Sonntag, 17. April 2016

28: Aufzeichnungen eines Aufgewachten, Teil 4: Fuck Logic - Die wissenschaftliche Seite

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Essay 4: Fuck Logic - Die wissenschaftliche Seite
Wenn ich wieder einmal nachempfinden will, warum Menschen dem Christentum verfallen und ihm anhängen, dann schnappe ich mir meine Gitarre und krame den Ordner mit den Anbetungsliedern hervor. Ich bin mit diesen Liedern gross geworden und habe mit meinen Altersgenossen auch modernere Songs eingeführt. Die Texte sind Liebesbriefe an Gott, die durch die Kraft der Musik eine unbeschreibliche Wirkung entfalten können. Wie Ex-Prediger Dan Barker einmal treffend anmerkte, würde es uns verwundern, wenn Wissenschaftler jeden Sonntag zusammenkämen und gemeinsam innig die Wahrheit ihrer Theorien proklamieren würden. Dadurch würden sie äusserst verunsichert wirken. Und das verrät uns einiges über das Christentum: Wenn man Gott besingt und dabei Freude und Hoffnung tankt, dann badet man in der Vorstellung, dass es doch so toll wäre, wenn es diesen liebenden Gott gäbe. Die Frage, ob es ihn denn tatsächlich gibt, und der Umstand, dass eine positive Antwort auf diese Frage in der gesamten Menschheitsgeschichte bisher nicht mit Beweisen untermauert werden konnte, bleiben völlig auf der Strecke. Es ist ein wichtiger Schritt für jeden Gläubigen, sich zu entscheiden, ob Wahrheit für ihn etwas bedeutet oder ob der Komfort des Glaubens allein ihm als Rechtfertigung ausreicht. Es ist sehr zu hoffen, dass ihm die Religion noch nicht zu viel Selbstachtung und Realitätsbezug geraubt hat, als dass er  Letzteres ausschlagen könnte. Denn dann kann eine vernünftige Debatte anfangen.

Skeptiker, die mit Christen streiten, haben ein schweres Los. Ich hatte mich immer gefragt: Wenn ihr Atheisten euch doch so sicher seid und sogar Beweise dafür habt, dass die Bibel falsch ist, warum deklariert ihr das dann nicht öffentlich, geht zum Papst und sagt ihm: „Eure Exzellenz, Ihr müsst euer Amt niederlegen“? Jetzt weiss ich, dass das trotz erdrückender Beweislage nicht nur aus Toleranzgründen nicht geschieht, denn Christen finden auf alles eine Antwort, und wenn sie noch so an den Haaren herbeigezogen und unglaubwürdig ist – kein Wunder, denn nicht nur sind sie meist indoktriniert, sondern es steht das Fundament ihres gesamten Lebens und vieler ihrer Beziehungen auf dem Spiel, und sie müssten zugeben, dass sie sich ihr Leben lang haben verarschen lassen. Die Wissenschaft, die anhand der besten, erprobten Methoden zur Ermittlung von Wahrheit arbeitet und von Bescheidenheit und gegenseitiger Kontrolle der Wissenschaftler untereinander geprägt ist, ist es sich gewohnt, für alles offen zu sein, auch wenn es alles auf den Kopf stellt, was sie bisher für richtig gehalten hatte, und auch dann, wenn ihr die Befunde nicht gefallen  wenn es Beweise gibt, honoriert sie Widerlegung sogar. Christen aber sind in aller Regel bewusst oder unbewusst nicht an einer effektiven Suche nach Wahrheit interessiert, sondern nur daran, ihren vorgefassten Glauben, ihre tröstliche Illusion, zu bestärken. Selbst die schlagkräftigsten Gegenbeweise werden ignoriert oder krampfhaft uminterpretiert und die Grundfesten der Realität und der Verstand sind plötzlich völlig relativ und gelten nichts mehr (es sei denn, die Wissenschaft scheint einen Aspekt des Glaubens zu bestätigen, dann solle der Wissenschaft plötzlich vertraut werden. Pfui, diese Heuchelei...). Denn wie heisst es so schön im Buch der Sprüche: „Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand!“. In anderen Worten: Fuck logic. Wer seinen Verstand benutzt, um diesen auszuschalten, sägt den Ast ab, auf dem er sitzt.

Es gibt aber auch friedfertigere, intelligentere Christen, die bei der Konfrontation mit bestechend guten Argumenten einfach kleinlaut so Sachen murmeln wie: „Naja, das weiss ich jetzt auch nicht… Gott wird wahrscheinlich schon wissen, was er sich dabei gedacht hat… “. Besonders die Leute in meinem christlichen Umfeld, die an der Uni Naturwissenschaften studieren, geraten in tiefste Zweifel und werden immer kleinlauter. Es ist ganz einfach eine Tatsache, dass die allermeisten Christen die absurden Behauptungen der Bibel wohl in keinem anderen Kontext glauben würden, bis ihre Wahrheit erwiesen wäre. Berichte von Jungfrauengeburt, Gehen über Wasser oder Auferstehung in der Zeitung? "Jaja, Legenden, Mythen, Geschwätz..." Dasselbe in der Bibel? "Wer sind wir, das auszuschliessen? Warum soll es nicht passiert sein?" Kürzlich schaute ich mir eine Chat-Konversation über Evolution zwischen mir und einem Wissenschaftler aus meinem Bekanntenkreis von vor 5 Jahren an, die entstanden war, weil ich ein Video des Kreationisten Kent Hovind gepostet hatte. Am Ende war ich so nah dran an einer bahnbrechenden Erkenntnis:


Grundsätzlich gilt: Gott konnte bislang nicht bewiesen werden. Alles, was wir haben, ist die Behauptung, es gebe da irgendetwas, jenseits von Zeit und Raum. Eine Behauptung ohne Belege ist nichts weiter als eine Behauptung. Es ist folglich die logische Standardhaltung, diese unbegründete Behauptung nicht anzunehmen, die Beweislast liegt bei den Gläubigen. Bisher führt der Weg zum Glauben an Gott ausschliesslich über logische Fehlschlüsse. Und die wissenschaftlich prüfbaren Behauptungen der Bibel sind allesamt widerlegt (und anschliessend von Christen zur "Metapher" o.ä. erklärt) worden.

Die Wissenschaft sagt uns:
Aus den Stammbäumen in der Bibel lässt sich ein Erdalter oder zumindest Alter der menschlichen Spezies von 6-10‘000 Jahren errechnen. Von Bäumen über Eisschichten, Licht von fernen Sternen und Genetik bis zu Datierungsmethoden sprechen zahllose Dinge dagegen. Die Behauptung, die Altersbestimmungsmethoden der Wissenschaft seien allesamt immer fehlerhaft, ist aus der Luft gegriffen.

Biologen, Geologen, Historiker usw. sind sich (mit äusserst vereinzelten Ausnahmen, die niemand ernst nimmt) einig, dass kaum etwas in der Bibel wahr sein kann  Adam und Eva, die biblische Sintflut mit der darauffolgenden Inzestkultur, die Geschichte mit Jona im Fisch, die Episode mit Ester, die Versklavung der Israeliten in und der Auszug aus Ägypten, natürlich die Auferstehung... Die Behauptung, dass manche dieser Geschichten in der Bibel Metaphern seien und andere, im genau gleichen Stil verfasste Geschichten nicht, ist reine Willkür, denn einen anderen Massstab für die Unterscheidung von wörtlich/ nicht wörtlich gemeinten bzw. göttlichen/nicht göttlichen Stellen gibt es nicht.

Die Evolution ist aufgrund zahlloser Beweise ohne Gegenbeweise keine Theorie im Sinne einer Hypothese mehr, sondern eine anerkannte Erklärung, bei der nur noch über die Details diskutiert wird. Die Schöpfungsgeschichte ist nicht nur bei Weitem nicht die bestmögliche Erklärung für unsere Herkunft, sondern sollte als widerlegt angesehen werden, da sie nicht mit der Entstehung des Menschen aus einem Primatenvorfahren vereinbar ist und da ein liebender, allmächtiger Gott nie und nimmer einen so brutalen, ineffizienten und langsamen Vorgang wie die Evolution in Gang bringen würde, um irgendwann ein paar brauchbare Wesen zu erhalten, während 99% der erschaffenen Spezien in der Zwischenzeit aussterben.

- Studien zur Wirksamkeit von Gebeten haben gezeigt, dass man entgegen den Aussagen Jesu ebenso gut auf's Glück hoffen kann, statt für etwas zu beten. 

So, das war's zu diesem Thema. In jahrzehntelanger, kleinlicher Forschung wurden diese Erkenntnisse gewonnen, geprüft und überarbeitet  es gibt keinen Raum mehr für Grundsatzdiskussionen. Wir können das Universum heute ohne Gott erklären, und wenn die Wissenschaft etwas nicht erklären kann, dann ist das kein Gottesbeweis, sondern eben etwas, was wir nicht erklären können  dem religiösen Glauben fehlt jede Basis. Wenn Sie anderer Meinung sind, wenn Sie tatsächlich glauben, Ihr Verständnis des Universums übertrumpfe dasjenige der scientific community, dann gehen Sie hin und legen Sie Ihre Beweise auf den Tisch  man wird sich freuen, wenn was dran ist. Aber wissen Sie: Es gibt Gründe dafür, dass noch niemand einen Nobelpreis für den Gottesbeweis gewonnen hat.

Wie war das? Ach so, Sie brauchen gar keine Beweise! Na super  dann brauchen auch Moslems, Scientologen oder angebliche Opfer von Entführungen durch Ausserirdische keine. Glauben kann man alles Mögliche. Sie brauchen Wege und Mittel, die Ihnen helfen, zwischen Fakt und Fiktion, zwischen glaubwürdig und unglaubwürdig zu unterscheiden, und da hilft Ihnen der Glaube kein Stück weiter  das können einzig und allein Beweise. Es geht hier nicht darum, was möglich oder was besonders schön ist, sondern, was wahrscheinlich ist. Christopher Hitchens sagte in "Der Herr ist kein Hirte" die Wahrheit: "Was sich ohne Beweise behaupten lässt, kann ohne Beweise verworfen werden."

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