Donnerstag, 25. August 2016

42: Eine Religion für Nichtreligiöse (Übersetzung)


Ich bin ein grosser Fan des Blogs "waitbutwhy" von Tim Urban. Der Mann hat einen scharfen Blick und eine ganz eigene locker-leichte, humorvoll-sympathische und verständliche Art, Themen, die uns Menschen beschäftigen, gekonnt zu behandeln und zu erklären. Dabei erweitert er Horizonte, weckt Wissensdurst und startet spannende Diskussionen. Einer seiner Blogposts hat mir als Religionskritiker ganz besonders gefallen, und da habe ich mich als Übersetzer gern daran gemacht, das gute Stück ins Deutsche zu übertragen. Es geht um eine innovative Denkweise für Atheisten. Wonach lohnt es sich in einem gottlosen Universum zu streben? Viel Vergnügen!


Eine Religion für Nichtreligiöse

von Tim Urban (waitbutwhy.com)

übersetzt aus dem Englischen von Raphael Dorigo (bibelkritik.blogspot.ch)

„Der Verstand… kann aus der Hölle einen Himmel und aus dem Himmel eine Hölle machen.“ -John Milton

„Der Verstand ist sicherlich sein eigener Kosmos.“ -Alan Lightman

Man geht zur Schule, büffelt angestrengt, macht seinen Abschluss und ist zufrieden mit sich selbst. Aber ist man weiser?

Man tritt eine Stelle an, erreicht Dinge bei dieser Anstellung, erhält mehr Verantwortung, wird besser bezahlt, wechselt in ein besseres Unternehmen, erhält noch mehr Verantwortung, wird noch besser bezahlt, mietet eine Wohnung mit Parkplatz, hört auf, die Wäsche selbst zu waschen und kauft sich einen dieser teuren Säfte, wo sich das Zeug am Boden absetzt. Aber ist man glücklicher?

Man tut alles Mögliche, was man im Leben halt so tut: Lebensmittel einkaufen, Artikel lesen, sich die Haare schneiden lassen, Dinge kauen, den Müll rausbringen, ein Auto kaufen, die Zähne putzen, kacken, niesen, sich rasieren, sich strecken, sich betrinken, irgendwas salzen, Sex haben, den Laptop aufladen, joggen, den Geschirrspüler ausräumen, mit dem Hund Gassi gehen, ein Sofa kaufen, die Vorhänge zuziehen, das Hemd zuknöpfen, die Hände waschen, die Tasche zumachen, den Wecker stellen, die Frisur richten, das Mittagessen bestellen, jemandem Freundlichkeit vorspielen, einen Film schauen, Apfelsaft trinken und neue Trockentücher in das Ding einfüllen.

Aber während man all diese Dinge Tag für Tag, Jahr für Jahr tut, verbessert man sich als Mensch auf bedeutsame Weise?

Im letzten Post beschrieb ich, wie ich zum Atheisten geworden bin und dass ich in meinem Stolz darauf, nicht religiös zu sein, nie ernsthaft über einen Ansatz zur aktiven innerlichen Verbesserung nachdachte, was meiner eigenen Evolution im Weg stand.

Das lag nicht nur an meiner eigenen Naivität. Die Gesellschaft konzentriert sich im Grossen und Ganzen auf oberflächliche Dinge, sie legt also den Fokus nicht auf den Bedarf, echtes Wachstum ernstzunehmen. Die bedeutendsten Institutionen im spirituellen Gebiet – die Religionen – fokussieren sich tendenziell mehr auf Gottheiten als auf Menschen und machen die Erlösung anstelle der Selbstbesserung zum letztendlichen Ziel. Die Branchen, die sich oft auf das Menschsein konzentrieren – Philosophie, Psychologie, Kunst, Literatur, Selbsthilfe etc. – stehen eher am Rand, und ihre Arbeit ist meist nicht vernetzt. All das führt zu einer Welt, die es schwer macht, innerliches Wachstum als etwas anderes als ein Hobby zu behandeln, als ausserschulische Aktivität, als Glasur auf dem Kuchen des Lebens.

Wenn man bedenkt, dass der menschliche Verstand ein Ozean der Komplexität ist, der jeden Teil unserer Realität erschafft, so müsste es eigentlich eine höhere Priorität haben, daran zu arbeiten, was da drin vorgeht. So, wie ein wachsendes Unternehmen sich auf eine klare Mission mit einer gut durchdachten Strategie und messbaren Kriterien verlässt, braucht auch ein wachsender Mensch einen Plan. Wenn wir uns bedeutsam verbessern wollen, müssen wir ein Ziel definieren, uns klarmachen, wie wir es erreichen, uns die Hindernisse auf dem Weg bewusst machen und eine Strategie besitzen, mit der wir diese überwinden können.

Als ich mich in dieses Thema vertiefte, dachte ich über meine eigene Situation nach und fragte mich, ob ich mich verbesserte. Die Anstrengungen waren vorhanden, wie man an den Themen vieler meiner Blogposts sieht, aber ich hatte kein Wachstumsmodell, keinen echten Plan, keine klare Mission – nur beliebige Versuche der Selbstbesserung auf dem einen oder anderen Gebiet, wenn mir gerade danach war. Deshalb habe ich jetzt versucht, all meine verstreuten Anstrengungen, Philosophien und Strategien in einem Konzept zu vereinen, in etwas, woran ich mich künftig festhalten kann. Mit diesem Post will ich daran herangehen.

Mach's dir also bequem, mach dir einen Kaffee und leg dein Gehirn vor dir auf den Tisch – du solltest es griffbereit haben, um das, was ich schreibe, in Bezug zu dir zu setzen, während wir uns damit beschäftigen, was für ein komisches, komplexes Objekt es ist.


Das Ziel


Weisheit. Mehr dazu später.

Wie erreichen wir das Ziel?


Indem wir uns der Wahrheit bewusst sind. Wenn ich von „der Wahrheit“ spreche, bin ich nicht einer dieser irritierenden Leute, die sagen, das Wort „Wahrheit“ stehe für etwas formlos-mystisches. Ich beziehe mich auf die tatsächlichen Fakten der Realität. Die Wahrheit ist eine Kombination dessen, was wir wissen und was wir nicht wissen. Der Schlüssel zur Weisheit liegt darin, sich beider dieser Seiten der Realität bewusst zu werden und zu bleiben.

Das ist einfach, nicht? Wir müssen nicht mehr wissen, als wir wissen, es muss uns lediglich bewusst sein, was wir wissen und was wir nicht wissen. Die Wahrheit liegt uns direkt vor der Nase, sie steht auf der Tafel geschrieben. Wir müssen nur auf die Tafel schauen und darüber nachdenken. Es gibt da nur diese eine Sache…

Was steht uns im Weg?


Der Nebel.

Um den Nebel zu verstehen, müssen wir erst klarstellen, dass wir uns nicht hier befinden:








Wir stehen hier:







Und die Situation ist nicht die Folgende:












Das ist die Situation:











Menschen tun sich sehr schwer damit, sich dieses Konzept zu verinnerlichen, aber es ist der Ausgangspunkt für Wachstum. Wenn wir uns als „bei Bewusstsein“ bezeichnen, so erlaubt es uns das, Schluss zu machen und aufzuhören, darüber nachzudenken. Ich stelle mir das Ganze als eine Bewusstseins-Treppe vor:


Eine Ameise ist mehr bei Bewusstsein als eine Bakterie, ein Huhn mehr als eine Ameise, ein Affe mehr als ein Huhn, und ein Mensch mehr als ein Affe. Aber was steht über uns? A) Definitiv etwas, und B) nichts, das wir besser verstehen können, als ein Affe unsere Welt und Denkweise verstehen kann.

Es gibt keinen Grund, zu glauben, dass die Treppe nach oben nicht ewig weitergeht. Der rote Alien ein paar Stufen über uns würde das menschliche Bewusstsein so betrachten, wie wir dasjenige eines Orang-Utans ansehen; er würde uns als für ein Tier recht beeindruckend ansehen, aber auch als jemand, der nicht annähernd irgendetwas begreifen kann. Unser brillantester Wissenschaftler würde von einem seiner Kleinkinder übertrumpft.

Der grüne Alien noch weiter oben würde dem roten Alien wohl verhältnismässig so viel Intelligenz und Bewusstsein zuschreiben wie wir einem Huhn. Und wenn der grüne Alien uns anschaut, sieht er simpelste kleine programmierte Ameisen.

Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, uns Leben auf den Stufen über uns auszumalen, aber sich zu verinnerlichen, dass die höheren Stufen existieren, und zu versuchen, uns aus der Perspektive von einer dieser Stufen zu betrachten, ist die zentrale Denkweise, die wir für dieses Vorhaben brauchen.

Ignorieren wir die viel höheren Stufen erst einmal und richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Stufe direkt über uns, die Hellgrüne. Eine Spezies auf dieser Stufe würde uns wohl so ansehen, wie wir ein dreijähriges Kind betrachten; als ein Wesen auf dem Weg zum Bewusstsein in einem Wirbel aus Schlichtheit und Naivität. Stellen wir uns vor, ein Abgeordneter dieser Spezies würde auf die Erde geschickt, um die Menschen zu beobachten und seinem Heimatplaneten über uns Bericht zu erstatten. Was würde er darüber denken, wie wir denken und uns verhalten? Was würde ihn an uns beeindrucken? Was würde ihn erschaudern lassen?

Ich denke, er würde sehr bald einen Konflikt im menschlichen Verstand sehen. Einerseits sind da all die Stufen unter dem Menschen, aus denen wir uns entwickelt haben. Hunderte Millionen von Jahren der evolutionären Anpassung mit Fokus auf das Überleben in einer harten Welt haben unsere DNA stark geprägt, und die primitiven Impulse in uns haben einige nicht sehr wertvolle Eigenschaften hervorgebracht: Angst, Kleinlichkeit, Eifersucht, Gier, den Wunsch nach sofortiger Befriedigung etc. Diese Eigenschaften sind die Überreste unserer tierischen Vergangenheit und stellen noch immer einen bedeutenden Teil unserer Gehirne dar. Sie bilden einen Zoo aus kleingeistigen Emotionen und Beweggründen in unseren Köpfen:


Aber im Verlauf der letzten sechs Millionen Jahre hat unsere evolutionäre Linie zwei Dinge erlebt: Ein schnelles Wachstum des Bewusstseins und die unglaubliche Fähigkeit, logisch zu denken wie keine andere Spezies auf der Erde. Wir haben auf der Bewusstseinstreppe sehr schnell einen grossen Schritt aufwärts gemacht. Nennen wir dieses spriessende Element des höheren Bewusstseins unser Höheres Wesen.


Das Höhere Wesen ist brillant, denkt in grossen Massstäben und ist absolut rational. Aber auf der grossen Zeitskala ist es ein sehr neuer Bewohner unseres Kopfes, während die alten tierischen Kräfte seit Urzeiten da sind. Das Zusammenleben dieser Elemente im menschlichen Verstand macht diesen zu einem merkwürdigen Ort:


Es ist also nicht so, dass der Mensch selbst das Höhere Wesen verkörpert und das Höhere Wesen drei Jahre alt ist. Vielmehr ist der Mensch eine Kombination aus dem Höheren Wesen und den niederen Tieren, und diese verschmelzen zu dem Dreijährigen, das wir sind. Das Höhere Wesen für sich wäre eine fortgeschrittenere Spezies, und die Tiere für sich wären eine weitaus Primitivere; es ist ihr besonderes Zusammenleben, das uns Menschen zu dem macht, was wir sind.

Während die Menschen sich entwickelten und das Höhere Wesen aufzuwachen begann, schaute es sich im Gehirn um und fand sich in einem merkwürdigen und fremden Dschungel voller mächtiger, primitiver Kreaturen wieder, die nicht verstanden, wer oder was es war. Seine Mission war es, dem Menschen Klarheit und höheres Denken zu verleihen, aber wegen all der Tiere, die in seinem Arbeitsumfeld herumtrampelten, war das keine einfache Aufgabe. Und es sollte noch schlimmer werden. Die menschliche Evolution schritt voran und machte das Höhere Wesen weiterhin empfindungsfähiger, bis es eines Tages etwas Schockierendes realisierte:

WIR WERDEN STERBEN

Das war das erste Mal, dass das Bewusstsein irgendeiner Spezies auf der Erde ausgeprägt genug war, um diese Tatsache zu begreifen. All die Tiere im Gehirn, die nicht dazu gemacht waren, mit solchen Informationen umzugehen, liefen Amok und stellten das gesamte Ökosystem auf den Kopf: 


Die Tiere hatten diese Art der Angst noch nie erlebt, und ihr Ausflippen deswegen, das bis heute anhält, war das Letzte, was das Höhere Wesen bei seiner Mission, zu wachsen, zu lernen und für uns Entscheidungen zu treffen, gebrauchen konnte.

Die adrenalingeladenen Tiere, die in unserem Hirn umhertoben, können von unserem Verstand Besitz ergreifen, unsere Gedanken, unser Urteilsvermögen, unser Selbstempfinden und unser Verständnis von der Welt vernebeln und verfälschen. Die vereinte Kraft der Tiere ist das, was ich als den „Nebel“ bezeichne. Je mehr die Tiere das Sagen haben und uns taub und blind für die Gedanken und Erkenntnisse des Höheren Wesens machen, desto dichter ist der Nebel um unseren Kopf herum – oft so dicht, dass wir nur ein paar Zentimeter weit sehen:



Denken wir zurück an unser Ziel und unseren Weg dahin: Sich der Wahrheit bewusst sein. Das Höhere Wesen kann in fast jeder Situation die Wahrheit problemlos sehen. Aber wenn der Nebel um uns dicht ist, unsere Augen und Ohren verdeckt und unser Gehirn umhüllt, dann haben wir keinen Zugriff auf das Höhere Wesen und seinen Weitblick. Darum ist es so schwer, sich konstant der Wahrheit bewusst zu sein; wir verlieren uns zu sehr im Nebel, als dass wir sie sehen oder darüber nachdenken könnten.

Und wenn der Alien-Abgeordnete mit seinen Beobachtungen fertig ist und zu seinem Heimatplaneten zurückkehrt, dann wäre dies wohl seine Zusammenfassung unserer Probleme:

Der Kampf des Höheren Wesens gegen die Tiere, der Versuch, durch den Nebel hindurch Klarheit zu erlangen, steht im Zentrum der menschlichen Zerrissenheit.

Dieser Kampf in unserem Kopf findet an vielen Fronten statt. Wir haben ein paar davon auf meinem Blog angeschaut: Das Höhere Wesen (in seiner Rolle als der Rationale Entscheider) kämpft gegen den Sofortbefriedigungs-Affen, das Höhere Wesen (in der Rolle der Authentischen Stimme) im Duell mit dem zutiefst verängstigten Sozialüberlebensmammut, die Botschaft des Höheren Wesens, dass das Leben nur ein Haufen einzelner heutiger Tage ist, die sich im blendenden Licht der nebelbasierten Sehnsucht nach einem besseren Morgen verliert – all das sind Teile des selben zentralen Konflikts zwischen unserer urzeitlichen Vergangenheit und unserer erleuchteten Zukunft.

Das Blödeste am Nebel ist: Wenn man drin ist, verdeckt er einem die Sicht, sodass man nicht sehen kann, dass man im Nebel ist. Wenn der Nebel am dichtesten ist, ist einem am wenigsten bewusst, dass er überhaupt da ist; er macht einen unbewusst. Sich bewusst zu sein, dass der Nebel existiert, und zu lernen, wie man ihn erkennt, ist der erste Schritt in Richtung eines Aufstiegs im Bewusstsein und der Entwicklung zu einer weiseren Person.

Wir haben also bestimmt, dass Weisheit unser Ziel ist, dass wir uns dafür der Wahrheit so bewusst wie möglich werden müssen und dass das Haupthindernis auf dem Weg dorthin der Nebel ist. Gehen wir näher an das Schlachtfeld heran, um zu sehen, warum „sich der Wahrheit bewusst sein“ so wichtig ist und wie wir den Nebel überwinden können, um das zu erreichen.


Das Schlachtfeld


Egal, wie sehr wir es versuchen, für uns Menschen ist es unmöglich, diese hellgrüne Stufe über uns auf der Bewusstseinstreppe zu erreichen. Unsere fortgeschrittene Fähigkeit, das Höhere Wesen, ist noch nicht so weit. Vielleicht in 1-2 Millionen Jahren. Für’s Erste ist der einzige Ort, an dem dieser Kampf stattfinden kann, die Stufe, auf der wir leben. Darauf richten wir also unser Augenmerk. Wir müssen uns auf das kleine Spektrum des Bewusstseins innerhalb unserer Stufe konzentrieren, was wir tun können, indem wir unsere Stufe in vier Unterstufen aufteilen:


Diese Mini-Bewusstseinstreppe hinaufzusteigen ist der Weg zur Wahrheit, der Weg zur Weisheit, meine persönliche Mission für Wachstum und ein paar andere klischeehafte Aussagen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie einmal sagen würde. Wir müssen nur das Spiel verstehen und hart daran arbeiten, darin gut zu werden. 

Schauen wir uns jede Stufe an, um die Herausforderungen zu verstehen, mit denen wir es zu tun haben, und um zu sehen, wie wir Fortschritte machen können.


Stufe 1: Unser Leben im Nebel


Stufe 1 ist die niedrigste Stufe, die nebligste Stufe, und leider ist sie für viele von uns der Standardlevel unserer Existenz. Auf Stufe 1 ist der Nebel omnipräsent, dicht und nah, blockiert die Sinne und bringt uns dazu, "bewusstlos" durchs Leben zu gehen. Hier unten verlieren sich die Gedanken, Werte und Prioritäten des Höheren Wesens komplett im blind machenden Nebel und dem ohrenbetäubenden Brüllen, Zwitschern, Schreien, Heulen und Krächzen der Tiere in unseren Köpfen. Das macht uns 1) kleingeistig, 2) kurzsichtig und 3) dumm. Beschäftigen wir uns mit diesen dreien.

1) Auf Stufe eins ist man schrecklich kleingeistig, weil die Tiere das Sagen haben.

Wenn ich mir die grosse Palette an motivierenden Gefühlen anschaue, die Menschen erleben, sehe ich darin keine verstreute Bandbreite, sondern zwei verschiedene Arten: Die edelgesinnten, liebesbasierten, fortgeschrittenen Emotionen des Höheren Wesens und die kleingeistigen, angstbasierten, primitiven Emotionen unserer Hirntiere.

Und auf Stufe 1 sind wir völlig vereinnahmt von den tierischen Emotionen, die uns durch den dichten Nebel anbrüllen.


Das ist es, was uns kleinlich und eifersüchtig macht und was dazu führt, dass wir das Unglück anderer so sehr geniessen. Es ist das, was uns ängstlich und beklommen macht und uns verunsichert. Deshalb sind wir so egozentrisch und selbstverliebt, eitel und gierig, engstirnig und voreingenommen, kaltherzig, hart und grausam. Und nur auf Stufe 1 spüren wir diesen primitiven „Wir gegen die anderen“-Tribalismus, der uns Leute hassen lässt, die anders sind als wir.

Die meisten dieser Emotionen finden sich auch bei Kapuzineraffen, und das ergibt Sinn, denn im Wesentlichen entspringen diese Emotionen den beiden Stützpfeilern des tierischen Überlebens: Der Selbsterhaltung und dem Bedürfnis, sich zu vermehren.

Die Emotionen der ersten Stufe sind stumpfsinnig und mächtig. Sie packen einen am Kragen, und wenn sie über einen herfallen, werden das Höhere Wesen und seine edelgesinnten, liebesbasierten Emotionen in die Abstellkammer verbannt.

2) Auf Stufe 1 ist man kurzsichtig, da sich der Nebel ein paar Zentimeter vor dem Gesicht befindet und verhindert, dass man den grossen Zusammenhang sieht.

Der Nebel erklärt viele Arten völlig unlogischen und peinlich kurzsichtigen menschlichen Verhaltens.

Warum sonst würde irgendjemand seine Grosseltern oder Eltern als selbstverständlich ansehen, solange sie da sind, sie nur gelegentlich treffen, sich ihnen nur selten öffnen und ihnen kaum Fragen stellen, obwohl man nach ihrem Tod nur noch daran denken kann, wie toll sie waren und dass man es nicht glauben kann, es nicht ausgenutzt zu haben, dass man die Gelegenheit hatte, die Beziehungen zu ihnen zu geniessen und sie besser kennenzulernen, als sie noch da waren?

Warum sonst würden die Leute so viel angeben, obwohl es ihnen, wenn sie den grossen Zusammenhang sehen könnten, offensichtlich erschiene, dass jeder letztendlich sowieso von den guten Dingen in ihrem Leben erfährt und man sich mit Bescheidenheit einen grösseren Dienst erweist?

Warum sonst würde jemand bei der Arbeit minimalistisch vorgehen, bei Projekten abkürzen, wo es nur geht, und Lügen über seine Anstrengungen erzählen, wo doch jeder mit einem Blick für den grossen Zusammenhang wüsste, dass die Wahrheit über jemandes Arbeitsgewohnheiten in einem Arbeitsumfeld Chefs und Mitarbeitern letztlich sowieso auffallen und man niemandem etwas vormachen kann? Warum würde jemand darauf bestehen, sicherzustellen, dass es jeder erfährt, wenn er etwas Wertvolles für die Firma getan hat, obwohl es offensichtlich sein sollte, dass solches Verhalten leicht durchschaubar ist und es so aussehen lässt, als würde man nur für die Anerkennung so hart arbeiten? Wenn man Dinge einfach gut erledigt und dies dann von selbst auffällt, ist das dem langfristigen Ruf und Respekt in der Firma viel zuträglicher.

Wer würde ohne den dichten Nebel bei einer Rechnung im Restaurant jeden Cent zweimal umdrehen oder eine unangenehm strenge Wertungsliste darüber führen, wer auf einer Reise was bezahlt hat, obwohl jeder, der diesen Post liest, jetzt gleich jedem seiner Freunde schnell und präzise eine Wertung zwischen 1 und 10 auf einer Skala von geizig bis grosszügig (oder selbstsüchtig bis rücksichtsvoll) geben könnte, und obwohl die paar hundert Mäuse, die man mit der Zeit durch eine geizige Art zusammenspart, kaum erstrebenswert sind, wenn man bedenkt, wie viel liebenswürdiger und respektabler es ist, grosszügig zu sein?

Welche andere Erklärung gibt es für die unerklärliche Entscheidung so vieler berühmter Männer in Machtpositionen, die Karriere und die Ehe, die sie ihr Leben lang aufgebaut hatten, durch eine Affäre zu zerstören?

Und warum würde irgendjemand seine Integrität für winzige, unbedeutende Gewinne verbiegen und lockern, obwohl Integrität das langfristige Selbstwertgefühl beeinflusst und winzige unbedeutende Gewinne langfristig nichts beeinflussen?

Wie sonst liesse sich die Entscheidung so vieler Leute erklären, die Angst davor, was andere Leute denken könnten, ihre Lebensweise bestimmen zu lassen? Wenn sie eine klare Sicht hätten, würde ihnen klar, dass das A) ein sehr schlechter Grund dafür ist, etwas nicht zu tun, und dass B) sowieso niemand über einen nachdenkt – jeder ist von seinem eigenen Leben absorbiert.

Und dann gibt es da noch all die Fälle, in denen die undurchsichtigen Scheuklappen jemanden jahrelang in der falschen Beziehung, Arbeit, Stadt, Wohnung, Freundschaft etc. festhalten, bis er irgendwann endlich etwas ändert und sagt „Ich kann nicht glauben, dass ich das nicht früher getan habe“ oder „Ich kann nicht glauben, dass ich nicht merkte, wie schlecht das für mich war“. Man sollte es absolut glauben, denn das ist die Macht des Nebels. 

3) Auf Stufe 1 ist man sehr, sehr dumm.

Eine Art, auf die sich diese Dummheit zeigt, ist, dass wir wieder und wieder die selben offensichtlichen Fehler machen.

Das krasseste Beispiel ist, wie der Nebel uns immer wieder davon überzeugt, dass bestimmte Dinge uns glücklich machen werden, obwohl sie das in Wirklichkeit überhaupt nicht tun. Der Nebel macht ein paar Karotten an Stricken fest, sagt uns, sie seien der Schlüssel zum Glück und dass wir das Glück von heute vergessen und all unsere Hoffnung auf das Glück ausrichten sollen, das die Zukunft für uns bereithalte, weil wir diese Karotten kriegen würden.

Und obwohl der Nebel wieder und wieder bewiesen hat, dass er keine Ahnung von menschlichem Glück hat, obwohl wir so oft eine Karotte gekriegt und viel vorübergehendes Glück empfunden haben, worauf dieses Glück ein paar Tage später wieder auf das Ausgangsniveau abgesunken ist, fallen wir immer wieder auf den Trick herein.

Es ist, als würde man einen Ernährungsberater engagieren, um etwas gegen die Erschöpfung zu tun, und der Berater rät einem, bei Müdigkeit immer einen Espresso-Shot zu trinken. Man würde es ausprobieren und denken, der Berater sei ein Genie – bis man eine Stunde später wieder zu Tode erschöpft ist. Man geht zurück zum Berater, der einem den selben Ratschlag gibt, man versucht es wieder und das selbe passiert. Damit wäre die Sache wohl gelaufen, oder? Man würde den Ernährungsberater feuern, oder? Warum sind wir dann so leichtgläubig, wenn es um die Ratschläge des Nebels zu Glück und Erfüllung geht?

Der Nebel ist auch viel schädlicher als der Ernährungsberater, denn er gibt uns nicht nur schreckliche Ratschläge, sondern ist auch selbst Quelle von Unglückseligkeit. Das einzige echte Gegenmittel gegen Erschöpfung ist Schlaf, und der einzige Weg zur langfristigen Steigerung des Glücks führt über den Fortschritt beim Kampf gegen den Nebel.

In der Psychologie gibt es ein Konzept mit dem Namen „hedonistische Tretmühle“, das besagt, dass Menschen ein gleichbleibendes Standard-Glücksniveau haben, und wenn etwas Gutes oder Schlechtes passiert, kehren wir nach einer anfänglichen Veränderung immer zu diesem Standardniveau zurück. Und auf Stufe 1 ist das natürlich absolut wahr, denn der Versuch, im Nebel langfristig glücklicher zu werden, ist, als würde man versuchen, sich unter einer laufenden Dusche abzutrocknen. 

Ich weigere mich aber, zu glauben, dass die Spezies, die Wolkenkratzer baut, Symphonien schreibt, zum Mond fliegt und weiss, was ein Higgs boson ist, nicht die Fähigkeit besitzt, von dieser Tretmühle abzusteigen und sich wirklich bedeutsam zu verbessern. 

Ich denke, das funktioniert, indem man lernt, die Bewusstseinstreppe hinaufzusteigen, damit man mehr von seiner Zeit auf den Stufen 2, 3 und 4 und weniger davon unbewusst im Nebel steckend verbringt.


Stufe 2: Den Nebel verdünnen, um den Kontext aufzudecken


Menschen sind zu etwas Fantastischem in der Lage, das keine andere Kreatur auf der Erde kann: Sie können sich etwas vorstellen. Zeigt man einem Tier einen Baum, sieht es einen Baum. Nur ein Mensch kann sich vorstellen, wie die Eichel vor 40 Jahren in der Erde versank, kann sich das zarte Pflänzchen ausmalen, das er im Alter von drei Jahren war, kann sich vorstellen, wie karg er im Winter aussehen muss, und wie der schliesslich tote Baum horizontal am selben Ort liegt.

Das ist die Magie des Höheren Wesens in unseren Köpfen.

Auf der anderen Seite sehen die Tiere im Kopf wie ihre Verwandten aus der echten Welt nur einen Baum, und wenn sie einen sehen, reagieren sie sofort auf Basis ihrer primitiven Bedürfnisse darauf. Befindet man sich auf Stufe 1, so erinnert man sich im „bewusstlosen“, tiergesteuerten Zustand nicht einmal daran, dass es das Höhere Wesen gibt, und dessen brillante Fähigkeiten werden nutzlos.

Auf Stufe 2 geht es darum, den Nebel so weit zu verdünnen, dass die Gedanken und Fähigkeiten des Höheren Wesens in das Bewusstsein hineinkommen, was es ermöglicht, hinter und um die Dinge herum zu sehen, die im Leben geschehen. Bei Stufe 2 geht es darum, den Kontext in das Bewusstsein zu integrieren, was eine weitaus tiefgehendere und differenziertere Version der Wahrheit aufdeckt.

Es gibt viele Aktivitäten und Unterfangen, die dabei helfen können, den Nebel zu verdünnen. Drei davon: 

1) Durch Bildung, Reisen und Lebenserfahrung mehr über die Welt lernen. Je breiter unsere Perspektive wird, desto klarer und genauer wird das Bild der Wahrheit in unserem Blick.

2) Aktive Reflexion. Ein Tagebuch kann dabei helfen, oder eine Therapie, bei der es im Wesentlichen darum geht, das eigene Gehirn mit der Hilfe eines Nebelexperten zu untersuchen. Manchmal lässt sich eine hypothetische Frage als „Nebelbrille“ verwenden, die es erlaubt, etwas durch den Nebel hindurch klar zu sehen, eine Frage wie: „Was würde ich tun, wenn Geld kein Problem wäre?“ oder „Was würde ich jemand anderem hierzu raten?“ oder „Werde ich es mit 80 bereuen, das nicht getan zu haben?“. Diese Fragen sind eine Art, die Meinung des Höheren Wesens zu etwas zu erfragen, ohne dass die Tiere merken, was abgeht, sodass sie ruhig bleiben und das Höhere Wesen sprechen kann; so, wie wenn Eltern in der Gegenwart ihres Vierjährigen ein Wort buchstabieren, wenn sie nicht wollen, dass es weiss, was sie sagen.

3) Meditation, Bewegung, Yoga etc. – Aktivitäten, die dazu beitragen, dass sich das „bewusstlose“ Geplapper des Gehirns beruhigt, sprich, dass sich der Nebel legt.

Aber die einfachste und effektivste Art, den Nebel zu verdünnen, ist es, sich einfach des Nebels bewusst zu sein. Weiss man, dass es den Nebel gibt, was er ist, welche Gestalten er annimmt und wann man darin steckt, so hemmt man seine Fähigkeit, über das Leben zu bestimmen. Man gelangt nicht auf Stufe 2, wenn man nicht weiss, wann man auf Stufe 1 ist.

Man gelangt auf Stufe 2, indem man sich daran erinnert, sich des Kontextes hinter und um den Dingen und Entscheidungen im Leben herum konstant bewusst zu sein. Das ist alles. Sich des Nebels bewusst zu sein und sich daran zu erinnern, den ganzen Kontext im Blick zu haben, hält einen bei Bewusstsein, sensibilisiert für die Wahrheit und macht einen zu einer besseren Version seiner selbst als auf Stufe 1. Ein paar Beispiele.

So sieht ein unfreundlicher Kassierer auf Stufe 1 und 2 aus:


So sieht Dankbarkeit aus:


Wenn etwas Gutes passiert:


Wenn etwas Schlechtes passiert:


Dieses Phänomen, wenn spätnachts im Bett plötzlich alles furchtbar erscheint:


Ein platter Reifen:


Langfristige Konsequenzen:


Den Kontext anzuschauen, macht uns bewusst, wie viel wir tatsächlich über die meisten Situationen wissen (und was wir nicht wissen, wie etwa, was der Kassierer bislang für einen Tag hatte), und es erinnert uns an die Komplexität und Differenziertheit der Menschen, des Lebens und von Situationen. Stehen wir auf Stufe 2, dann führen dieser erweiterte Rahmen und die verbesserte Klarheit dazu, dass wir ruhiger werden und uns weniger vor Dingen fürchten, die gar nicht beängstigend sind, und die Tiere, die ihre Kraft aus Angst beziehen und von Unbewusstheit zehren, sehen plötzlich irgendwie lächerlich aus:


Wenn die kleingeistigen Tieremotionen nicht so präsent sind, kommen die fortgeschritteneren Emotionen des Höheren Wesens – Liebe, Mitgefühl, Bescheidenheit, Empathie etc. – zum Vorschein. 

Die gute Nachricht ist: Man muss nichts dazulernen, um auf Stufe 2 zu stehen, das Höhere Wesen kennt den Kontext um all diese Lebenssituationen herum bereits. Es ist keine harte Arbeit nötig, und es braucht keine zusätzlichen Informationen oder Kompetenzen – man muss nur bewusst daran denken, auf Stufe 2 statt auf Stufe 1 zu stehen, und schon ist man da. Wahrscheinlich bist du jetzt gerade da, einfach dadurch, dass du das hier liest.

Die schlechte Nachricht: Es ist extrem schwer, längere Zeit auf Stufe 2 zu verbleiben. Der Haken an der Sache ist, dass es nicht leicht ist, sich des Nebels bewusst zu bleiben, da der Nebel einem das Bewusstsein raubt. 

Das ist die erste Herausforderung, die ansteht. Man wird den Nebel nicht los, und man kann ihn nicht immer dünn halten, aber man kann sich darin verbessern, es zu bemerken, wenn er dicht ist, und effektive Strategien zur Verdünnung aushecken, wenn man sich bewusst auf ihn fokussiert. Wer sich im Laufe seines Lebens erfolgreich entwickelt, sollte mehr und mehr Zeit auf Stufe 2 und weniger und weniger auf Stufe 1 verbringen. 


Stufe 3: Die schockierende Realität


„Ich… ein Universum aus Atomen… ein Atom im Universum.“ -Richard Feynman

Auf Stufe 3 wird’s komisch. Selbst auf der erleuchteteren Stufe 2 meinen wir ja, wir seien hier:


So nett das auch ist, es ist ein totales Trugbild. Wir leben hier Tag für Tag, als ob wir hier auf diesem grün-braunen Land seien, mit unserem blauen Himmel und unseren Eichhörnchen und unseren Raupen. Aber eigentlich ist das der Fall:


Noch eigentlicher ist das hier der Fall:


Wir tendieren auch dazu, zu denken, unsere Situation sehe so aus:


Obwohl sie eigentlich so aussieht:


Vielleicht hältst du dich sogar für ein Ding. Tust du das?


Nein, du bist eine Riesenmenge hiervon:


Das ist die nächste Rezitation der Wahrheit auf unserer kleinen Treppe, und unsere Hirne werden damit nicht wirklich fertig. Einen Menschen zu bitten, sich die Weite des Alls, die Ewigkeit der Zeit oder die Winzigkeit von Atomen vorzustellen, ist, wie wenn man einen Hund bittet, sich auf seine Hinterbeine zu stellen: Es klappt, wenn er sich darauf konzentriert, aber es ist eine Anstrengung und kann nicht lange aufrechterhalten werden.

Man kann jederzeit über die Fakten nachdenken: Der Urknall geschah vor 13,8 Milliarden Jahren, das ist also 130‘000 mal so lang her wie die Entstehung des Menschen. Wäre die Sonne ein Tischtennisball in New York, dann wäre der Stern, der uns am nächsten ist, ein Tischtennisball in Atlanta. Die Milchstrasse ist so gross, dass in einem Modell davon mit der Grösse der Vereinigten Staaten noch immer ein Mikroskop nötig wäre, um die Sonne zu sehen. Atome sind so klein, dass in einem Salzkorn etwa so viele Atome sind, wie es Sandkörner auf allen Stränden der Erde gibt. Aber gelegentlich, wenn man sich mit einer dieser Tatsachen vertieft beschäftigt, wenn man spätnachts das richtige Gespräch mit der richtigen Person führt, wenn man die Sterne anstarrt oder zu angestrengt darüber nachdenkt, was der Tod eigentlich bedeutet, dann hat man einen „Whoa-Moment“.

Ein wahrer Whoa-Moment ist schwer zu ergattern und noch schwerer lange aufrechtzuerhalten, wie bei den Stehproblemen des Hundes. Über diesen Level der Realität nachzudenken, ist, wie wenn man ein super Foto des Grand Canyon anschaut, ein Whoa-Moment ist, wie wenn man am Grand Canyon steht – die Erlebnisse sind sich ähnlich, aber irgendwie völlig verschieden. Fakten können faszinierend sein, aber nur in einem Whoa-Moment erfasst das Gehirn die wahre Realität wirklich. In einem Whoa-Moment wächst das Gehirn für eine Sekunde über das hinaus, wofür es konstruiert ist, und gibt uns einen kurzen Einblick in die staunenswerte Wahrheit über unsere Existenz. Und ein Whoa-Moment ist der Weg zu Stufe 3.

Ich liebe Whoa-Momente. Ich fühle dabei eine intensive Mischung aus Ehrfurcht, Euphorie, Trauer und Erstaunen. Vor allem fühle ich mich dabei enorm und zutiefst demütig, und dieses Niveau der Demut löst bei Menschen Merkwürdiges aus. In diesen Momenten ergeben all die Worte, die religiöse Menschen benutzen – Ehrfurcht, Anbetung, Wunder, ewige Verbindung – absolut Sinn. Ich will auf die Knie gehen und mich ergeben. Dann fühle ich mich spirituell.

Und in diesen flüchtigen Momenten gibt es keinen Nebel. Mein Höheres Wesen ist voll in Fahrt und sieht alles in vollständiger Klarheit. Die normalerweise so komplizierte Welt der Moral ist plötzlich kristallklar, denn die einzigen verfügbaren Emotionen auf Stufe 3 sind die Hochrangigsten. Jegliche Formen von Kleinlichkeit oder Hass sind auf Stufe 3 lächerliche Konzepte. Ohne den verdeckenden Nebel sind die Tiere völlig nackt und entlarvt als die traurigen kleinen Kreaturen, die sie sind.


Auf Stufe 1 zahle ich es dem unfreundlichen Kassierer heim, der es wagte, mir gegenüber ein Arsch zu sein. Auf Stufe 2 bringt mich die Unfreundlichkeit nicht aus der Ruhe, da ich weiss, dass sich nicht alles um ihn dreht, auch nicht um mich, und dass ich keine Ahnung habe, wie sein Tag oder sein Leben war. Auf Stufe 3 sehe ich mich als eine wundersame Anordnung von Atomen in einem unfassbar weiten Raum, die für einen Sekundenbruchteil in der endlosen Ewigkeit zusammengekommen ist, um den Moment des Bewusstseins zu bilden, den ich „mein Leben“ nenne… und ich sehe diesen Kassierer als einen weiteren Moment des Bewusstseins, der zufällig auf dem selben Fleck in Zeit und Raum existiert wie ich. Und die einzige mögliche Emotion, die ich ihm gegenüber auf Stufe 3 empfinden könnte, ist Liebe.


Im transzendenten Bewusstseinslevel eines Whoa-Moments sehe ich jede Interaktion, jeden Beweggrund, jede Schlagzeile in einer ungewohnten Klarheit, und schwierige Entscheidungen sind leichter. Ich fühle mich weise.

Wenn das mein Normalzustand wäre, würde ich irgendwo auf einem Berg in Myanmar Mönche unterrichten, und ich unterrichte nirgendwo irgendwelche Mönche, weil es nicht mein Normalzustand ist. Whoa-Momente sind selten, und sehr bald danach bin ich wieder hier unten in meiner Menschlichkeit. Doch die Gefühle und die Klarheit von Stufe 3 sind so kraftvoll, dass auch etwas davon übrig bleibt, nachdem man aus dem Rausch zurückgekehrt ist. Jedes Mal, wenn die Tiere gedemütigt werden, nimmt ihre zukünftige Macht über dich ein wenig ab. Und darum ist Stufe 3 so wichtig: Zwar kann niemand, den ich kenne, ständig auf Stufe 3 leben, doch regelmässige Besuche helfen sehr im Kampf zwischen Stufe 1 und 2, und das macht einen zu einem besseren, glücklicheren Menschen.

Stufe 3 ist auch die Antwort für jeden, der Atheisten beschuldigt, amoralisch, zynisch oder nihilistisch zu sein, oder der sich fragt, wie Atheisten ohne die Hoffnung und den Ansporn eines Lebens nach dem Tod im Leben einen Sinn finden. Das ist eine Sicht auf Atheisten von Stufe 1 aus, in der das Leben auf der Erde als selbstverständlich angesehen wird und man annimmt, jegliche positiven Impulse und Gefühle müssten auf Umstände ausserhalb des Lebens zurückzuführen sein. Auf Stufe 3 sehe ich es als riesiges Glück an, dass ich lebe, und ich kann kaum glauben, wie cool es ist, dass ich eine Gruppe von Atomen bin, die über Atome nachdenken kann. Auf Stufe 3 ist das Leben selbst mehr als genug, um in mir Begeisterung, Hoffnung, Liebe und Güte auszulösen. Doch Stufe 3 ist nur möglich, weil die Wissenschaft den Weg dorthin freigemacht hat, weswegen Carl Sagan sagte: „Wissenschaft ist nicht nur kompatibel mit Spiritualität, sie ist eine tiefgehende Quelle von Spiritualität.“ Dadurch ist die Wissenschaft der „Prophet“ dieses Konzepts; sie offenbart uns neue Wahrheiten und gibt uns die Möglichkeit, uns durch den Zugriff darauf zu verändern.

Fassen wir bis hierhin zusammen: Auf Stufe 1 ist man in einer illusorischen Blase, die auf Stufe 2 platzt. Auf Stufe 2 gibt es weit mehr Klarheit über das Leben, aber sie befindet sich in einer noch viel grösseren illusorischen Blase, die auf Stufe 3 platzt. Aber Stufe 3 ist doch völlige, nebelfreie Klarheit der Wahrheit, wie könnte es also noch eine weitere Stufe geben?


Stufe 4: Das grosse Unbekannte


„Falls wir je den Punkt erreichen sollten, an dem wir denken, wir verstünden komplett, wer wir sind und woher wir kommen, dann werden wir versagt haben.“ -Carl Sagan

Das Spiel bestand bisher vor allem darin, den Nebel zu verdünnen, um ein höchstmögliches Bewusstsein dessen zu erlangen, was wir als Menschen und als Spezies über die Wahrheit wissen:


Auf Stufe 4 werden wir an die komplette Wahrheit erinnert, und die sieht so aus:


Fakt ist: Jede Beschäftigung mit unserer ganzheitlichen Realität – mit der Wahrheit über unser Universum und unsere Existenz – ist totale Selbsttäuschung, wenn wir nicht diesen grossen lila Klecks eingestehen, aus dem diese Realität zu fast allen Teilen besteht.

Aber man kennt ja die Menschen: Sie mögen diesen lila Klecks überhaupt nicht. Das taten sie nie. Der Klecks macht ihnen Angst und demütigt sie, und in der Geschichte haben wir ihn immer wieder gern geleugnet – das ist, als würde man am Strand leben und so tun, als gebe es den Ozean nicht. Stattdessen stampfen wir mit dem Fuss auf und behaupten, jetzt hätten wir endlich alles herausgefunden. Auf religiösem Gebiet erfinden wir Mythen und verkünden sie als Wahrheit, und selbst ein tiefgläubiger religiöser Mensch, der das hier liest und auf die Wahrheit seines jeweiligen Buches besteht, würde mir zustimmen, dass die anderen paar tausend Bücher Fantasiegespinste sind. Auf wissenschaftlichem Gebiet haben wir es hingekriegt, konstant so naiv zu sein, zu glauben, dass es lediglich ein Phänomen der Vergangenheit sei, zu bemerken, dass man sich über die Realität krass geirrt hat.

Wenn unser Verständnis von der Realität von einer neuen bahnbrechenden Entdeckung auf den Kopf gestellt wird, ist das wie eine schockierende Wendung in dem epischen Mystery-Roman, den die Menschheit liest, und der wissenschaftliche Fortschritt ist durchsetzt von diesen Wendungen: Dass sie Erde rund ist, dass das Sonnensystem helio- und nicht geozentrisch ist, die Entdeckung subatomarer Partikel oder von anderen Galaxien und die Evolutionstheorie, um ein paar zu nennen. Wie ist es angesichts des Wissens um all diese Durchbrüche also möglich, dass Lord Kelvin, einer der grössten Wissenschaftler der Geschichte, im Jahr 1900 sagte: „Es gibt in der Physik nun nichts mehr zu entdecken. Alles, was bleibt, sind immer präzisere Messungen.“? Dieses Mal sei es nun endgültig vorbei mit den Wendungen. 

Natürlich lag Kelvin genauso falsch wie jeder andere arrogante Wissenschaftler der Geschichte: Die Relativitätstheorie und dann die Theorie der Quantenmechanik würden die Wissenschaft innerhalb des nächsten Jahrhunderts in ihren Grundfesten erschüttern. 

Selbst wenn wir heute eingestehen, dass es in der Zukunft weitere Wendungen geben wird, sind wir dennoch irgendwie geneigt, zu denken, wir hätten die meisten wesentlichen Dinge entschlüsselt und hätten ein Bild von der Realität, das weitaus kompletter sei als dasjenige der Leute, die dachten, die Erde sei flach. Für mich klingt das so:


Erinnern wir uns daran, dass wir nicht wissen, was das Universum ist. Ist es alles? Ist es eine winzige Blase in einem Multiversum, das vor Blasen nur so schäumt? Ist es keine Blase, sondern eine optische Illusion, ein Hologramm? Wir wissen um den Urknall, aber war das der Anfang von allem? Entstand etwas aus nichts, oder war das nur das neuste Ereignis in einer langen Abfolge von Expansions- und Kollapszyklen? Wir haben keine Ahnung, was dunkle Materie ist, wir wissen nur, dass es davon im Universum verdammt viel gibt, und als wir über das Fermi-Paradoxon sprachen, wurde absolut klar, dass die Wissenschaft keinen Schimmer hat, ob es da draussen anderes Leben gibt und wie weit entwickelt es sein könnte. Wie steht’s mit der Stringtheorie, die vorgibt, der Schlüssel zur Vereinigung der beiden grossen, aber anscheinend beziehungslosen Theorien der physischen Welt zu sein, der Relativität und der Quantenmechanik? Sie ist entweder die grösste Theorie, die wir je hervorgebracht haben, oder völlig falsch, und es gibt brillante Wissenschaftler auf beiden Seiten der Debatte. Und als Laien brauchen wir uns diese weitreichend anerkannten Theorien nur einmal anzusehen, um zu begreifen, wie sehr sich die Realität vom Anschein unterscheiden kann. Da sagt uns etwa die Relativität: Wenn man zu einem schwarzen Loch flöge, in der starken Schwerkraft ein paar Runden drehen und ein paar Stunden später zur Erde zurückkehren würde, wären auf der Erde inzwischen Jahrzehnte vergangen. Und das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem verrückten Zeug, das wir von der Quantenmechanik erfahren; etwa, dass es zwischen dem Verhalten zweier Partikel, zwischen denen das Universum liegt, mysteriöse Verbindungen gibt, oder die Sache mit der Katze, die zugleich lebendig und tot ist, bis man sie anschaut.

Und die Sache ist die: Alles, was ich gerade erwähnt habe, liegt innerhalb des Bereiches dessen, was wir verstehen. Wie zuvor angeführt würden wir auf ein höher entwickeltes Bewusstsein wie ein Dreijähriges wirken, oder wie ein Affe oder eine Ameise – warum würden wir also davon ausgehen, dass wir überhaupt in der Lage seien, alles in diesem lila Klecks zu begreifen? Ein Affe kann nicht begreifen, dass die Erde ein runder Planet ist, geschweige denn, dass das Sonnensystem, die Galaxie oder das Universum existiert. Man könnte jahrelang versuchen, es ihm zu erklären, es wäre unmöglich. Was können also wir niemals erfassen, selbst wenn eine intelligentere Spezies nach Kräften versuchte, es uns zu erklären? Wahrscheinlich fast alles.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wenn man über den grossen Zusammenhang nachdenkt: Sich demütig verhalten oder sich absurd verhalten.

Es ist sehr unsinnig, dass Menschen aus Angst Gewissheit simulieren. Denn in alten Zeiten, als es schien, als seien wir die Krone der Schöpfung, da war Ungewissheit beängstigend, denn sie liess unsere Realität so viel trostloser erscheinen, als wir gedacht hatten. Doch nun, da so viel mehr aufgedeckt worden ist, sieht es für uns als Menschen und als Spezies enorm trostlos aus, und deshalb sollte unserer Angst Ungewissheit willkommen sein. Aus der Sicht, dass ich eine kleine Handvoll Jahrzehnte übrig habe, gefolgt von einer Ewigkeit der Nichtexistenz, erscheint mir die Tatsache, dass wir komplett falsch liegen könnten, voller Hoffnung.

Wenn mein Denken die Spitze dieser atheismusbasierten Treppe erreicht, scheint mir die Vorstellung, dass es etwas geben könnte, was uns göttlich erscheinen würde, ironischerweise gar nicht mehr so lächerlich. Ich bin noch immer Atheist, was all die menschengemachten Konzepte einer göttlichen höheren Macht betrifft, die meiner Meinung nach alle viel zu viel Gewissheit proklamieren. Aber könnte es eine super-fortgeschrittene Macht geben? Es scheint mehr als wahrscheinlich. Könnten wir von etwas/jemandem geschaffen worden sein, das/der grösser ist als wir, oder könnten wir als Teil einer Simulation existieren, ohne es zu merken? Klar – ich bin ein Dreijähriges, schon vergessen? Wer bin ich, das zu verneinen? 

Für mich persönlich führt vollständige, rationale Logik zu Atheismus in Bezug auf alle Religionen der Erde und zu Agnostizismus in Bezug auf die Natur unserer Existenz und die mögliche Existenz eines höheren Wesens. Dabei ist keine Art des Glaubens im Spiel, nur Logik.

Ich finde Stufe 4 mental überwältigend, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich sie je so auf spirituelle Weise erreichen kann wie bei Stufe 3. Whoa-Momente der Stufe 4 könnten Denkern auf dem Niveau von Einstein vorbehalten sein. Aber selbst wenn ich meine Füsse nicht auf Stufe 4 hinaufkriege, weiss ich doch, dass es sie gibt, was sie bedeutet, und kann mich an ihre Existenz erinnern. Was bringt mir das nun als Mensch?

Wer erinnert sich noch an die kraftvolle Demut, die ich bei Stufe 3 erwähnte? Es multipliziert sie um den Faktor 100. Aus Gründen, die ich eben erwähnte, gibt es mir Hoffnung. Und es bringt mir eine angenehme Ergebenheit; ich weiss, dass ich nie verstehen werde, was los ist, weswegen ich ein Gefühl kriege, als könnte ich das Steuer loslassen, mich zurücklehnen, entspannen, und einfach die Fahrt geniessen. So kann uns Stufe 4 meiner Ansicht nach zu einem Leben verhelfen, das stärker im Hier und Jetzt verankert ist. Wenn ich nur ein Molekül bin, das in einem Ozean herumtreibt, den es nicht verstehen kann, dann kann ich das auch einfach geniessen.

Stufe 4 kann der Menschheit dazu dienen, sich von der Vorstellung der Gewissheit zu verabschieden. Gewissheit ist primitiv, führt zu „Wir gegen die anderen“-Tribalismus und löst Kriege aus. Wir sollten in unserer Ungewissheit vereint sein und uns nicht durch künstliche Gewissheit trennen. Und je mehr Menschen sich umdrehen und diesen grossen lila Klecks anschauen, desto besser wird es uns gehen.


Warum Weisheit das Ziel ist


Nichts löst den Nebel auf wie das Totenbett, weswegen die Leute dann immer in Klarheit sehen können, was sie anders hätten machen sollen: Ich wünschte, ich hätte weniger Zeit mit Arbeiten verbracht, ich wünschte, ich hätte mehr mit meiner Frau kommuniziert, ich wünschte, ich hätte mehr Reisen unternommen etc. Das Ziel persönlichen Wachstums sollte sein, eine „Totenbett-Klarheit“ zu erlangen, während das Leben noch läuft, damit man noch etwas tun kann.

Das geht so, dass man so viel Weisheit entwickelt wie nur möglich, so früh wie möglich. Für mich ist Weisheit das Wichtigste, nach dem ich als Mensch strebe. Sie ist das grosse Ziel, das übergeordnete Ziel, unter dem alle anderen Ziele ihren Platz finden. Ich glaube, dass ich eine und nur eine Chance zum Leben habe, und das will ich so erfüllt und sinnvoll tun wie möglich. Das ist das bestmögliche Resultat für mich, und ich tue dadurch viel mehr Gutes für die Welt. Weisheit verleiht den Leuten den Durchblick dafür, zu wissen, was „erfüllt und sinnvoll“ eigentlich heisst, und den Mut, die Entscheidungen zu treffen, die sie dorthin führen.

Zwar kann Lebenserfahrung zur Weisheit beitragen, aber ich denke, wir haben alle schon Weisheit in unseren Köpfen: Alles, was das Höhere Wesen weiss. Wenn wir nicht weise sind, dann darum, weil wir keinen Zugriff auf die Weisheit des Höheren Wesens haben, weil es im Nebel eingehüllt ist. Der Nebel ist gegen Weisheit, und wenn man die Treppe hinaufsteigt und einen klareren Ort erreicht, ist Weisheit ganz einfach ein Nebenprodukt dieses gesteigerten Bewusstseins.

Etwas, das ich irgendwann gelernt habe, ist, dass alt werden und gross werden nicht dasselbe ist wie erwachsen werden. Beim Erwachsensein geht es um den Level der Weisheit und den Umfang des Verstandes, und das steht in keiner besonderen Beziehung zum Alter. Ab einem gewissen Alter geht es beim erwachsen werden darum, den Nebel zu überwinden, und da hängt alles von der Person ab, nicht vom Alter. Ich kenne ein paar sehr weise ältere Menschen, aber es gibt auch viele Leute in meinem Alter, die in vielerlei Hinsicht sehr viel weiser erscheinen als ihre Eltern. Jemand auf dem Pfad des Wachstums, dessen Nebel sich mit dem Alter verdünnt, wird mit dem Alter weiser, aber ich stelle fest, dass das Gegenteil bei Leuten passiert, die nicht aktiv wachsen: Der Nebel verdichtet sich um sie und sie werden unbewusster und sind sich mit dem Alter bei allem sicherer.

Wenn ich an die Leute denke, die ich kenne, fällt mir auf, dass die Menge an Respekt und Bewunderung, die ich einer Person entgegenbringe, praktisch komplett damit übereinstimmt, für wie weise und bewusst ich sie halte. Die Menschen in meinem Leben, die bei mir das höchste Ansehen geniessen, sind die Erwachsenen in meinem Leben – und die sind verschiedensten Alters.


Ein weiterer Blick auf Religion im Lichte dieses Konzepts


Diese Abhandlung hilft mir, meine Probleme mit traditioneller, organisierter Religion besser zu erfassen. Es gibt viele gute Menschen, gute Vorstellungen, gute Werte und gute Weisheiten in der religiösen Welt, aber es scheint mir, dass es das trotz der Religion gibt, nicht wegen ihr. Wenn man Religion für Wachstum verwenden will, ist ein innovativer Blick auf die Dinge nötig, denn grundsätzlich scheinen die meisten Religionen die Menschen wie Kinder zu behandeln, statt sie zum Wachstum anzutreiben. Viele der heutigen Religionen spielen mit ihrer „Glaub das oder bereue es“-Angstmacherei und den Büchern, die so oft nach „Wir gegen die anderen“-Uneinigkeit rufen, dem Nebel in die Hände. Sie raten den Menschen, sich auf der Suche nach Antworten an alte Schriften zu wenden, statt die Tiefen ihres Verstandes zu erkunden, und ihre sture Gewissheit, wenn es um „richtig“ und „falsch“ geht, lässt sie auf dem Pfad der Evolution sozialer Probleme meist weit zurückfallen. Ihre Gewissheit beim Thema Geschichte führt dazu, dass sie ihre Nachfolger aktiv von der Wahrheit fernhalten, was durch die 42% der Amerikaner bewiesen wird, denen die Wahrheit der Evolution vorenthalten wurde.


Was bin ich also?


Ja, ich bin Atheist, aber Atheismus ist genauso wenig ein Wachstumsmodell, wie „Ich mag Inlineskaten nicht“ eine Trainingsstrategie ist.

Also erfinde ich eine Bezeichnung dafür, was ich bin: Ich bin ein „Truthist“. In meinem Konzept suche ich stets nach Wahrheit, Wahrheit ist das, was ich anbete, und wenn man lernt, leichter und öfter Wahrheit zu erkennen, führt das zu Wachstum.

Das Ziel im „Truthism“ ist es, mit der Zeit weiser zu werden, und Weisheit fällt einem immer dann in den Schoss, wenn man ein ausreichend hohes Bewusstsein hat, um die Wahrheit über Menschen, Situationen, die Welt oder das Universum zu sehen. Der Nebel ist das, was einem dabei im Weg steht; er nimmt einem das Bewusstsein und löst Einbildung und Kleingeistigkeit aus. Darum ist es die tagtägliche Wachstumsstrategie, sich des Nebels bewusst zu bleiben und den Verstand darauf abzurichten, in jeder Situation die ganze Wahrheit zu sehen. 

Mit der Zeit sollte das Verhältnis [Zeit auf Stufe 2] / [Zeit auf Stufe 1] jedes Jahr etwas grösser werden, und man sollte immer besser darin werden, Stufe 3-Whoa-Momente einzubauen und sich an den lila Klecks von Stufe 4 zu erinnern. Wer das tut, der entwickelt sich meiner Meinung nach bestmöglich, und das wird tiefschürfende Auswirkungen auf alle Aspekte seines Lebens haben.

Das war’s. Das ist der „Truthism“.

Bin ich ein guter „Truthist“? Ich bin ganz OK, besser als früher, und habe noch einen langen Weg vor mir. Die Definition dieses Konzeptes wird mir helfen: Ich werde wissen, worauf ich mich fokussieren sollte, worauf zu achten ist, und wie ich meinen Fortschritt einschätzen kann, was mir dabei helfen wird, sicherzustellen, dass ich mich auch wirklich verbessere, und zu schnellerem Wachstum führen wird.

Damit ich dranbleibe, habe ich ein Logo für den „Truthism“ entworfen:


Das ist mein Symbol, mein Mantra, mein „What Would Jesus Do?“; es ist das, worauf ich schauen kann, wenn etwas Gutes oder Schlechtes passiert, wenn eine grosse Entscheidung ansteht, oder an einem normalen Tag, als Erinnerung daran, den Nebel nicht zu vergessen und den Blick auf den grossen Zusammenhang zu richten.


Und was bist du?


Meine Herausforderung an dich ist, dich für eine Bezeichnung für dich zu entscheiden, die passend dein Wachstumskonzept beschreibt.

Wenn das Christentum dein Ding ist und es dir wirklich beim Wachsen hilft, dann kann diese Bezeichnung „Christ“ sein. Vielleicht hast du schon deine eigene, klar definierte Fortschrittsstrategie und brauchst nur noch einen Namen dafür. Vielleicht trifft „Truthism“ für dich ins Schwarze und gleicht deiner bereits vorhandenen Denkweise und du möchtest versuchen, mit mir „Truthist“ zu sein.

Vielleicht hast du keine Ahnung, was dein Wachstumskonzept ist, oder das, was du benutzt, funktioniert nicht. Wenn du dich A) fühlst, als hättest du dich in den letzten Jahren in keiner bedeutenden Weise weiterentwickelt oder B) nicht in der Lage bist, deine Werte und Philosophien mit echtem logischen Denken zu untermauern, das dir etwas bedeutet, dann solltest du dir ein neues Konzept zulegen.

Stell dir dafür einfach die selben Fragen, die ich mir stellte: In Richtung welches Zieles willst du dich entwickeln (und warum ist das das Ziel), wie sieht der Weg aus, der dich da hinbringt, was steht dir im Weg, und wie überwindest du diese Hindernisse? Welche Übungen machst du im Alltag, und wie sollte dein Fortschritt von Jahr zu Jahr aussehen? Am wichtigsten: Wie bleibst du standhaft und hältst die Übung über Jahre hinweg aufrecht, nicht nur über vier Tage? Nachdem du dir das überlegt hast, gib dem Konzept einen Namen und denk dir ein Symbol oder ein Mantra aus (dann teile deine Strategie in den Kommentaren oder schick mir eine E-Mail dazu, denn wenn man es ausformuliert, hilft das, es im Kopf zu präzisieren, und es ist nützlich und interessant für andere, von deinem Konzept zu erfahren). 

Ich hoffe, ich habe dich davon überzeugt, wie wichtig das ist. Warte nicht bis zum Totenbett damit, herauszufinden, worum es im Leben geht.


Originaltext: http://waitbutwhy.com/2014/10/religion-for-the-nonreligious.html

Keine Kommentare: