Freitag, 28. Oktober 2016

47: Die Bibel als "vorausleuchtende Taschenlampe"..?

In diesem Post will ich wieder eine Predigt kommentieren, und zwar eine, die einen sehr spannenden Ansatz zur Erklärung der gelinde gesagt dürftigen Machart der Bibel liefert. Die Predigt wurde am 23.10. in der Vineyard-Gemeinde Basel von Prediger Martin Benz gehalten und wurde mir als Video von einem Bekannten zugeschickt, der meine Meinung dazu hören wollte. Ich sah mir den Vortrag an, und meine Meinung dazu wurde länger und länger, bis ich beschloss: Das gibt so viel her und ist so relevant, da mach' ich einen Blogpost draus. Hier können Sie sich die Predigt anschauen, um die es in meinem Text gehen wird:


Benzs These lautet kurz und knapp: Gott habe den Menschen zur damaligen Zeit die volle Wahrheit nicht zumuten können. Es sei unmöglich gewesen, den Menschen in der Bronzezeit Nächstenliebe, Gleichberechtigung, Menschenwürde und akkurates Weltwissen zu vermitteln. Deshalb enthalte die Bibel nur "Spuren", Hinweise, die darauf hindeuten, wie es eigentlich sein sollte, damit wir das dann später herausfinden würden, als die Zeit reif war.

Diese These bringt so einige Probleme mit sich, was ich im Folgenden ausführen werde.

1. Problem: Klänge, die umfallende Bäume unbekannter Art in unbekannten Gegenden machen, wenn niemand dabei ist
Dies ist das Grundproblem aller Theologie. Die Predigt von Herrn Benz basiert auf zahlreichen Voraussetzungen, zu deren Annahme die Anzahl Gründe 0 beträgt. Benz nimmt unter anderem einfach mal an...

...dass ein Gott existiert
...dass dieser Gott derjenige ist, über den die Bibel spricht
...dass die Bibel das Wort dieses Gottes ist
...dass die Menschen in der Bronzezeit es nicht verstanden hätten, wenn man ihnen erklärt hätte, dass die Erde rund ist und sich um die Sonne dreht

Da nichts davon mit Belegen untermauert ist, bastelt Benz hier, wie praktisch jeder Prediger, ein vages Luftschloss auf Basis von Mutmassungen, denen jegliche Verankerung in der Realität fehlt. Es muss immer wieder betont werden: Viel Bibelkritik, die Kritiker wie ich betreiben, geschieht unter der zweckorientierten, hypothetischen Akzeptanz solcher Voraussetzungen, um die Absurditäten aufzuzeigen, die zustandekämen, wenn diese Voraussetzungen Tatsache wären. Das werde ich auch dieses Mal wieder im weiteren Verlauf dieses Kommentars tun.

2. Problem: Der Spätentwickler Mensch wurde von Gott selbst designt
Glaubt man der Bibel, so ist Gott der Schöpfer des Menschen. Folglich ist er auch dafür verantwortlich, was der Mensch zu welchem Zeitpunkt "verkraften" kann und was nicht und wie schnell er sich entwickelt. Gott hätte sich in diesem Fall das Problem also selbst geschaffen und wäre direkt dafür verantwortlich, dass der primitive Mensch so lange in Barbarei und Ignoranz leben musste, denn er hatte ihm nicht die Fähigkeit verliehen, seine Botschaft bereits zu verstehen. Sobald man voraussetzt, dass Gott zu irgendetwas gezwungen sein soll, sollten die Alarmglocken läuten: Der Bibelgott ist ja angeblich allmächtig. Dass die Mängel seiner eigenen Geschöpfe für ihn ein unüberwindbares Problem darstellen, ist deswegen völlig undenkbar. Benz aber impliziert genau das und spricht Gott so - ohne dies zu realisieren - die Allmacht kurzerhand ab und "entgöttert" ihn, um ihn entschulden zu können (ein häufiges Phänomen in der christlichen Apologetik).

3. Problem: Gottes Art der Kommunikation ist extrem mangelhaft
Geht man davon aus, dass Gott tatsächlich das Ziel hatte, durch sein Buch den Menschen Humanismus beizubringen, so muss man feststellen, dass er katastrophal versagt hat. Ein allmächtiger Gott könnte nicht nur die Aufnahmefähigkeit seiner Kreaturen, sondern auch die Verständlichkeit seiner Botschaft frei festlegen; kommt es zu Missverständnissen, ist folglich er allein schuld daran. Und die Missverständnisse häufen sich in schwindelerregendem Ausmass: Nicht nur haben zahllose Menschen nicht gemerkt, dass die Bibel das wahrhaftige Wort Gottes ist, sondern es hat während der gesamten Geschichte des Christentums bis auf den heutigen Tag zahllose Christen gegeben, die Gott trotz dieser angeblichen "humanistischen Spuren" in seinem Buch ganz und gar nicht als Humanisten begriffen. Und das sollte nun wirklich niemanden überraschen, der die Bibel kennt. 

Das mosaische Gesetz ist so barbarisch, dass einem schlecht werden kann. Benzs Behauptung ist, dass Gott zwar Menschenrechte im Sinne hatte, es aber einfach nicht hinkriegte, die seinen Menschen damals beizubringen, und deshalb ordnete er stattdessen Diskriminierung, Steinigungen und Völkermorde an, um die Leute nicht zu überfordern. Benzs Gott ist ganz offensichtlich nicht allmächtig, er kann die Gepflogenheiten der damaligen Zeit nicht durchbrechen. Und was tut er dann? Er benutzt seine göttliche Autorität, um verpflichtend vorzuschreiben, was damals an rückständigen Grausamkeiten verbreitet war (!). Benz verurteilt in seiner Predigt "Auge um Auge" zuerst richtigerweise, lässt sich dann aber zu der unmoralischen Aussage hinreissen, Gott habe mit diesem Gesetz etwas Gutes getan, weil es sich ein klein wenig gegen allzu übertriebene Gewalt in gewissen Fällen aussprach. Warum konnte Gott noch nicht einmal primitive Rache verurteilen? Weil sich manche nicht daran gehalten hätten? Die 10 Gebote und die Gebote Jesu kann keiner komplett einhalten, dann hätte er sich die ja nach dieser Logik auch sparen können. Und nur weil keiner für das moralisch richtige Gebot bereit ist, wofür Gott wie bereits erklärt als Schöpfer selbst verantwortlich wäre, ist es noch lange nicht akzeptabel, Blutjustiz, Mord und Totschlag verbindlich anzuordnen! Benzs Gott ist unfähig und/oder bösartig, so viel steht fest.

Aus Benzs Eingeständnis, dass die Bibel für den Kontext der jeweiligen Zeit geschrieben wurde, folgt, dass sie für künftige Generationen zwangsläufig ewiggestrig sein muss. Benz sagt nicht die ganze Wahrheit, wenn er impliziert, Gott habe den Menschen damals die Fakten bloss "vorenthalten": Steckt er wirklich hinter der Bibel - worauf nichts hindeutet -, so belog er sie, wieder und wieder. Er sagte ihnen nicht nur die Wahrheit nicht, sondern fütterte sie mit Fehlinformationen. Wer bitte erzählt seinem Kind, dass die Erde flach sei, weil es die Wahrheit "noch nicht ganz erfassen" kann? Ja, vielleicht lügt man das Kind in seltenen Fällen an, wenn man es bis auf Weiteres vor unangenehmen Tatsachen schützen will - aber wenn man das Kind selbst designt hat, hätte man es ja einfach weniger zerbrechlich erschaffen können! Und wenn Gott die jeweiligen Fehlinformationen nur den damaligen Menschen zugedacht hatte, hätte er sie für die späteren Generationen wieder herausnehmen sollen! Er kann doch nicht all seine Lügen in der Endauflage seines Bestsellers belassen!

In der Bibel gibt es keine Gleichberechtigung, aber Sexismus, kein Verbot der Sklaverei, aber Weisungen zur Sklavenhaltung, keine Religionsfreiheit, aber Gebote zur Ausrottung Andersgläubiger und üble Verleumdungen selbiger. Die Menschenrechte stehen im Widerspruch zur Bibel und entstanden in der heutigen Form auf säkularer Basis. Wie Benz demonstriert, werden sie heute in die Bibel hineinprojiziert, obwohl sie dort ganz einfach nicht drinstehen. Aus "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde" kann man allein schon deswegen die heutigen Menschenrechte nicht ableiten, weil Gott nur eine haltlose Behauptung ist; man kann Rechte realer Wesen nicht auf Wesen gründen, an die man nur "glauben" kann. Aus "Hier ist weder Mann noch Frau" kann man kein gesellschaftstaugliches Gebot zur modernen Gleichstellung herauslesen: Zum einen steht direkt vor dem genannten Vers, dass diese angedeutete Gleichheit der Menschen den Glauben an Jesus voraussetze. Zum anderen findet Paulus an zahlreichen anderen Stellen klare Worte für die Stellung der Frau - ekelhaft, abwertend und diskriminierend. Wenn die Bibel uns Humanismus lehren soll, dann gehört der ganze rückständige Mist raus. Ist er aber ganz und gar nicht.

Jesus soll Nächstenliebe geboten haben, ja - aber das ist nicht die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Herr Benz liegt falsch, wenn er Maria Magdalena als Mitglied der Jünger bezeichnet; die zentralen Aufgaben blieben ausschliesslich Männern vorbehalten. Und der Christus soll wiederholt betont haben, dass das barbarische Gesetz Mose bis ans Ende der Welt gültig bleiben müsse (Matthäus 5, 17-20 / Lukas 16, 17). An anderen Stellen bricht er das Gesetz dann, und Paulus behauptet gar, er habe es ganz aufgehoben, während Paulus selbst noch mehr Sexismus in die Bibel einbringt und Sklaven dazu anhält, ihren Meistern gehorsam zu sein. Die Kommunikation der Bibel ist grauenhaft; es lässt sich angesichts der widersprüchlichen Aussagen nicht klar bestimmen, wie nun mit dem mosaischen Gesetz wirklich zu verfahren ist, und eine rückständige, barbarische Auslegung des Textes ist naheliegend - die Uneinigkeit der unzähligen Konfessionen und die Kirchengeschichte sprechen diesbezüglich Bände. Wenn Gott allwissend ist, so wusste er, was er mit seiner Kommunikationsstrategie anrichten würde, blieb aber dennoch dabei - das würde ihn zu einem Monster machen. Wenn Gott es nicht besser hätte hinbekommen können, ist er nicht allmächtig. Es läuft doch immer auf dieses ungelöste Dilemma hinaus...

Fazit
"Tatsächlich liegen wenige Dinge so offensichtlich auf der Hand, hat man erst einmal die (früh-) kindlich tief eingepflanzten Denkhemmungen überwunden, dass hier Menschen vor sehr langer Zeit (im Fall der Bibel vor 2000 bis 3000, im Fall des Korans vor 1300 bis 1400 Jahren) ihre eigene damalige psychische Verfassung mit Vorzügen, aber ganz besonders auch mit massivsten intellektuellen und ethisch-humanitären Defiziten in ihren Gott, ihre Götter und sonstige religiöse (Über-) Figuren projiziert haben."
-Franz Buggle in "Denn sie wissen nicht, was sie glauben"

Die Predigt von Benz versucht, innovativ Probleme zu lösen, bringt aber stattdessen einen Haufen weiterer Probleme mit sich. Unter dem Strich handelt es sich hier um einen weiteren fehlgeschlagenen Versuch, die rein menschengemachte Natur der Bibel wegzumutmassen. Zugegeben, der Ansatz ist spannend und nicht der Dümmste, und einen Humanistengott würde ich durchaus unterstützen, aber wie Kaldewey scheitert auch Benz mit seiner Apologetik an den Fakten und den Bedingungen, die der Bibelglaube mit sich bringt - und bis dahin müsste man strenggenommen ja gar nicht gehen, da den für die Predigt nötigen Voraussetzungen jeder Beleg fehlt. Ich gehe aber die Extrameile trotzdem, denn ich möchte den Gläubigen gerne da begegnen, wo sie stehen, und ihnen aufzeigen, was in ihrem Universum nicht zusammenpasst. Die Erkenntnis, wie unmoralisch und/oder unfähig dieser Gott sein müsste, wenn es ihn gäbe, ist sehr hilfreich, denn sie hemmt den mächtigen Einfluss des Wunschdenkens auf die Urteilsfähigkeit. Für Argumente gegen einen inkompetenten, bösartigen Tyrannen ist man nun mal offener als für Argumente gegen die Verkörperung alles Guten und Schönen, die alles im Griff hat. So, eine weitere Bibelverteidigung ist gescheitert - ich bin gespannt auf die nächste!

-Ihr Scrutator

1 Kommentar:

KlausS hat gesagt…

Auf den Einwand, dass Gott den damaligen Menschen dies und das nicht zumuten konnte, antworte ich gewöhnlich: Gott hat Abraham zugemutet, seinen eigenen Sohn zu opfern - da soll es zu viel sein, zu sagen: keine Sklaven?
Oder er hat Noah zugemutet, auf trockenem Land ein riesiges Schiff zu bauen - da soll es zu viel sein, zu sagen: keine zwei Frauen?

Nebenbei: Zur Zeit der antiken Ägypter konnten Frauen als Single leben, einen Beruf ausüben und Priesterinnen werden.