Sonntag, 2. Oktober 2016

44: Atheismus, die Zerstörung der Hoffnung..?

Am 26. September liess sich der unter Christen nicht unbekannte Theologe, Buchautor, Referent und Liedermacher Johannes Hartl, von dem ich einst als Christ ein rückständiges Büchlein über die Rollenverteilung in der Beziehung las, zu folgendem Facebook-Posting hinreissen:

"Ist mir echt schleierhaft wie Atheisten sich selbst als die erleuchtete Intelligenzia stilisieren, zu der jeder unweigerlich finden müsse, der nur ein wenig nachdenkt. Zumindest der am weitest verbreitete Atheismus (Glaube, dass nur das wahr sein könne, was sich naturwissenschaftlich beweisen lässt) kann auf die wichtigsten Fragen des Menschen keine Antwort geben. Er lehnt die Antworten des Glaubens mit der Begründung ab, sie seien nicht naturwissenschaftlich. Das ist etwa genauso wie der Satz: "es gibt nur Fische, die grösser als 2cm sind, denn ich habe in meinem Netz noch niemals einen kleineren gefunden." Auf die Idee, die Maschenbreite des Netzes zu hinterfragen, kommt dieser Fischer nicht, denn für metaphysische (oder metafischische) Grübeleien hat ein handfester Fischer ja keine Zeit. Ja ne, schon klar.

Wozu und warum der Mensch ist, ob es Sinn im Leben gibt, eine Hoffnung über Tod und Leid hinaus, warum es das Böse und warum es den Geist gibt, wie man leben solle und warum das Universum so ist, wie es ist: auf all das kann der Atheismus keine Antwort geben, er kann nur die Hoffnung darauf madig reden, dass es etwas jenseits des beschränkten Horizonts des physikalisch Messbaren gibt. Keine Antworten, dafür Hoffnungslosigkeit vor Leiden und Tod. Klasse!


Nein, wer tief nachdenkt und hinterfragt, wird nicht automatisch zum Atheisten..."

Als einer, der sich mit Atheismus auskennt und leidenschaftlich gern darüber schreibt, möchte ich diesen hochinteressanten, symptomatischen, uninformierten und unehrlichen Diskursbeitrag nun kommentieren.

"Antwort hab ich auch keine"
Moment mal... "auch keine"? Geht ja schon mal gut los: Das impliziert, dass Hartl der Ansicht sei, dass das Christentum keine Antworten hat! Woher denn die plötzliche Bescheidenheit? Was ist mit der unter Christen allgegenwärtigen Praxis passiert, sich möglichst fest einzureden, im Besitz ewiger Wahrheiten zu sein und in der Bibel alle Antworten gefunden zu haben? Was ist mit symptomatischen Liedern wie "Ich weiss, dass mein Erlöser lebt?" von Lothar Kosse, das in Kirchen enorm beliebt ist? Will er das leugnen? Wären Christen tatsächlich der Ansicht, dass sie auf die Frage nach Gottes Existenz und die Fragen des Lebens keine Antworten haben, wären sie keine Christen. Hartls Bescheidenheit ist gespielt und entspricht nicht der Realität.

"...aber deine Hoffnung will ich dir wenigstens kleinreden."
Hartl beschreibt seinen Glauben als Hoffnung. Das ist unehrlich. Herr Hartl: Sie hoffen nicht einfach, dass die Bibel wahr ist, Sie sind überzeugt davon. Eine Hoffnung ist ein sehr vager Wunsch mit starkem Bewusstsein der Möglichkeit, falsch zu liegen. Das ist der Glaube nicht. In Hebräer 11,1 steht's: Es handelt sich dabei um eine feste Überzeugung davon, dass etwas Unsichtbares existiert, und für wahr gehaltenes Wunschdenken. Den Glauben als blosse Hoffnung darzustellen, ist eine unehrliche Verharmlosung.

"Der Atheismus kann auf die wichtigsten Fragen des Menschen keine Antwort geben..."
Jetzt bin ich etwas perplex. Hartl sagte doch auf dem Bild, das Christentum habe auch keine Antworten..? Und dann will er das dem Atheismus ankreiden? Das verstehe, wer will. Wie dem auch sei: Herr Hartls Argumentation schiesst völlig am Ziel vorbei. Wir sprechen hier über die Fakten der Realität, und das einzige, was in so einer Diskussion zählt, ist, wie glaubwürdig eine These ist. Wie angenehm sie ist, ist in diesem Zusammenhang in keinster Weise von Bedeutung. Wenn es auf manche Fragen keine Antworten gibt, dann ist das eben so. Wenn es für Hartl keine Rolle spielt, ob seine Ansichten wahr sind oder nicht, dann will ich auch nichts gesagt haben. Ist ihm das aber nicht egal, dann sollte er aufhören, sich einzureden, die Ansicht, die ihm besser gefällt, sei deshalb die Glaubwürdigere. Ich nehme nicht an, dass er seiner Wetter-App auf dem Smartphone nur dann Glauben schenkt, wenn sie ihm Sonnenschein voraussagt. Und wenn ihm die App keine Daten liefert, sollte er die Grösse besitzen, dies zu akzeptieren, statt sich irgendwelchen haltlosen Mutmassungen hinzugeben.

"Er lehnt die Antworten des Glaubens mit der Begründung ab, sie seien nicht naturwissenschaftlich."
Hartl bezeichnet den Atheismus als die Haltung, dass nur das wahr sei, was sich wissenschaftlich beweisen lässt. Sie irren, Herr Hartl. Die Situation ist die Folgende: Wir haben es hier mit einer übernatürlichen Existenzbehauptung zu tun. Die Standardhaltung ist zunächst einmal, von einer Behauptung nicht überzeugt zu sein (nicht, sie für falsch zu halten). Und diese Haltung bleibt die logisch Vernünftigste, solange die behauptende Seite ihrer Beweislast nicht gerecht geworden ist. Es heisst nicht Glaube vs. Glaube, sondern rationale Skepsis vs. blinde Annahme. Eine Behauptung ohne Beweise ist nichts weiter als eine Behauptung. Hartl kann den ganzen Tag lang behaupten, dass es diese von ihm beschriebenen "kleineren Fische" gebe - solange nichts darauf hindeutet, bleibt das eine haltlose Behauptung, Geschwätz, das mit der Realität nichts zu tun hat. Es hat keiner gesagt, dass solche Fische unter keinen Umständen existierten, aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Möglichen und dem Wahrscheinlichen. Nur Letzteres hat eine Relevanz für das Leben in der Wirklichkeit. "Einfach glauben" heisst: "Ich glaube das, egal, ob es stimmt oder nicht". Und zudem sollten wir nicht vergessen, dass Hartls Gott mit "kleinen Fischen" nicht passend beschrieben ist. Hartl postuliert keine kleinen Fische, sondern unerfassbare Geisterfische, von denen er in ein paar Schriftrollen aus der Wüste gelesen hat.

"Er kann nur die Hoffnung darauf madig reden, dass es etwas jenseits des beschränkten Horizonts des physikalisch Messbaren gibt..."

Wer hat das getan? Ich jedenfalls nicht. Wir sagen nur: Hört mit der Traumtänzerei auf, solange nichts darauf hindeutet, dass euer Glaube begründet ist. Beschäftigt euch mit dem, was erwiesenermassen Teil der Realität ist. Wenn euer Glaube in diese Kategorie reinkommt, können wir auch über den reden. Aber bis dahin kann er für realitätsbezogene Menschen keine Relevanz haben. Das ist unsere Message. Wir wollen nicht eure Hoffnung vernichten, sondern euch aus euren Luftschlössern raus und auf den Boden der Tatsachen zurückholen, weil ihr da am besten in der Lage seid, realistische Entscheidungen zu treffen. Und nur mal so nebenbei: Wenn ich Verse wie Matthäus 7, 21 lese, denke ich mir, dass diese Hoffnung eigentlich mit einer riesigen Panik einher gehen müsste...

"Keine Antworten, dafür Hoffnungslosigkeit vor Leiden und Tod. Klasse!" 
Was waren nochmal die beiden Haupttriebkräfte der Religion? Genau: Ignoranz und Angst. Beides zeigt sich bei Hartl. Um mit Neil deGrasse Tyson zu sprechen: "Das Universum hat nicht die Pflicht, einen Sinn zu ergeben." Es gibt keine Garantie dafür, dass es Antworten auf alles gibt, auch wenn Hartl das noch so gern hätte! "Einfach glauben", sprich, sich die Wahrheit von Behauptungen einzureden, deren Wahrheitsgehalt man nicht kennt, ist keine realitätstaugliche Strategie. Und Atheisten sind nicht unglücklich. Man muss hinterm Mond leben, um sowas zu glauben. Die Welt hat ihre schönen Seiten, ob man nun einen magischen hebräischen Diktator dahinter vermutet oder nicht.

"Nein, wer tief nachdenkt und hinterfragt, wird nicht automatisch zum Atheisten..."
Da hat er leider Recht. Jeder hat Gründe für seinen Glauben, und Nachdenken und Hinterfragen können diese miesen Gründe nicht immer entlarven. Oft braucht es Informationen und Input von aussen, gezielte Aufklärung, die die logischen Fehlschlüsse entwirrt. Wer aber absolut konsequent, ausreichend informiert und intellektuell redlich nachdenkt, der muss den Theismus hinter sich lassen.

Herr Hartl gesteht in seinem Post ein, dass er die Antwort auf die Frage nach Gottes Existenz genauso wenig kenne wie jeder andere. Aus irgendwelchen Gründen - seinem Post nach zu urteilen hauptsächlich aus Angst - macht er sich aber vor, dass er die Antwort kenne. Ein Theist muss das. Ein Atheist muss das nicht. Und jetzt soll mir mal einer verraten, warum das nicht vernünftiger sein soll.

-Ihr Scrutator

Kommentare:

Elisabeth Eder hat gesagt…

Ich kenne aber da ein paar Antworten auf das "Wozu und Warum".
Auch warum es gut und böse gibt.
Der Mensch ist. Die Katze ist auch. Nur die Katze fragt sich nicht, warum sie ist. Sie ist einfach. Sie frisst, sie schläft, sie pflanzt sich fort (wenn Mensch sie lässt) und sie hat auch Emotion, sonst würde sie als Hauskatze keine Nähe suchen. Sie weiß wenn sie stirbt und hat keine Angst davor.

Gut und böse gibt es, weil jemand sich das so ausgedacht hat. Und nicht alles was die Gesellschaft gut findet, ist gut, nicht alles was verboten ist, ist schlecht.

Der Sinn des Lebens ist es sich fortzupflanzen (biologisch) und einfach zu leben (seelisch. Und der eine lebt mehr und pflanzt sich nicht fort. Der andere lebt nur für seine Kinder.

Ich weiß, wie es ist, wenn man Depressionen hat und nach den Sinn zu suchen anfängt. Depression treiben in Religion und/oder Verschwörungstheorien, dabei ist es nur eine Krankheit. Ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn.

Depressionen überwinden heißt nicht den Glauben finden, sondern ihn endlich abzulegen. Endlich nicht mehr zu versuchen, anderer Leute (Kirche, Familie, Arbeit) zu erfüllen. Sondern einfach leben und die eigene Mitte zu finden.

Also ja. Wenn man aufhört, auf andere zu hören. Dann wird man auch zwangsläufig Atheist, weil man aufhört Antworten auf Fragen zu suchen, die man gar nicht stellen müsste.

Danke auch für deinen Post.

skydaddy hat gesagt…

Zum Vergleich mit dem Fischernetz:

Die Wissenschaft hat dieses Netz in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten immer feinmaschiger gewoben.

Hartl gleicht jemandem, der schon vor 200 Jahren behauptet hat, dass da noch kleinere Fische seien. Seitdem wurden die Netze feinmaschiger und feinmaschiger, und nie wurde ein kleinerer Fisch darin gefangen als die Fische, die man schon vor 200 Jahren kannte.

Und Hartl ruft immer weiter: "Da sind noch kleinere Fische! Euer Netz ist bloß nicht feinmaschig genug!"