Dienstag, 5. Juli 2016

38: Societas Ales - Ein Sektenkonzept


Ich habe da kürzlich dieses Bild gesehen:


Eine plakative, undifferenzierte Darstellung der Dinge, sicherlich - aber mit einem wahren Kern.
Einer der Hauptgründe dafür, dass Religion als lächerlich gelten muss, ist, dass sie allen Ernstes damit verteidigt wird, man könne ja nicht beweisen, dass es ihre Gottheiten nicht gebe. Und wie das obige Bild treffend ausführt, ist das für ignorante Zeitgenossinnen und -genossen ein starkes Argument, gebildetere Menschen regt es höchstens zum Lachen an. Und genau dort setzt man deswegen oft an, wenn man Religion parodieren und ihre Unglaubwürdigket satirisch aufzeigen möchte. Und das werde ich heute tun. Sehet und staunet:

Dies ist die heilige Schrift der Societas Ales, der Gemeinschaft der Geflügelten, wahr und vertrauenswürdig. Der sanftmütige Adler des Nordens, Birkir von Walhalla, überbrachte sie mir, Raphael Dorigo, im sechsten Monat des Jahres 2016 nach der Geburt Jesu Christi, des Propheten. Der grosse Alios, gefiederter und geflügelter Herrscher des Himmels und der Erde, der einzige, gütige Gott, der da ist, offenbart sich den Menschen, seinen geschätzten Geschöpfen, um sie unermesslich zu beschenken mit der Gabe der Geflügeltheit. Hört seine Botschaft, die ihr da kreucht und fleucht auf der Erde! Die Zeit ist da, dass ihr schweben sollt über dem Erdenkreis. 

Es spricht der Herrscher Alios aber also: Wer immer reinen Herzens und starken Willens zu mir kommt, zu erbitten die Gabe der Geflügeltheit, dem will ich sie gewähren. Alles, was männlich ist, will ich erfüllen mit meinem Geist, dass sie fliegen und nicht berühren sollen der Erde Angesicht, und sie sollen fliegen und schweben, wann immer sie darum bitten ihren Herrn, Alios den Geflügelten. Alles aber, was weiblich ist, soll das Männliche unterstützen in seiner Herrlichkeit. Wer aber nicht hört die Botschaft des Alios, der sei verdammt zu kleben am Angesicht der Erde und soll nimmer aufsteigen zur himmlischen Burg, die da bereitet ist allen Geflügelten, wenn die Erde verbrennen wird im letzten Zeitalter und die Verdammten in der dunklen Weite zurücklassen wird auf ewig.

So, schauen wir mal, was wir damit erreichen können. Die Schrift erklärt sich zunächst selbst für "wahr und vertrauenswürdig" - ein stichhaltiges Argument, wenn wir etwa den Zeugen Jehovas glauben. Mit Walhalla und Jesus Christus sind Elemente einbezogen worden, die eindeutig abgekupfert sind - aber das geht ja bekanntlich in Ordnung. Alios wird zum einzigen Gott erklärt, wodurch alle anderen Religionen zu fehlgeleiteten Sekten werden. Die Nichtexistenz von Alios lässt sich nicht beweisen, wodurch der Glaube an seine Existenz der Religiotenlogik zufolge legitim wird.

Dann folgt eine prüfbare Behauptung: Wer glaubt, der wird fliegen können, wann immer er will. Natürlich wird das zur Folge haben, dass Aussenstehende die Sektenmitglieder auffordern werden, diese Gabe zu demonstrieren. Die einen werden in die Luft springen und sagen, sie seien kurz geflogen, und kritischen Betrachtern entgegnen, es sei ja nicht eindeutig definiert, was der Text mit "schweben über dem Erdkreis" meine, sie sollten etwas offener sein und einfach glauben. Andere werden sagen, die Schrift sei nicht wörtlich zu nehmen; selbstverständlich könne man nur fliegen, wenn es der Wille von Alios sei. Enttäuschten Sektenmitgliedern, denen das Fliegen nicht gelingt, wird vorgeworfen, sei seien wohl nicht "reinen Herzens" und/oder hätten sich Alios nicht "starken Willens" angenähert. Natürlich wird auch innerhalb der Gemeinde nie wirklich geflogen. Die geistigen Führer erzählen von ihren grossen Ausflügen, demonstrieren diese aber nie oder hauptsächlich in besonders schwärmerischen Gemeinden nur so, dass das Ganze sehr inszeniert wirkt. Dass dies dazu führt, dass zahlreiche Sektenmitglieder bei waghalsigen Flugversuchen ums Leben kommen, ist ihnen egal - es ist alles Teil des grossen, unerfassbaren Plans des gütigen Alios. Wer das dämliche und menschenverachtende Treiben kritisiert, wird als respektlos bezeichnet - "Lasst die doch glauben, was sie wollen!".

Zusätzlich ist der Text eindeutig sexistisch, er privilegiert die Männer und stuft die Frauen zu Dienstmädchen herab. Doch den weiblichen Gläubigen wird natürlich beigebracht, dass es auch etwas ganz Tolles sei, die Männer in ihrer Berufung zu unterstützen, und sie seien ja deswegen nicht weniger wert. Zum Abschluss folgt die "Karotte am Stiel": Es winkt ein wundervolles Dasein in der mysteriösen "himmlischen Burg", das zudem die einzige Rettung vor der Zerstörung der Erde ist. Diese Angst hält die Gläubigen von klein auf bei der Stange, auch wenn die Zweifel noch so stark werden: Lieber glauben und vielleicht den Aufstieg in die Burg schaffen, als sich der Möglichkeit auszusetzen, für immer in der "dunklen Weite" leben zu müssen! Alios ist eindeutig ein gefühlskaltes Arschloch, aber da er im Text als "gütig" gepriesen wird und ja da steht, dass er die Menschen schätze, muss er wohl einfach auf eine Art gütig sein, die unser menschliches Fassungsvermögen übersteigt. Die Leute würden sich zerstreiten, weil jeder den Text anders versteht - kein Wunder, er ist von einem Menschen verfasst worden und ist vage formuliert, was dazu einlädt, dass jeder eine eigene Ansicht vertritt.

So - wer religiös ist, aber diese Sekte als lächerlich bezeichnet, macht sich selbst lächerlich. Sie könnte wohl mit jeder anderen Religion mithalten: Gegenbeweis unmöglich, Widersprüche, Unmenschlichkeiten und schlichte Lügen machen das ganze Gebilde flexibel, können schöngeredet werden und werden vom "Respekt", den man Religionen entgegenbringen soll, geschützt, und die Karotte am Stiel rundet das Ganze ab. Sie könnte gewiss auch Leben verändern und in den hingebungsvollen Gläubigen wohlige Gefühle auslösen, was sie als Beweis für die Wahrheit ihrer Sekte ansehen würden. Eine Sekte mit Potential. Es steht Ihnen frei, mit diesem Konzept zu machen, was immer Sie möchten. ^^

- Ihr Scrutator

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