Montag, 16. Mai 2016

33: Back in church - Ein Atheist im Pfingstgottesdienst


Basel, 19:20 Uhr. Ich steige an der Haltestelle "Thomas-Kirche" aus dem grünen Bus der Basler Verkehrsbetriebe. Die Türen schliessen sich, wonach sich das Gefährt wieder in Bewegung setzt. Dadurch habe ich nun freie Sicht auf den grauen Turm der Kirche, die heute mein Ziel ist. Es ist Pfingstsonntag, und ich besuche einen Gottesdienst - als Atheist.

Die Wahl der Gemeinde war kein Zufall. Sie war bis zu meiner Abkehr vor mittlerweile 5 Monaten sowas wie ein zweites Zuhause für mich gewesen. Sonntagsschule, Konfirmationsunterricht, Hauskreis, Musikerteam, Jugendarbeit, Predigeraufgaben sowie unzählige Gottesdienste und andere Anlässe - ich habe viel, viel Zeit in diesem Gebäude verbracht. Und heute wollte ich wieder einmal hingehen. Weshalb? Nun, einerseits, um die ChristInnen wiederzusehen, die mir etwas bedeuten. Und andererseits, um das, was in so einem moderaten, evangelisch-reformierten Gottesdienst so abgeht, mal ganz ohne die geistigen Scheuklappen der Vergangenheit zu betrachten. So schreite ich nun also auf meine Ex-Gemeinde zu, als Skeptiker, als Thomas der Thomaskirche.

Ich betrete das Gebäude und schnappe mir gleich am Eingang die Broschüre mit den News aus der Gemeinde. Ich suche eine ganz bestimmte Meldung zu meiner Person und werde auch schnell fündig. Da steht's:


Hm. Was ist davon zu halten? Ich hatte eigentlich genau eine solche Mitteilung erwartet. Sie gibt die Neuigkeit bekannt, ohne zu erwähnen, dass ich aufhörte, weil ich den Glauben abgelegt habe. Darüber spricht man lieber nicht. Aber der Schluss der Meldung klingt unheilvoll, und das dürfte bei einigen Leuten, die nicht näher bzw. nicht korrekt informiert sind, Fragen aufwerfen. Ich frage mich, ob ich mich von der Art der Schlussbemerkung angegriffen fühlen soll, und komme zum Schluss, dass ich das theoretisch könnte. Dass mir Gottes Licht gewünscht wird, deutet nämlich an, dass ich blind und verwirrt im Dunkeln tappe. Ich fühle mich aber nicht angegriffen, da ich die Leute bestens kenne, die hinter diesem Text stecken, und daher weiss ich, dass die es wirklich nur gut meinen, wenn sie sowas schreiben - so, wie wenn ich ihnen das Licht des kritischen Denkens oder sowas wünschen würde. Daher lächle ich schwach, packe das Journal in meine Tasche und gehe weiter in den Kirchsaal.

"Was denken die alle über mich?" - unweigerlich ist das der erste Gedanke, der mir kommt, während ich auf ein paar der wie üblich wenigen Leute zugehe, die sich zum Abendgottesdienst eingefunden haben. Die "ThoKi" ist halt im Vergleich zu anderen Kirchen leider kein lebendiger, attraktiver Ort, weil es Jahwe nicht gibt und folglich die Stimmung einzig und allein vom Fanatismus der Mitarbeitenden abhängt, der hier nur sehr spärlich vorhanden ist. Ich werde herzlich begrüsst wie eh und je, nur dass die Leute heute die fast schon obligatorischen Phrasen "Lang nicht mehr gesehen" und "Schön, dass du hier bist" benutzen. Letztere Äusserung schätze ich natürlich, aber ich frage mich spontan, ob sie das vor allem sagen, weil sie freudig denken, dass ja noch eine Chance besteht, dass ich wieder auf den "rechten Pfad" zurückfinde, wenn ich Gottesdienste besuche. Oder sind sie nicht richtig informiert und denken, ich sei gar nicht oder zumindest nicht "wirklich" vom Glauben abgekommen? Ich habe bewusst ein Zeichen gesetzt, indem ich aus meiner Abkehr alles andere als ein Geheimnis gemacht habe, aber wie schon angetönt ist das für Christen eine enorm unangenehme Information. Es geht um ein Ereignis, das ihre heile Welt erschüttert - wahrscheinlich haben sie es noch gar nie erlebt, dass ein Christ "offiziell" den Glauben hinter sich lässt. Und viele werden es wahrscheinlich auch gar nicht geglaubt haben. "Er ist bloss auf der Suche", "Er nimmt bloss eine Auszeit" - die Nachricht runterspielen, um sie erträglicher zu machen. Ich habe keine Ahnung, wer wie informiert worden ist. Wie auch immer - es ist unterdessen Zeit, sich zu setzen und dem Begrüssungslied der Band sowie der Begrüssung des Pfarrers zu lauschen. Die beiden Punkte sind schnell abgehakt, und damit beginnt die Predigt.

Der Predigttext ist nachvollziehbarerweise die Pfingstepisode aus der Apostelgeschichte. Ich schaue staunend auf die eingeblendete Illustration, die die Jünger mit den "feurigen Zungen" auf den Köpfen zeigt. Meine frisch überarbeitete und deshalb neu freie, kritische Denkmaschinerie nimmt ihren Betrieb auf. Wie um alles in der Welt kann man so eine Geschichte einfach schlucken? Einerseits steht sie nur auf einer alten Schriftrolle aus einer Zeit der Ignoranz und des Aberglaubens, und andererseits: Wer von den hier anwesenden Christen würde etwa einem Moslem glauben, der erzählt, dass Allahs Geist eine seiner Predigten in verschiedenste Sprachen übersetzt habe? Keiner, nehme ich an. Als Grund würden sie angeben, dass ja das Christentum wahr sei, und darum würde Gott einen Moslem nicht bei der Verbreitung von Fehlinformationen unterstützen. Das ist irrational, denn der Moslem könnte genau dieselbe Schlussregel verwenden. Die Leute müssen erkennen, dass sie die jeweils andere Story nicht glauben, weil sie kritisches Denken anwenden, wenn es nicht um ihren eigenen Glauben geht. Das beschriebene Ereignis verstösst gegen die Naturgesetze und verlangt damit unbedingt enorme Skepsis, solange keine Beweise dafür vorliegen. Man sollte lernen, nicht nur fast alles (andere Religionen und Sekten, Einhörner, Entführungen durch Ausserirdische etc.) so zu betrachten, sondern restlos alles - den eigenen Glauben eingeschlossen.

Weiter im Text. Das Oberthema der Predigt ist die "Umkehr", die Petrus mit seiner Pfingstpredigt erreichen wollte. Laufend stelle ich fest: Es ist eine sehr spezielle, spannende und positive Erfahrung, nach Jahren des Glaubens als Freidenker in einem Gottesdienst zu sitzen. Als der Pfarrer etwa die Stelle zitiert, wo Petrus den Juden die Schuld an Jesu Tod gibt, merke ich, dass ich das Petrus und folglich Gott ohne Umschweife ganz rational ankreide. Früher hätte ich meinem Verstand hier eine Schranke gesetzt: "Stop, Gott ist nicht böse. Das war nicht so gemeint. Er liebt die Juden." Aber jetzt habe ich die ganze Bibel gelesen, weswegen mir die Ressentiments gegen Juden im neuen Testament in ihrer Vollständigkeit bekannt sind, und bin darüber hinaus ein Freidenker und Humanist, weswegen ich das unvoreingenommen verurteile.

Doch bei Weitem nicht alles an der Predigt stört mich. Der Pfarrer erzählt, dass er einmal zu seinen Mitarbeitenden gemeint habe, man könne doch einem nervigen Telemarketing-Anrufer zur Abwechslung mal von Gott erzählen, statt sich nur aufzuregen. Als dann tatsächlich so ein Anruf kam, habe er den Mann schroff abblitzen lassen. Sein Mitarbeiter, der bei ihm im Büro war, schaute ihn fordernd an, und die beiden hätten darüber gesprochen und gebetet, und beim nächsten Anruf habe er der anrufenden Werbedame kurz erklärt, was Pfingsten sei und ihr den Frieden und den Trost gewünscht, der mit Gottes Geist auf die Erde gekommen sei. Ich lächle. Das ist gut! Sich überlegen, wie man ein besserer Mensch werden könnte, versuchen, es in die Tat umzusetzen, und sich im Austausch mit anderen Gedanken zu Fortschritt und Fehlern machen - daran ist wahrhaft nichts auszusetzen. Aber warum ist es nötig, dazu noch an übernatürliche Wesen im Himmel oder in der vierten Dimension oder an einem anderen ungreifbaren Ort zu glauben? Nach der Predigt folgt eine Zeit der Sündenbekenntnis, und wieder denke ich: Es ist echt gut, sich darüber Gedanken zu machen, wo man sich verbessern könnte. Aber warum braucht man dazu noch den Glauben an einen unsichtbaren, allmächtigen Polizisten? Und warum lobt man den mit Anbetungsliedern dafür, dass er einen gnädig vor den Gesetzen und der Strafe gerettet habe, die er selbst konzipiert hat?

Predigt und Anbetungszeit sind vorüber, und es ist Zeit für's Abendmahl. "Alle, die an Jesus Christus glauben", werden eingeladen, nach vorne zu kommen und sich im Kreis aufzustellen. Alles erhebt sich. Alles? Nein. Ein unbeugsamer Atheist bleibt sitzen. Ja, mir klopft ein wenig das Herz dabei. Tut das weh, wenn man als Pfarrer ein so deutliches "Unglaubensbekenntnis" eines abgefallenen Schäfchens erhält? Ich will ja niemandem weh tun. Aber ich stehe zu meiner neuen Haltung und will, dass die Leute das wissen und darüber nachdenken. Der Gottesdienst geht vorüber, und niemand spricht mich auf mein Statement an. Mit dem Pfarrer habe ich ein kurzes, gutes Gespräch über mein neues Leben und darüber, wie ich damit umgehe, wenn Leute wie er mir apologetische Texte senden. Ich erkläre, dass ich mich davon nicht bevormundet fühle und stets offen für Diskussionen bin. Und nach dem einen oder anderen Gespräch mit alten FreundInnen, bei dem das Thema Gott völlig aussen vor bleibt, bin ich dann auch schon wieder zur Tür raus. Ein gutes Ende für einen guten Abend.

Die Hauptfrage, die während des gesamten Gottesdienstes und auf meinem Rückweg zur Busstation in meinem Kopf herumschwirrte und die wahrscheinlich auch die allermeisten AtheistInnen sehr beschäftigt - besonders, wenn sie selbst nie ChristInnen waren -, ist die Folgende: Da sind doch lauter schlaue, gutgesinnte Menschen in dieser Kirche - wie können die all dieses Zeug bloss glauben? Die Antwort hat Marshall Brain:


Es ist ein ganzes Arsenal von kognitiven Hindernissen, ein verstricktes Netzwerk aus Fehlschlüssen, das bei jedem/jeder ein wenig anders aussieht und das guten Input, Eigeninitiative und viel Zeit braucht, um komplett entwirrt zu werden. Und wenn man sich nur in der Kirche mit der Bibel auseinandersetzt, ist die Wahrscheinlichkeit enorm klein, dass man überhaupt erkennt, wie viele Hindernisse und Fehlschlüsse man im Kopf mit sich herum trägt. Dazu muss man raus, recherchieren und diskutieren - so, wie man es bei jedem anderen Thema auch tun würde. Stop praying, start thinking. Ich helfe gern.

- Ihr Scrutator

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