Mittwoch, 31. August 2016

43: Kritisches Denken - Zu Besuch bei der Jungschar

Da sass ich letzten Sonntag in der Kirche - der Leute wegen, nicht wegen der Lehre -, und nach dem Gottesdienst kam ein Bekannter auf mich zu und fragte mich, ob ich bereit wäre, am Dienstag einen Vortrag vor rund 30 JungscharleiterInnen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren zu halten. "Eher nicht", entgegnete ich. "Ich hab's nicht mehr so mit dem Glauben wie früher...". Der Bekannte entgegnete: "Es darf auch ein kritischer Input sein! Das fände ich auch spannend." Ich horchte auf: "Soso... Ja, also das könnte ich mir schon vorstellen. Ja, warum nicht? Ich mach's."

Ich freute mich enorm, denn ich hatte in der Zeit seit meiner Abkehr immer wieder darüber nachgedacht, wie cool es wäre, wenn es einmal zum Austausch zwischen mir und meinen Ex-Glaubensgeschwistern käme, auf ihre Initiative hin. Bereits im Zug begann ich, eifrig zu schreiben. Was könnte ich schreiben, das kritisch-herausfordernd ist, ohne aggressiv daherzukommen? Wie könnte ich das kritische Denken in ihnen herauskitzeln, ohne ihnen zu sagen, was sie zu denken haben? Hier das Resultat, das ich schliesslich am 30. August um 19:30 vortrug:

INPUT ZWEIFEL & KRITISCHES DENKEN 30.8.16 JUNGSCHAR THOMAS
So, hallo zusammen! Zuerst für diejenigen, die mich noch nicht so genau kennen: Mein Name ist Raphael Dorigo, ich bin 23, komme aus Riehen und studiere in Winterthur Angewandte Linguistik mit Schwerpunkt Fachübersetzen. Ich bin in der Thomaskirche aufgewachsen, war hier schon von klein auf in der Gottesdienstmusik dabei, bin hier zur Sonntagsschule gegangen, habe mich hier taufen lassen und hier konfirmiert und war zuletzt auch Prediger hier. In der Jungschar war ich allerdings nie, ich hatte nur einmal einen Gastauftritt als Schauspieler. Ich wurde angefragt, ob ich heute den Vortrag halten würde, und da sagte ich gern zu, da ich die Jungschar mag und mich das Thema Religion sehr fasziniert und auch beschäftigt.

Es hiess, es dürfe auch gern kritisch werden, und da fand ich: Das könnt ihr gern haben! Man hört ja sowieso oft, dass die Leute herausfordernde, kritische Inputs mögen. Es soll ein wenig kritisch zu und her gehen, an die Grenze der Komfortzone gehen, damit sich die Chance auf Wachstum ergibt, und ich kann euch versprechen, dass ich heute mit euch an den Rand der Komfortzone gehen werde. Es soll aber trotzdem so rauskommen, dass es euch hilft und nicht destruktiv ist. 

Das zentrale Thema meines Inputs heisst "Zweifel und kritisches Denken". Was sind Zweifel, und wie gehen wir damit um? Um die Relevanz des Themas zu bestimmen: Hebt doch mal die Hand, wenn ihr schon einmal an Gott gezweifelt habt; ob es ihn gibt, ob er es gut meint, ob die Bibel stimmt... ...ja, da sehen wir doch: Ein relevantes Thema.

ZWEIFEL 
Fangen wir also ganz am Anfang an und fragen uns, was Zweifel eigentlich sind. Ich als Sprachstudent greife natürlich gleich zum Duden, und da steht, Zweifel seien "Bedenken, schwankende Ungewissheit, ob jemandem, jemandes Äußerung zu glauben ist.“ Zweifel haben eher einen schlechten Ruf. Grade auch, wenn wir in die Bibel schauen; wer ist da der Inbegriff des Zweifels? Genau, Thomas, der Namensgeber unserer Kirche hier. Und der wird nicht wirklich gut dargestellt. Jesus soll ihn laut den Evangelien dazu ermahnt haben, zu glauben, ohne nachzuforschen. Ich finde aber, Zweifel sind keine schlechte Sache. Zweifel sind die Stimme unseres intellektuellen Gewissens. Damit sagt uns unser Gehirn: "Vorsicht, es könnte sein, dass hier etwas nicht stimmt - passen wir auf, dass wir ehrlich zu uns selbst sind." Zweifel sind unser intellektuelles Immunsystem; sie schützen uns davor, unbegründete oder falsche Dinge zu glauben. 

Und damit dieses Immunsystem seinen Zweck erfüllen kann, ist es wichtig, dass wir Zweifel als Anlass für Nachforschungen nehmen, als Anlass dafür, zu überprüfen, ob etwas hinter dem steckt, worauf unser Hirn uns da aufmerksam machen will, Informationen zu sammeln, statt uns einfach auf eine Folgerung zu versteifen und alles andere zu ignorieren. Das wäre, als würden wir bei einem Antivirenprogramm am Computer immer nur die Warnmeldungen wegklicken, obwohl es viel schlauer wäre, nachzuschauen, ob die Warnungen begründet sind. Aber wir Menschen tun uns immer wieder schwer damit, nachzuforschen. Warum könnte das so sein? Dafür gibt es einen sehr spannenden möglichen Erklärungsansatz.

Stell dir vor, du bist ein Menschenaffe in der afrikanischen Savanne, vor etwa 3 Millionen Jahren. Du gehst so durch die Gegend, als du plötzlich ein Rascheln im Gras hinter dir hörst. Was tust du? Du könntest weglaufen, oder du könntest auf weitere Informationen warten und nachschauen, was da los ist. Nun, was denkt ihr, wer hat die grösseren Überlebenschancen: Ein Menschenaffe, der immer davonrennt, oder einer, der immer nachforscht? Derjenige, der wegrennt, klar. Der überlebt nämlich, egal, ob im Gras ein Raubtier sitzt oder nicht. Aber derjenige, der nachforscht, der wird zum Mittagessen, wenn er etwa einen Tiger vorfindet. Bei einem Nachforscher ist es unwahrscheinlicher, dass er lang genug lebt, um sich fortpflanzen zu können. Und deswegen gibt es Wissenschaftler, die sagen, wir seien Nachkommen von Menschenaffen, die weniger nachforschten und sich lieber festlegten, von Wesen, die ein wenig paranoid und abergläubisch waren. Und das sei ein möglicher Grund, warum sich unser Gehirn beim Nachforschen oft schwertut und sich lieber auf etwas versteift. Es gibt viele mögliche Fallen, die uns bei der Suche nach der Wahrheit behindern können. 

DER BESTÄTIGUNGSFEHLER
Eine dieser Fallen nennt man den "Bestätigungsfehler". Das ist, wenn man in einer Frage schon eine Antwort hat, die man als wahr und gut ansieht, und dann bei Nachforschungen vor allem nach Informationen sucht, die diese Antwort stützen. Man behandelt alles bevorzugt, das für die eigene Sicht spricht, und vernachlässigt das, was dagegen spricht. Man geht zum Beispiel als überzeugter Astrologe auf google und gibt ein: "Warum Astrologie funktioniert" und nicht einfach "Astrologie". Man sucht nach Bestätigung, nicht einfach nach Information. Das ist heutzutage besonders aktuell, da es mittlerweile auch elektronisch geschieht: Google passt nämlich seine Resultate an die Suchgewohnheiten der Nutzer an, sodass die Leute Ergebnisse weiter oben sehen, die zu dem passen, was sie bereits glauben, und Dinge, die dem widersprechen, landen weiter unten. 

Dieser Bestätigungsfehler wird stark von Gefühlen beeinflusst. Wenn man zum Beispiel sehr stark an der Astrologie hängt, die Horoskope einem Halt geben im Leben, man vielleicht viele Freunde hat, die daran glauben, die Eltern auch Astrologen sind und man irgendwie Angst hat vor der Vorstellung, dass sie keine Wahrheit enthalten könnte, dann passiert es leicht, dass man nur bestätigende Informationen sucht. Kennt ihr Leute, die davon überzeugt sind, dass sie am Freitag, dem 13ten immer Pech haben? Das ist ein Paradebeispiel für den Bestätigungsfehler. Bei solchen Leuten ist es so, dass sie mit der vorgefassten Meinung in diesen Tag gehen, dass ihnen Schlechtes passieren wird, und schon fällt ihnen überall Pech auf: "Jetzt bin ich eben gestolpert... Jetzt habe ich was vergessen... Jetzt habe ich die Strassenbahn verpasst... War ja klar, Freitag der 13te!". Und all das, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr Pech haben als sonst. Würde man über das Pech Buch führen, so käme heraus, dass sich dieser Tag nicht signifikant von anderen Tagen unterscheidet, was das Pech betrifft.


Ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, dass ich Opfer des Bestätigungsfehlers werde, wenn ich irgendwo einer Information begegne, die mir gefällt. Vielleicht äussere ich mich dann auch noch für diese neue Sicht, dadurch sind dann Gefühle und Stolz im Spiel, und dann kostet es einiges an Überwindung, einfach mal neutral zu recherchieren, geschweige denn, sich anzuhören, was Gegner und Kritiker zu sagen haben. Und da musste ich lernen: Wenn ich die Wahrheit wissen will, dann muss es mir egal sein, wie toll ich die Antworten auf eine Frage finde. Ich sollte den Hinweisen zur vernünftigsten Schlussfolgerung folgen, auch dann, wenn es vielleicht unangenehm ist.

Gerade, wenn ich darüber nachdenke, was ich jemand anderem raten würde, der die Welt nicht so sieht wie ich, dann ist für mich klar: Ich würde ihn sehr dazu auffordern, kritisch zu sein und sich nicht von Emotionen beeinflussen zu lassen, sondern einfach den Hinweisen zu folgen. Es ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass viele Leute das Musikinstrument Bass unterschätzen - ich spiele selbst unter anderem Bass und sehe das anders. Ein modernes Phänomen ist auch, dass es Streitgespräche zwischen Veganern und Fleischessern gibt. Da ist immer klar, dass man dem anderen sagen will: "Informier dich mal! Hör auf, immer unter Gleichgesinnten zu bleiben und bilde dich weiter! Schau dir die andere Seite der Debatte an!". 

In diesem Zusammenhang fällt mir auch immer wieder auf, dass Glaube anscheinend keine Entscheidung ist. Wenn man kaum über Musik Bescheid weiss und keine Argumente für den Bass kennt, dann ist es ja fast zwangsläufig so, dass man nicht von seiner Wichtigkeit überzeugt ist. Kann man sich allein durch Willenskraft von etwas überzeugen, etwa davon, dass man fliegen kann? Ich würde euch nicht dazu raten - nicht, dass nachher noch Leute vom Kirchturm springen. Aber keine Sorge, ich denke, es geht nicht. Was wir glauben, hängt nicht von unserem Willen ab, sondern vom Wissen und den Argumenten, die wir in unseren Köpfen zur Verfügung haben. Eines ist aber Entscheidungssache, und zwar, wie wir mit unseren Ansichten umgehen und ob wir unseren Horizont erweitern. 

Und da will ich nicht Wasser predigen und Wein trinken, aber grade, wenn Emotionen und Stolz im Spiel sind, ist das manchmal echt schwer. Für manche Kinder ist es etwa ein ziemlicher Schock, wenn ihnen ihre Eltern sagen, dass es den Weihnachtsmann nicht gebe - ich weiss nicht, wie krass das hier bei uns noch ist, in den USA scheint es jedenfalls noch recht aktuell zu sein... Es wäre ja schöner, wenn es den Weihnachtsmann gäbe, diesen magischen Mann, der die braven Kinder belohnt und den Knecht Ruprecht, der die Bösen bestraft - das würde die Welt ein wenig magischer und auch gerechter machen. Aber die Welt, die man sich wünscht, hat nunmal keinen Einfluss auf die Welt, in der man tatsächlich lebt. 

LOGISCHE FEHLSCHLÜSSE
Weitere Fallen beim Nachforschen sind logische Fehlschlüsse. Das ist, wenn ein Argument einen Fehler enthält. So ein fehlerhaftes Argument ist etwas das Argument der Autorität. Da sagt man: Etwas müsse stimmten, weil jemand Wichtiges das gesagt hat, oder jemand, der sich auskennt oder so. Klar, wenn einer einen Doktortitel hat, dann ist man eher geneigt, ihm zu glauben, das ist nicht ganz verkehrt. Aber was er sagt, wird nicht durch diesen Titel automatisch wahr, auch nicht, wenn diese Person schon einmal etwas Wahres gesagt hat. Ich denke, wir sehen alle: Das ist nicht logisch, nichts wird einfach deshalb war, weil es jemand Bestimmtes gesagt hat, es muss sich unabhängig von der Person beweisen. Und doch merkt man hin und wieder, dass man dieses Argument plötzlich zur Verteidigung von etwas verwendet, was man glaubt. Und sobald jemand anderes es verwendet, sagen wir ohne zu zögern: "Pah, nur weil der das gesagt hat, ist es noch lang nicht wahr!". 

Ein anderer Fehlschluss ist das Argument der Beliebtheit. Hier sagt man, es gebe viele Leute, die etwas so sehen, und deswegen müsse es ja glaubwürdig sein. Man würde meinen, dass jedem klar sein sollte, dass das unlogisch ist, man merkt es besonders, wenn jemand das Argument benutzt, mit dem man nicht einverstanden ist. Und doch ertappt man sich dann plötzlich einmal dabei, dass man etwas, woran der eigene Stolz hängt, mit diesem Argument verteidigt. 

Dann gibt es noch das Argument der Ignoranz. Es gibt im Wesentlichen zwei Varianten davon. Die Erste: Man weiss etwas nicht, es gibt eine Wissenslücke, und dann füllt man einfach die eigene Antwort in diese Lücke. Wenn etwa die amerikanische Polizei sagt, man wisse nicht genau, wie die Hochhäuser am 11. September zusammenfielen, dann sagen die Verschwörungstheoretiker: "Ha, seht ihr, da hatte die Regierung die Finger im Spiel." Aber nur weil die Allgemeinheit oder die Wissenschaft für etwas keine Erklärung hat, wird nicht plötzlich eine bestimmte Erklärung zur Tatsache. Wenn man unbedingt will, dass die Verschwörungstheorie stimmt, wenn man in das investiert hat, vielleicht einen Blog darüber hat und youtube-Videos produziert hat und einfach so sehr fasziniert ist von dem Gedanken, dass die Regierung hinter den Kulissen die Fäden zieht, dann kann es geschehen, dass man einen solchen Denkfehler macht. 

Die zweite Variante des Arguments der Ignoranz ist, dass man sagt, etwas könne ja stimmen, weil nicht bewiesen ist, dass es nicht stimmt. Das ist aber bedeutungslos. Wenn ich behaupte, ich hätte einen unsichtbaren Drachen in meinem Keller, würdet ihr mir glauben? Nicht, oder? Warum nicht? Weil ich keine Beweise geliefert habe. Es wird nicht wahrscheinlicher, nur weil nicht bewiesen ist, dass ich keinen solchen Drachen habe. Ich bin ja derjenige, der etwas behauptet, der etwas zum Universum hinzufügt. Das heisst, die Beweislast liegt bei mir, ich muss Beweise für meine Behauptung vorlegen, sonst habe ich nicht mehr als eine Behauptung. Kann ich das nicht, so sind diejenigen gerechtfertigt, die nicht von meiner Behauptung überzeugt sind. Sie behaupten nichts und fügen nichts zum Universum hinzu und müssen deshalb auch nichts beweisen. 

Habt ihr schon mal jemanden erzählen hören, er sei von Ausserirdischen entführt worden? Das gibt's wirklich und ist echt krass. Das sind Augenzeugenberichte aus erster Hand mit teils erstaunlichen Details. Aber glauben wir diesen Leuten? Nein, aber warum nicht? Hat jemand von uns bewiesen, dass die Geschichten nicht stimmen? Nein, aber es fehlen die Beweise. Vielleicht lügen diese Leute nicht einmal, vielleicht haben sie sich nur von ihren Sinnen täuschen lassen. Oder vielleicht stimmen die Geschichten - aber der Moment, ab dem man davon ausgehen sollte, ist der, ab dem Beweise vorliegen, die diese Geschichten von blossem Gerede unterscheiden. Es hat niemand gesagt, die Geschichten seien falsch, aber es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass sie wahr sind. 

Dann gibt es etwa noch das Argument der Tradition, bei dem man sagt, etwas sei richtig, weil es schon alt ist und immer schon so gemacht oder geglaubt wurde. Das ist auch wieder so etwas, bei dem man eigentlich klar hindurchsieht, vor allem, wenn es jemand anderes benutzt. Und doch kann es passieren, dass man sich selbst dabei ertappt, dass man etwas, das einem am Herz liegt, damit verteidigt. 

Dann kommen wir zu einem sehr wichtigen und verbreiteten logischen Fehlschluss, der den mühsamen lateinischen Namen "Cum hoc, ergo propter hoc" trägt. Auf Deutsch nennt man ihn "Korrelation ist Kausalität". Hierbei sagt man: "Ereignis A ist vor Ereignis B passiert. Folglich ist Ereignis A der Auslöser von Ereignis B" - ohne, dass die Verbindung bewiesen ist. Das ist wie bei diesem Witz, bei dem der eine sagt: "Mit diesem Kaffee stimmt was nicht; immer, wenn ich einen Schluck nehme, tut mir das linke Auge weh." Sagt der andere: "Nimm doch einfach den Löffel aus der Tasse, du Depp." Der Kaffee war also nicht das Problem. Nur, weil es dieser Person einmal weh tat, als sie Kaffee trank, war noch nicht erwiesen, dass der Kaffee am Schmerz schuld war. 


Dieser Fehlschluss ist der Grund für sehr viel Aberglauben. Leute, die meinen, etwas bringe ihnen Unglück oder Glück; schwarze Katzen, mit dem falschen Fuss aufstehen, Holz berühren, Glücksbringer zur Prüfung mitnehmen - oder wie im Mittelalter, als man Frauen der Hexerei beschuldigte, weil sie mit jemandem Streit hatten und dann etwa später dessen Ernte verhagelt wurde oder so. Man bringt einfach zwei Dinge miteinander in Verbindung, ohne dass die Verbindung erwiesen ist. 


Der amerikanische Psychologe B. F. Skinner machte hierzu vor etwa 60-70 Jahren einen sehr spannenden Versuch mit Tauben. Er setzte die Vögel in einen Käfig und installierte in dem Käfig einen Automaten, der Körner ausspuckte, wenn die Vögel mit dem Schnabel einen bestimmten Code in ein Fenster einpickten. Die Vögel lernten das und wendeten es an. Dann programmierte Skinner der Automaten so um, dass er die Körner zufällig irgendwann ausspuckte. Jetzt hätten sich die Tauben einfach zurücklehnen und abwarten können. Das taten sie aber nicht. Der Forscher beobachtete, wie die Vögel abergläubisch wurden: Wenn etwa eine Taube gerade über die linke Schulter kuckte und der Automat gerade dann ein Körnchen ausspuckte, dann versuchte die Taube das immer und immer wieder, weil sie glaubte, es hätte ihr das Körnchen eingebracht. Da kam auch wieder der Bestätigungsfehler ins Spiel: Sie probierte vielleicht fünf Mal, über die linke Schulter zu kucken, und zufällig kam beim fünften Mal wieder ein Körnchen raus, was die Taube in ihrem Aberglauben bestärkte, weil sie das Erfolgserlebnis dankend annahm und die Fehlversuche ignorierte.

Dann noch der letzte Fehlschluss, und das ist der Zirkelschluss. Das ist, wenn man das, was man beweisen will, bereits im Argument selbst voraussetzt. Um das Voraussetzen zu erklären, gibt es eine coole kleine Geschichte:

Es war einmal ein Mann, der davon überzeugt war, dass er tot sei. Niemandem gelang es, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Eines Tages sass dieser Mann so beim Psychologen, und der fragte ihn: "Bluten Tote eigentlich?". Der Mann überlegte kurz und sagte dann: "Nein, Tote bluten nicht." Darauf nahm der Psychologe eine kleine Spritze aus einer Schublade und piekste den Mann sanft in den Arm, worauf sich ein Blutstropfen bildete, der dann den Arm des Mannes hinablief. Der Mann schaute überrascht und sagte: "Das hätte ich jetzt nicht gedacht... Tote bluten ja doch!". 

So ist das, wenn man etwas einfach immer voraussetzt. Beim Zirkelschluss ist es nun so, dass man das, was das Argument belegen soll, schon im Argument selbst voraussetzt. Wenn etwa ein Muslim sagen würde: "Der Koran ist wahr, weil Allah das sagt", und "Was Allah sagt, ist wahr, weil das im Koran steht." Oder wenn ein Wissenschaftler sagen würde: "Wir wissen, wie alt diese Fossile sind, weil wir sie in dieser Gesteinsschicht hier gefunden haben" und "Wir wissen, wie alt diese Gesteinsschicht ist, weil wir diese Fossile hier darin gefunden haben". Das tun Wissenschaftler aber zum Glück nicht, zumindest die meisten, so weit ich weiss. Man geht also beim Zirkelschluss einfach einmal im Kreis herum und beweist gar nichts. 

FAZIT
Das sind also solche möglichen Fallen, die uns immer wieder begegnen, wenn wir über unsere Zweifel nachdenken und nach der Wahrheit forschen. Wenn wir uns diese Fallen bewusst machen, sie erkennen und Argumente darauf untersuchen, dann nennt man das "kritisches Denken". Ich denke, das ist eine sehr gute Sache: Es hilft uns dabei, schlechtere Argumente auszusortieren und die guten Argumente für unsere Ansichten zu bestimmen und so letztlich sicherzustellen, dass unser Denken möglichst im Einklang mit der Realität ist und wir glaubwürdige Ansichten haben.

Wie mehrfach erwähnt passiert es schnell einmal, dass wir bei eigenen Ansichten logische Fehlschlüsse verwenden. Wir bemerken Fehschlüsse vor allem, wenn sie jemand anderes, mit dem wir nicht einverstanden sind, verwendet. Wir sehen glasklar durch fehlerhafte Argumente, wenn sie etwa von Moslems oder Hindus vorgebracht werden. Und über diese Sache wollen wir jetzt miteinander reden.

Wie gehe ich mit Zweifeln um? Bin ich anfällig für den Bestätigungsfehler? Versuche ich grundsätzlich, zusammen mit Menschen, die gleicher Meinung sind, zu einer bestimmten Schlussfolgerung zu finden, oder forsche isch neutral und suche nach der bestmöglichen Antwort und nicht nach der Tröstlichsten? Zum Vergleich: Wenn ich eine Matheaufgabe gelöst habe und Zweifel an meiner Lösung aufkommen, lasse ich dann das Ergebnis einfach stehen und versuche, auf Biegen und Brechen den Lösungsweg anzupassen, oder suche ich einfach nach dem logischsten Resultat, auch wenn ich dafür alles wegradieren muss? Was würde ich einem Andersgläubigen raten, der zweifelt - dasselbe, das ich tue? 

Wie argumentiere ich für meinen Glauben? Ich glaube, man redet unter Christen eher viel darüber, was man glaubt und weniger darüber, warum man es glaubt, aber das ist bei einer Sache, die doch immer wieder grosse Auswirkungen auf das Leben hat, schon eine gute Idee. Es steht auch in der Bibel, im ersten Petrusbrief, Kapitel 3, man solle „allezeit bereit sein, Rechenschaft abzulegen“. Was sind meine Argumente, welche sind gut, welche enthalten vielleicht so einen logischen Fehlschluss? Wie würde ich reagieren, wenn ein Andersgläubiger, zum Beispiel ein Moslem oder ein Hindu, diese Argumente für seinen Glauben ins Feld führen würde? Würde ich ihn ernst nehmen? 

Vielleicht auch spannend: Ist Glaube eine Entscheidungssache? Kann man sich allein durch Willenskraft von etwas überzeugen oder geht das nur durch Gründe? Das wären meine Themenvorschläge für eure Gruppendiskussionen. Setzt euch doch mal so in 3er- oder 4er-Gruppen zusammen und redet mal während 10-15 Minuten über diese Dinge: Wie gehe ich mit Zweifeln um, wie argumentiere ich für meinen Glauben, was sind bessere, was schlechtere Argumente und würde ich einen Moslem oder Hindu ernst nehmen, der so argumentiert, und ist Glaube eine Entscheidung? Sucht euch einfach was raus, wozu euch was einfällt, da seid ihr ganz frei. Dann los!


Die jungen Leute hörten sehr aufmerksam zu, machten mit und schienen interessiert, und ich durfte mich immer wieder über ein Lächeln auf den Gesichtern freuen, wenn jemand etwas begriff und/oder jemandem etwas Freude bereitete. Nach meinem Vortrag ging's also in die Kleingruppenzeit, ein für die Jungschar sehr typisches Format. Ich ging von Gruppe zu Gruppe und hörte mir an, was da so gesagt wurde. Da waren spannende, ehrliche Sachen, die ich als Atheist positiv fand: "Man kann nicht beweisen, dass es Gott nicht gibt... Aber ja, stimmt, das ist kein Argument für Gott..." "Ich kann Leute gut verstehen, die nicht glauben. Was wir sagen, klingt nicht logisch." "Ich glaube, manche Zweifel werde ich wahrscheinlich nie loswerden." "Wenn ich ehrlich bin, versuche ich eigentlich meistens, die Zweifel einfach zu ignorieren..." "Also diese Schöpfungsgeschichte, da muss ich schon sagen, die ist eigentlich reichlich unlogisch..."

Wie erwartet wurden aber auch munter die eben gezeigten logischen Fehlschlüsse verwendet und man redete von Gefühlen und Geschichten: "Es ist halt eine Gefühlssache, keine logische Sache. Ich verstehe, dass manche das logisch begreifen wollen, aber das geht halt nicht..." "Allein schon, dass es so viele Religionen gibt, ist für mich ein starker Beweis." "Es kann doch nicht alles aus Zufall entstanden sein!" "Es gab mal einen Muslim, der wollte die Bibel umschreiben, um sie zu verfälschen, und der kam dabei zum Glauben." "Man muss halt von Gott berührt worden sein..." "Die Wissenschaft weiss ja auch nicht alles und glaubt ja auch nur..."

Ich stand daneben und hörte gespannt zu, ohne dazwischen zu reden (obwohl ich natürlich viel zu sagen gehabt hätte... Ich wollte meine Sympathien nicht verspielen). Die Gespräche liefen so gut, dass ich die vorgegebene Zeit überschreiten liess, wodurch am Ende bei der Frage- Antwort-Session, vor der ich mich als Atheist und Religionskritiker outete, nur noch Zeit für 2 Fragen war. Die erste Frage war: "Wie kam es dazu, dass du Atheist wurdest?", worauf ich eine sehr kompakte Version meiner Geschichte darlegte und auf meinen entsprechenden Blogeintrag verwies. Die zweite Frage lautete in etwa: "Wir haben in der Gruppe vom Glauben als etwas gesprochen, das eben mehr Gefühls- als Logiksache ist, etwas, das man halt per Definition nicht beweisen kann. Was würdest du als Atheist dazu sagen?". Ich antwortete etwa wie folgt: "Nun, ich habe einfach ein Problem mit dem Konzept des Glaubens. Egal, ob man Gott, Allah, Vishnu, Krishna und wie sie alle heissen anbetet, die Gefühle, die man dabei empfindet, sind sich sehr ähnlich. Und wenn man in so einem Gottesdienst ist und solche Gefühle hat und sich fragt, woher man denn nun wissen solle, dass ein Gott hinter diesen Empfindungen steht, dann kommt der Glaube ins Spiel. Wie in Hebräer 11 beschrieben ist er einfach ein blindes Akzeptieren, ein blinder Sprung zu einer Annahme, dass hinter diesen Gefühlen ein Gott steht, und wie diese Annahme ausfällt, ist sehr geographisch und durch die Erziehung bedingt. Glauben kann man alles, und deshalb ist der Glaube aus meiner Sicht nutzlos. Ich kann auch an Einhörner glauben, und deswegen ist Glaube für mich kein gutes Mittel, um Wahrheit zu finden. Ich möchte mein Leben nicht von etwas bestimmen lassen, das nicht nachweislich ein Teil der Realität ist."

Nach einem Gebet, einem Dankeschön und einem Applaus war der Vortrag dann um. Der Leiter, mein Bekannter, wies noch darauf hin, dass er meine Kontaktdaten gerne jedem gebe, der mir im Nachhinein noch ein paar Fragen stellen wolle, was ich natürlich sehr begrüsste. Mehrere der jungen Leute kamen dann noch zu mir, bedankten sich und sagten, sie hätten meine kritische, aber nicht aggressive Art als sehr lobenswert empfunden, was mich sehr freute. "Ich hab mich da drin ein paar Mal wiedererkannt", meinte einer.

Abschliessend hatte ich noch ein sehr gutes Gespräch mit meinem Bekannten, der die ganze Sache mit der Bibel sehr locker sieht und mir in Sachen Unmenschlichkeit und Unlogik der Bibel weitgehend zustimmte. "Vielen Dank nochmal! Es ist gut angekommen, und ich denke, es hat sie definitiv zum Denken angeregt!", sagte er zum Schluss.

Mein Fazit zum Abend fällt ziemlich positiv aus. Der worst case, also "keiner hört zu und es fallen abwertende Bemerkungen", trat nicht ein. Die jungen Leute wirkten sehr aufgeschlossen und interessiert, und auch wenn sie wie erwartet ihre logischen Fehlschlüsse oft noch nicht durchschauen konnten und weiterhin dem Irrglauben verfallen waren, man könne aus Gefühlen ohne Logik auf einen Gott geschweige denn den Gott der Bibel schliessen, so glaube ich dennoch, dass ich im einen oder anderen sicher einen Samen des kritischen Denkens pflanzen konnte, der mit der Zeit positiv wachsen könnte. So war es auch bei mir: Wir hatten einst, als ich noch Christ war, einen Diskussionsabend zum Thema Schöpfung vs. Evolution in der Kirche, von dem bei mir eigentlich nur ein einziger Satz hängen blieb: "Ich finde es fragwürdig, wenn man einfach mit einem Buch vor der Nase durch die Welt geht und alles rechts und links davon ignoriert." Dieser einzelne Satz allein entfaltete über Monate eine starke Wirkung. Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch die eine oder andere Erfahrung dieser Art machen darf, bei der ich Menschen dabei helfen kann, ihr Denken zu verbessern. Danke und alles Gute, liebe JungschärlerInnen! =)

-Ihr Scrutator

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Das klingt wie ein gelungener Abend! Sehr schön zu lesen!