argument from Divine Hidenness"

Jeremia 29, 13+14: "Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen..."


(Video vom Youtube-Kanal "DarkMatter2525", untertitelt vom Scrutator)

Die allermeisten Christen sind ständig in kognitiver Dissonanz gefangen. Sklaverei wird im alten Testament explizit erlaubt und bleibt auch im neuen Testament normal (3. Mose 25, 44-46 / Epheser 6, 5 / 1. Petrus 2, 18) - aber ein anständiger Mensch im 21. Jahrhundert sieht Sklaverei unter keinen Umständen als moralisch an. Dass Ungläubige für immer im "Feuersee" gequält werden sollen, ist Christen so unangenehm, dass viele sich sogar zieren, wenn sie es zugeben sollen. Nicht wenige Ungläubige denken, dass die Theodizee-Frage - diejenige nach den Gründen für das Leid in der Welt - bei Gläubigen die grösste Dissonanz hervorrufe. Umfragen zeigen, dass diese Frage Christen tatsächlich sehr beschäftigt - kein Wunder, widerlegt sie doch eindeutig die Existenz eines zugleich allmächtigen und allgütigen Gottes. Daneben gibt es aber noch eine etwas vernachlässigte Frage, die ebenfalls viel Erklärungsnot hervorruft: Warum ist Gott so abwesend?

Der versteckte Gott
Wenn man die Bibelstellen auflisten wollte, in denen Gott zu Menschen spricht - darunter nicht wenige, in denen klar ist, dass die Menschen eine Stimme hörten -, würde man sich eine Riesenarbeit aufbürden. Die "Skeptic's Annotated Bible" listet 30 Stellen auf, die besagen, dass Gott sich sichtbar gezeigt habe. Direkt darunter folgen 7 Stellen, die besagen, dass es nicht möglich sei, Gott zu sehen. In den Psalmen beklagen sich die Autoren wiederholt darüber, dass Gott sich verstecke, bevor dann Thomas und Saulus bzw. Paulus wieder einen Sonderbeweis bekommen. Wir sehen also schon zu Beginn, dass die Bibel wieder einmal bei einem Thema keine klare Linie vertritt und sich selbst widerspricht. Beschäftigen wir uns mit der Glaubensrealität - mit den Behauptungen von Gläubigen.

Vielleicht kennen Sie den folgenden Spruch, der von Christen endlos wiederholt wird: "Das Christentum ist keine Religion. Es ist eine Beziehung." Sie glauben, sie hätten eine Beziehung zu Gott, Gott wolle eine Beziehung zu jedem Menschen haben. Liest man die Bibel, so sind die Beziehungen zwischen Gott und den Menschen dort oft sehr persönlich. Die Beziehungen, die heutige Christen angeblich haben, basieren aber, wie der gesamte Glaube, lediglich auf Annahmen ohne Beweise. In dieser Vorstellung eines beziehungswilligen Gottes liegt das Problem und folglich die Angriffsfläche: Man kann sich nicht herausreden, indem man sagt: "Gott hat unergründliche, weise Gründe dafür, sich nicht offensichtlich zu zeigen". Seine augenscheinliche Abwesenheit versalzt ihm nämlich immer wieder die eigene Suppe. Paulus schrieb:

Römer 1, 19-21: "Denn was man von Gott weiss, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, 20 damit dass Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also dass sie keine Entschuldigung haben, 21 dieweil sie wussten, dass ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert."

Paulus' Ausmass an Ignoranz und Arroganz ist wahrhaft erschreckend. Sehr viele Menschen finden nicht, dass ihre Eindrücke vom Leben auf der Erde klar auf die Existenz des christlichen Gottes geschweige denn ein Verlangen nach einer Beziehung von dessen Seite hindeuten - am wenigsten die Wissenschaftler, die die Natur tief erforscht und vieles darin entschlüsselt haben. Diese Art der Offenbarung klappt definitiv nicht. Und selbst manche Christen wie ich, die Gott lange innig und ehrlich gesucht haben, können ihn vergeblich suchen. Auch Menschen, die wirklich eine Beziehung zum "richtigen" Gott haben wollen, werden enttäuscht. Das ist ein Problem.

Thou shalt not test the Lord..?
Marshall Brain geht in "How God Works" an das Problem heran, indem er fragt: Warum bitten wir Gott und Jesus nicht einfach, uns zu erscheinen? Christen stellen sofort den folgenden Bibelvers in den Raum:

5. Mose 6, 16: "Ihr sollt den HERRN, euren Gott, nicht versuchen..."

Jesus zitiert laut Matthäus und Lukas diese Stelle dem Teufel gegenüber. Wir sollen also nichts tun, das von Gott verlangt, sich zu erkennen zu geben bzw. "sich zu beweisen". Wie Brain korrekt erwidert, tun Christen aber genau das, wenn sie beten: Sie bitten darum, dass Gott in ihr Leben eingreift, und wenn er das ihrer Meinung nach getan hat, dann werden sie nicht müde, davon zu schwärmen. Christen schicken Gott ständig Anfragen und bejubeln dann die "sichtbare Hand Gottes". Entweder geben Christen also zu, dass man mittels Gebet Gott testen kann und er sich dann erkennbar zeigt, oder sie geben zu, dass der Eindruck der Erfüllung eines Gebetes nie als Beweis ausreicht (Matt Dillahunty, die Galionsfigur der Sendung "The Atheist Experience", hat beobachtet, dass Christen in grossen Debatten ihre persönlichen Erlebnisse praktisch nie als Argumente verwenden, weil sie schlau genug sind, um zu begreifen, dass das keine überzeugenden Beweise sind). Und davon abgesehen gibt es vier Bibelstellen, in denen Gott offensichtlich herausgefordert wird und sich dann auch zeigt. Eine davon steht im 1. Könige:

1. Könige 18, 22-40: "Da fuhr Elija fort: "Ich allein bin als Prophet Jahwes übrig geblieben. Die Propheten Baals sind 450 Mann. 23 Bringt zwei junge Stiere her! Sie sollen sich den einen auswählen, ihn zerteilen und die Stücke auf das Holz schichten. Sie dürfen das Holz aber nicht anzünden. Und ich, ich werde den anderen Stier herrichten, ihn auf das Holz schichten und es ebenfalls nicht anzünden. 24 Dann ruft ihr den Namen eures Gottes an! Und ich, ich werde den Namen Jahwes anrufen. Der Gott, der mit Feuer antwortet, ist der wahre Gott." (...) 26 So nahmen sie den jungen Stier, den man ihnen übergab, und bereiteten ihn zu. Dann riefen sie den Namen Baals an: "Baal, höre uns!" Sie riefen vom Morgen bis zum Mittag. Aber es war kein Laut zu hören, es kam keine Antwort. Dabei hinkten und hüpften sie um ihren Altar. 27 Als es Mittag wurde, machte sich Elija über sie lustig. "Ruft lauter!", spottete er. "Er ist ja ein Gott. Er ist sicher in Gedanken, oder er ist gerade austreten gegangen. Vielleicht ist er auch auf Reisen, oder er schläft gerade, dann sollte er aufwachen!" 28 Da schrien sie immer lauter und ritzten sich nach ihrem Brauch mit Schwertern und Lanzen, bis Blut an ihnen herabfloss. 
(...) 
36 Um die Zeit des Abendopfers trat Elija vor den Altar und sagte: "Jahwe, Gott Abrahams, Isaaks und Israels! Heute sollen alle erkennen, dass du Gott in Israel bist und dass ich dein Diener bin und nach deinem Wort all das getan habe. 37 Antworte mir Jahwe, antworte mir, damit dieses Volk erkennt, dass du, Jahwe, allein Gott bist und dass du sie wieder auf den rechten Weg zurückbringen willst." 38 Da kam ein Feuer Jahwes herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde und leckte auch das Wasser im Graben auf. 39 Als das Volk das sah, warfen sich alle nieder, das Gesicht auf dem Boden, und riefen: "Jahwe, er allein ist Gott! Jahwe, er allein ist Gott!" 40 Da sagte Elija zu ihnen: "Packt die Propheten des Baal! Keiner darf entkommen!" Sie taten es. Dann ließ Elija sie zum Bach Kischon hinabführen und dort hinrichten."

Marshall Brain weist auf eine wichtige Tatsache hin, die uns nach dieser Geschichte klar sein sollte: Die Bibel findet es offenbar in Ordnung, die Existenz von Göttern zu testen, indem man sie herausfordert und von ihnen verlangt, sich zu zeigen. So steht es auch geschrieben:

Jesaja 41, 21-24: "So lasset eure Sache herkommen, spricht der HERR; bringet her, worauf ihr stehet, spricht der König in Jakob. 22 Lasset sie herzutreten und uns verkündigen, was künftig ist. Saget an, was zuvor geweissagt ist, so wollen wir mit unserm Herzen darauf achten und merken, wie es gekommen ist; oder lasset uns doch hören, was zukünftig ist! 23 Verkündiget uns, was hernach kommen wird, so wollen wir merken, daß ihr Götter seid. Wohlan, tut Gutes oder Schaden, so wollen wir davon reden und miteinander schauen. 24 Siehe, ihr seid aus nichts, und euer Tun ist auch aus nichts; und euch wählen ist ein Greuel."

Wenn wir heute Jahwe auf diese Art herausfordern, passiert nichts, nie. Was tut Elija, als von Baal keine Reaktion kommt? Er spottet lauthals. Nachdem sein Gott alle Zuschauer ganz simpel bekehrt hat, werden die Baalspriester geschlachtet (was wahre Bibelkenner ja aber nicht überraschen dürfte, siehe Post 6 und Post 12).

Fragen über Fragen
Christen, denkt mal nach: Warum bekehrte Gott eine ganze Volksmenge und viele andere durch sichtbare Beweise und tut das heutzutage nicht mehr? Warum gab Jesus so vielen Menschen Zeichen, zeigte sich nach seiner Auferstehung angeblich hunderten Personen und ging auf die abdriftenden Männer Thomas und Saulus persönlich zu, um ihnen Beweise zu liefern, und tut das heutzutage nicht mehr? Warum hat er diesen Leuten die Möglichkeit des "Glaubens" genommen und ihnen Wissen geschenkt? Warum hat Gott die Welt so eingerichtet, dass man ihn heutzutage nur noch durch Glauben "finden" kann? Es gibt nichts, das man durch Glauben nicht annehmen könnte! Und dadurch, dass Gott sich vor uns Ungläubigen versteckt, gibt es zudem Probleme mit unserem freien Willen: Wir möchten glauben, was wahr ist - wenn es Gott tatsächlich gibt, dann beeinflusst sein Versteckspiel unsere Entscheidung auf negative Weise, und das bei einem System, bei dem Nichtglauben mit ewiger Folter bestraft wird.

Wir Skeptiker, die die Kunst des wissenschaftlichen, kritischen Denkens verstanden haben, warten auf einen Akt Gottes, der uns einen Grund gibt, seine Existenz anzuerkennen. Warum ignoriert er uns? Hatte er Thomas und Saulus ganz besonders lieb und uns halt nicht? Und was ist mit euren Erlebnissen - woher wisst ihr, dass Gott mit euch kommuniziert hat? Warum nehmt ihr jedes Zeugnis von anderen Gläubigen als Beweis für eure Ansichten an? Warum müsst ihr die Existenz von jemandem verteidigen, der eine persönliche Beziehung mit euch hat? Gottes abwesende Art ist eine Gefahr für seine Mission. Entweder gibt es ihn nicht, oder er ist ein Arsch. Treffen Sie Ihre Wahl, und wähle Sie weise.

-Ihr Scrutator

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