Donnerstag, 25. Februar 2016

22: Glaube ist keine Tugend



"Du musst glauben, einfach glauben, denn der Glaube macht dich stark, und er gibt dir neue Kraft!" So lautet frei übersetzt aus dem Schweizerdeutschen der Text eines Kinderliedes, das mir damals in der Kirche beigebracht wurde. Gezielt wird den Kindern damit schon früh ein fundamentaler Fehlschluss eingetrichtert: Man soll nicht an Gott glauben, weil die These glaubwürdig ist. Man soll an ihn glauben, weil das Leben hart ist.

Der christliche "Glaube"
Der Glaube steht im Zentrum der Beschäftigung mit der Bibel. Aber was genau ist "Glaube"? Der Duden versteht darunter eine "gefühlsmäßige, nicht von Beweisen, Fakten o. Ä. bestimmte unbedingte Gewissheit, Überzeugung". Die Bibel definiert Glauben sehr ähnlich; sie spricht von einer "Zuversicht des, das man hofft", und einem "Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht." (Hebräer 11,1). Christen sind sich bei ihrem Glauben nie so ganz mit sich selbst einig, ob sie aufgrund von Beweisen glauben oder entsprechend dieser Definition einfach blind eine "Entscheidung für Gottes Existenz" getroffen haben - doch Letzteres wird in Debatten, in denen ein Argument nach dem anderen durchlöchert wird, früher oder später zwangsläufig auftauchen. Im ersten Moment mag das Konzept des Glaubens alltäglich und harmlos anmuten. Aber denken wir einmal darüber nach, was diese Definitionen mit sich bringen. Sam Harris schreibt:

"Im Hebräerbrief 11, 1 wird Glaube definiert als 'die Gewissheit dessen, worauf man hofft, und das Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht'. Liest man das vorschriftsgemäss, so scheint diese Bibelstelle aus Glaube etwas zu machen, das völlig aus sich selbst gerechtfertigt wird: Die blosse Tatsache womöglich, dass man an etwas glaubt, das noch nicht geschehen ist ('worauf man hofft') oder für das es keine Beweise gibt ('was man nicht sieht'), gilt schon als Beweis für das reale Vorhandensein dieses Etwas ('Gewissheit'). Sehen wir uns an, wie das funktioniert: Ich verspüre eine gewisse, recht prickelnde 'Überzeugung', dass die Schauspielerin Nicole Kidman in mich verliebt ist. Da wir uns nie begegnet sind, sind meine Gefühle der einzige Beweis dafür, dass Nicole auf mich steht. Ich argumentiere wie folgt: Meine Gefühle deuten darauf hin, dass zwischen Nicole und mir eine spezielle, ja metaphysische Verbindung bestehen muss - wie sonst sollte ich solche Gefühle haben? Ich beschliesse also, mein Lager vor Nicole Kidmans Haus aufzuschlagen, damit die Dinge sich entwickeln können. Offensichtlich ist diese Art von Glauben eine heikle Angelegenheit." Sam Harris: Das Ende des Glaubens S.64

Harris zeigt: Glauben - also das Akzeptieren von Annahmen ohne Beweise - öffnet jeglichen Überzeugungen Tür und Tor; es gibt nichts, das man nicht "glauben" könnte. Wenn wir nun befinden, dass Glaube ohne Beweise verwerflich sei, so stellen sich Fragen: Sollte man vollumfänglich auf Glauben verzichten? Glauben wir nicht vieles in unserem Alltag ohne Beweise?

"Glauben" wir nicht an die Schwerkraft, da wir sie ja nicht sehen können, wie die Dame im Video oben sagte? "Glauben" wir nicht, dass der Stuhl hält, auf den wir uns gleich setzen werden, "glauben" wir nicht, dass am Bahnhof ein Zug einfahren wird, und "glauben" wir nicht auch, dass uns unser Partner liebt - alles ohne handfeste Beweise und ohne, dass wir den Glauben als verwerflich ansehen? An letzgenanntem Beispiel habe ich längere Zeit herumstudiert: "Es lässt sich nicht beweisen, dass einen jemand liebt; man glaubt das ohne Beweise. Und wenn das da OK ist, warum müssen wir Christen dann für Gott Beweise vorbringen?" Im ersten Moment klang das erstaunlich plausibel: Alle "Beweise", die mir ein Mensch für seine Liebe liefert, können gefälscht sein, ich muss letztlich blind an seine Liebe glauben - oder? Ich greife zur Erörterung auf ein Gleichnis zurück.

Das Gleichnis von der verschlossenen Scheune
Stellen Sie sich zwei Personen vor, die vor einem verschlossenen Scheunentor stehen. In der Scheune ist Wiehern und das Klappern von Hufen zu hören. Person A sagt: "Meine Erfahrung sagt mir, dass diese Geräusche von Pferden kommen - Pferde sind reale Wesen, und dass die so klingen, lässt sich demonstrieren und ist ein Fakt. Es hat sich zudem erfahrungsmässig gezeigt, dass es nicht unüblich ist, in einer Scheune ein Pferd vorzufinden. Aufgrunddessen glaube ich, dass in dieser Scheune ein Pferd ist." Person B sagt: "Die Geräusche würden meiner Meinung nach zu einem Einhorn passen. Deshalb glaube ich, dass da ein Einhorn drin ist."

Beide Personen können nicht sehen, was sich effektiv in dieser Scheune aufhält, und müssen folglich ihre Überzeugungen "glauben". Aber sind die beiden genannten Vermutungen ebenbürtig?

Person A: Wir wissen, dass es Pferde grundsätzlich gibt, und die Indizien in dieser Situation passen bekanntermassen zu einem Pferd. Ja, es könnte theoretisch auch nur ein CD-Player mit einer Pferde-CD in der Scheune stehen - aber wer würde die Vermutung von Person A als leichtsinnig bezeichnen? Ihr "Glauben" stützt sich auf Fakten und empirische Erfahrungen und kann folglich als wissenschaftliche Theorie bezeichnet werden.
Person B: Sie bringt die Indizien mit einem Wesen in Verbindung, dessen Existenz jeglicher Beweise entbehrt. Aus ihrer Sicht passen die Hinweise zu einem Einhorn - aber es gibt wesentlich naheliegendere natürliche Erklärungen (siehe Person A). Ihr Glaube ist nichts weiter als eine haltlose Behauptung und kann mit der fundierten Theorie von Person A nicht mithalten.

Genau so wie bei Person A verhält es sich mit dem Glauben daran, dass einen jemand liebt. Man stellt quasi eine wissenschaftliche Theorie auf: Dass Liebe grundsätzlich existiert, wissen wir; jeder hat das Gefühl erlebt und man kann es notfalls auch im Labor messen, etwa am Hormonspiegel und an anderem. Und auch wenn es letztlich ein Risiko ist, aufgrund von Indizien auf die Liebe einer Person zu schliessen, stützt sich die Vermutung aber doch immerhin darauf, dass diese Indizien als Indikatoren von Liebe bekannt sind - man kann von einer fundierten, vernünftigen Erwartung sprechen. Wer jemandem aus dem Nichts einen Heiratsantrag macht, den bezeichnen wir als verrückt, weil er statt auf Hinweise auf den Glauben vertraut hat.

Und genau so wie bei Person B verhält es sich mit dem Glauben an Gott. Die Annahme kommt nicht über den Status einer haltlosen Behauptung hinaus. Bei Gott ist gar nichts bewiesen, es gibt keine empirischen Erfahrungswerte und die Indizien werden arbiträr bzw. aufgrund eines Buches interpretiert - der Glaube ist im eigentlichen Sinne blind; man tut nur so, als wisse man Bescheid. Wenn wir uns auf die Schwerkraft verlassen, uns auf Stühle setzen, an Bahnhöfe gehen und uns auf Liebesbeziehungen einlassen, dann tun wir das im Normalfall strenggenommen nicht aus "Glauben", sondern aus vernünftigen Erwartungen heraus, die auf Fakten und Erfahrungen basieren. Der Glaube an Schwerkraft ist empirisch gut fundiert, Stühle gewinnen unser Vertrauen, Züge sind dafür bekannt, an Bahnhöfen einzufahren - von einem Glauben ohne Beweise zu sprechen, wäre in diesen Zusammenhängen übertrieben. Gott hingegen hängt völlig in der Luft, und alles, was ihn angeblich beweist, lässt sich naturalistisch erklären oder widerlegen.

Fazit
Wir haben gesehen: Glaube ist nicht gleich Glaube. Es gibt einen Unterschied zwischen fundierten, vernünftigen Erwartungen und dem blinden Akzeptieren von haltlosen Annahmen, dem "so tun, als wüsste man etwas, was man nicht weiss", wie Dr. Peter Boghossian es auf den Punkt brachte. Von Letzerem ist abzuraten, denn damit entscheidet man sich für folgende Strategie: "Ich halte das jetzt einfach für wahr, ganz egal, ob es wahr ist oder nicht!". Glaube ist nur nötig, wenn sich eine Ansicht nicht verteidigen lässt. Wer an jemandes Liebe glaubt, ohne Indizien dafür zu haben, ist leichtsinnig. Und da so ein Glaube eine wissenschaftliche Theorie ist, gilt: Er ist falsifizierbar - ein Gegenbeweis gibt Anlass, nicht mehr daran zu glauben. Die Wissenschaft verwirft ihre Ansichten, wenn Gegenbeweise auftauchen. Der Glaube an Gott hingegen scheint dagegen resistent zu sein. Gott ist genauso wenig falsifizierbar wie Einhörner oder eine hypothetische Mikro-Teekanne, die den Mars umkreist. Und wenn es um die Bibel geht, so wollen Christen diese "mithilfe des heiligen Geistes verstehen lernen" - was nichts anderes bedeutet als alle Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und Widersprüche im Buch schönzureden. Hoffen wir, dass damit eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft Schluss sein wird. Das Material zum Schönreden stelle ich gern weiterhin bereit. Das Schlusswort gehört George Smith:

"Können wir das Konzept Gott nicht verstehen, so kommen wir dem Verstehen durch den Glauben nicht näher. Sind die Dogmen des Christentums absurd, so verlieren sie ihre Absurdität durch den Glauben nicht. Der Glaube eliminiert keine Widersprüche und Absurditäten, er erlaubt es lediglich, trotz Widersprüchen und Absurditäten zu glauben. Der Verweis auf den Glauben löst nichts und erklärt nichts; er lenkt lediglich von der zentralen Frage der Wahrheit ab. Die abschliessende Analyse zeigt, dass das Konzept des Glaubens nicht nur das unvereinbare Gegenteil der Vernunft ist, sondern auch ein Ausweichmanöver und nutzlos."
- George Smith in Atheism: The Case Against God



-Ihr Scrutator

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