Dienstag, 16. Februar 2016

19: Die "Heilsgeschichte", Teil 2: Im Exil

->Hier Teil 1 der Trilogie zur Heilsgeschichte<-

So, Gott hat die Menschen vor die Tür gesetzt. Und da sitzen wir nun, in einer in mancherlei Hinsicht grausamen Welt. Das Schicksal ist immer wieder schwer zu fassen. Und doch gibt es Menschen, die glauben, dass ein allmächtiger, guter Gott über dieser Welt wache, der alle rette, die an ihn glauben. Oder nur die, die auch tun, was er sagt. Das lässt sich nicht so genau sagen - mehr dazu dann in Teil 3. Blicken wir nun also hinein in die aktuelle Phase der Heilsgeschichte, die "Zwischenzeit" zwischen dem Sündenfall und Christi Wiederkehr - warum ist aus biblischer Sicht alles so, wie es jetzt ist?

Theodizee
Manche Leute sagen: "Es geht immer und immer schlimmer zu auf dieser Welt..." Das ist eine Illusion, die dadurch entsteht, dass die Medien uns immer mehr von den Übeln dieser Welt, die immer schon überall vorhanden und grässlich waren, direkt in's Wohnzimmer und auf's Smartphone bringen. Wie konnte es mit der Welt so weit kommen? Wir finden heute eine Welt vor, die angeblich weder Gott noch den Menschen so gefällt, und doch ändert sich nichts - warum? Das ist eine komplexe Frage, und die Bibel beantwortet sie nie explizit. Deswegen bekommt man auch von zehn verschiedenen Christen zehn unterschiedliche Antworten darauf.

Wenn sich das Übel wieder einmal von seiner übelsten Seite zeigt und die Frage nach Gottes Rolle in all dem lauter wird, tun Christen, was sie die meiste Zeit tun müssen: Ihren Gott mit weit hergeholten, undurchsichtigen Argumenten verteidigen: Die Menschen seien schuld, Gott könne für nichts etwas, er wisse besser, warum er was zulässt. Es mag sein, dass viel Übel von Menschen ausgelöst wird - aber definitiv nicht alles. Was steht denn in der Bibel?

1. Mose 3, 16-19: "Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein. 17 Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und hast gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden."

Hier formen sich schon einmal erste Erkenntnisse und Fragen. Zunächst einmal sehen wir, dass Gott Adam und Eva gezielt mit Leid gestraft hat. Was dabei besonders für Empörung sorgen sollte, ist der Umstand, dass die Strafe extrem ausgeweitet wurde:

Römer 5, 18+19: "Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen. 19 Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte."

Psalm 51, 7: "Siehe, ich bin in sündlichem Wesen geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen."

Darf ich vorstellen: Das biblische Konzept der Erbsünde, im alten Testament regelmässig präsent (siehe z.B. 2. Mose 20, 5 / 1. Samuel 3, 13 / Jesaja 9, 15). Welches Gericht dieser Welt bestraft Menschen für die Vergehen ihrer Vorfahren?! Sämtliche Menschen nach Adam und Eva werden schon vor ihrer Geburt gezielt von Gott verflucht - das ist an Absurdität und Ungerechtigkeit kaum zu übertreffen und zeigt bereits, dass nicht alles Übel einfach spontan aus der Trennung von Gott entstanden ist. Gott hat uns alle mit Elend bestraft - und das Verrückte ist, dass viele Christen nicht sofort bestätigen würden, dass Gott das getan hat, weil das nicht mit ihrem selbstgebastelten Bild eines liebenden Gottes zusammenpasst. Im Buch "Klagelieder" lesen wir:

Klagelieder 3, 33: "Denn er nicht von Herzen die Menschen plagt und betrübt..."

Das deutet auf die erste Option im berüchtigten Zitat des Philosophen Epikur hin: Gott will das Elend - das er selbst auslöst - beseitigen, aber er kann es nicht. Ein seltsamer "Gott der Liebe"; ein definitiv nicht allmächtiger Typ oder einer mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Aber warum plagt er denn die Menschen überhaupt? Gibt es einen höheren, unergründlichen Grund dafür? Lesen wir am selben Ort weiter:

Klagelieder 3, 37: "Wer darf denn sagen, daß solches geschehe ohne des HERRN Befehl 38 und daß nicht Böses und Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten?"

Das erinnert an diesen Vers:

Jesaja 45, 7:Ich bin der HERR, und keiner mehr; 7 der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel.

Für diese Autoren ist völlig selbstverständlich, dass Gott für Leid absolut mitverantwortlich ist. Und immer wieder finden wir den selben alten Grund dafür, dass Gott die Menschen quält, so auch an der Stelle, an der wir vorhin schon waren:

Klagerlieder 3, 42-47: "Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen; darum hast du billig nicht verschont; 43 sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt und ohne Barmherzigkeit erwürgt. 44 Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, daß kein Gebet hindurch konnte. 45 Du hast uns zu Kot und Unflat gemacht unter den Völkern. 46 Alle unsre Feinde sperren ihr Maul auf wider uns. 47 Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst."

Strafe - schon wieder.

Strafe muss sein
Aus Klagelieder 33 lernen wir: Gott findet es in Ordnung, Menschen für Ungehorsam zu strafen - auch gern mal so richtig brutal -, aber es macht ihm keinen Spass. Lassen wir das mal so stehen. Was sagte denn der vielgepriesene Jesus zum Thema Sünde und Strafe? Der gute Mann wird das doch sicher nicht unterstützt haben, oder?

Johannes 5, 5-14: "Es war aber ein Mensch daselbst, achtunddreißig Jahre lang krank gelegen. (...) 8 Jesus spricht zu ihm: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin! 9 Und alsbald ward der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. (...) 14 Darnach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre."

Ok... Aber dann gibt es doch sicher eine Richtigstellung von Paulus..? (Wenn es denn Paulus war - Historiker bezweifeln stark, dass er den Hebräerbrief geschrieben haben soll)

Hebräer 12, 5-11: "Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst! 6 Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er geißelt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. 7 Wenn ihr Züchtigung erduldet, so behandelt euch Gott ja als Söhne; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? 8 Seid ihr aber ohne Züchtigung, derer sie alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr ja unecht und keine Söhne! 9 Sodann hatten wir auch unsere leiblichen Väter zu Zuchtmeistern und scheuten sie; sollten wir jetzt nicht vielmehr dem Vater der Geister untertan sein und leben? 10 Denn jene haben uns für wenige Tage gezüchtigt, nach ihrem Gutdünken; er aber zu unsrem Besten, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. 11 Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt uns nicht zur Freude, sondern zur Traurigkeit zu dienen; hernach aber gibt sie eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind."

So. Gibt es jetzt noch einen letzten Christen, der mir erzählen will, dass alles Übel einfach aus der Trennung von Gott entstanden sei oder dass Gott nicht strafe? Ich war selbst so einer. Die gezeigten Bibelstellen werfen ein ganz neues Licht auf Römer 8, 28 und die Aussagen von manchen konservativen Gläubigen, die Naturkatastrophen als göttliche Strafen für Homosexualität bezeichneten. Christen haben ein Weltbild, in dem Gott entweder besorgt von aussen auf die Welt schaut und heult oder mit chirurgischer Präzision ständig Dinge tut, die uns grausam erscheinen, aber in Wahrheit die bestmöglichen Taten sind - oder eine verwirrende Mischung aus beidem. Die Bibel sagt indes klar, dass Gott für das Böse verantwortlich sei (Klagelieder 3, 37 / Jesaja 45, 7), dass er uns "plagt und betrübt", weil wir nicht genau das tun, was er will (siehe AT) - er "züchtigt" uns (siehe NT), und wir sind von Geburt an straffällig.

Fazit
Ist nun die Theodizeefrage ein "nail in the coffin" für das christliche Weltbild? Wir wissen, dass der biblische Gott einiges Übel selbst erfunden und eingesetzt hat (1. Mose 3 / Jesaja 45, 7) und dass er auch heute noch Übel als Erziehungsmassnahme verteilt (Römer 5) - oder auch mal, um angeben zu können (siehe Johannes 9, 1-3 oder Johannes 11, 3+4). Welches Übel ist nun erzieherisch und welches nicht, und wie erklärt sich das nicht-erzieherische? Welcher Lerneffekt steckt darin, Naturkatastrophen zuzulassen und Vergewaltigungs- und Mordopfer für die freie Willensausübung anderer Menschen bezahlen zu lassen, und wenn kein Lerneffekt drinsteckt, sind das dann Strafen oder einfach Fälle von unterlassener Hilfestellung? Schreiten Sie persönlich ein, wenn Ihre Kinder mit spitzen Gegenständen auf einander losgehen? Schliessen Sie Ihre Wohnung nachts nicht ab, damit auch ja nicht der freie Wille eines Einbrechers eingeschränkt wird? Und sogar wenn Elend manche Menschen etwas lehrt - hat ein allgütiger, allmächtiger Gott etwa keine besseren Möglichkeiten, jemandem etwas beizubringen? Und warum muss er uns überhaupt etwas beibringen? Damit wir besser mit dem Leid umgehen können (das zudem im Paradies gar nicht mehr vorhanden sein soll)? Ein peinlicher Zirkelschluss.

Es gibt noch zahllose weitere Fragen in diesem Themenkomplex. Endlose Diskussionen liessen sich etwa noch zum Thema Vorherbestimmung führen - Anlass dafür sind Stellen wie diese:

Psalm 139, 16: "Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war."

Wie viel Leid plant Gott? Manche Gestalten wie der US-amerikanische Autor Rick Warren gehen so weit, dass sie sagen, Gott habe Geburt und Tod jedes Menschen genau geplant und machen Gott somit für jeden Mord in der Geschichte verantwortlich, inklusive Holocaust und, wenn man will, Abtreibungen. Marshall Brain hat sich damit beschäftigt.

Sie sehen - das Problem der miserablen Zustände im "Exil" nach dem Paradies ist komplex, und man kommt nicht leicht zu einem klaren Urteil. Jedenfalls lässt es sich nach eingehender Betrachtung nicht mehr abstreiten, dass bei weitem nicht alles Übel die Schuld von Menschen ist - Gott hat es mindestens mitbegründet, beteiligt sich mit "Züchtigungen" daran und lässt wahrhaft gewaltiges Übel zu. Denken Sie einmal an den Fall Fritzl: Nach christlicher Logik erteilte Gott durch Josef Fritzl dessen Tochter Elisabeth eine wertvolle Lektion, als dieser sie 24 Jahre lang in seinem Keller einsperrte, zahllose Male vergewaltigte und 7 Kinder mit ihr zeugte, oder sie musste halt einfach hinhalten, damit ihr Vater seinen freien Willen ausüben konnte, oder sie musste dafür bezahlen, mit Adam & Eva verwandt zu sein. Angesichts dieser Umstände wäre ein Freispruch für Gott eindeutig zu vorschnell. Zum Abschluss vier Fragen:

1. Wenn diese Welt das Beste ist, was Gott hinkriegt, woher dann die Freude auf das Paradies?

2. Ein allmächtiges Wesen kann jedes Problem auf schier unendlich viele Arten lösen. Ist Gott nichts unmöglich, so muss seine Schöpfung seinen Wünschen entsprechen. Wenn Gott allmächtig ist, folgt dann bei der Betrachtung unserer ungerechten, fehlerhaften Welt mit Krebs, Weisheitszähnen und Wirbelstürmen nicht zwangsläufig der Schluss, dass er nicht allgütig sein kann, da er die Ungerechtigkeit und Fehlerhaftigkeit ja in seiner Allmacht beseitigen würde, wenn er es wollte?

3. Ein allgütiges Wesen orientiert sich beim Umgang mit seinen Kindern an dem, was Moral ausmacht: Dem Fördern des Wohlergehens von Menschen. Ist Gott der Inbegriff der Güte, so können Versteckspiel, unvorstellbare Qualen und das Zugestehen uneingeschränkter Handlungsfreiheit nicht Bestandteile seiner Erziehungsstrategie sein. Wenn Gott allgütig ist, folgt dann bei der Betrachtung unserer leiderfüllten, mangelhaft "designten" Welt mit Alzheimer, Blinddärmen und Erdbeben nicht zwangsläufig der Schluss, dass er nicht allmächtig sein kann, da er die Ungerechtigkeit und Fehlerhaftigkeit ja in seiner Allgüte beseitigen würde, wenn er es könnte?

4. Im Lichte all dessen: Lassen sich die Umstände in unserer Welt nicht wesentlich besser unter der Annahme der Inexistenz allmächtiger, gütiger Kräfte erklären? Wie sähe denn die Welt aus, wenn es solche nicht gäbe? Wäre ein Unterschied zu dem Chaos aus Ungerechtigkeit und Unvollkommenheit auszumachen, das wir heute beobachten?

Eins ist klar: Den allgütigen und allmächtigen Gott, an den die meisten Christen glauben, kann es in diesem Universum nicht geben.

-Ihr Scrutator

->Zu Teil 3 der Trilogie zur Heilsgeschichte<-

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