Freitag, 18. November 2016

50: Der "freie Wille" im Christentum

*Konfetti, Tröten* Nach etwas mehr als 10 Monaten ist mein fünfzigster Post da! Das ist eine ordentliche Rate - kein Wunder, bei all den Gedanken, die die Beschäftigung mit Bibel und Christentum bei mir ausgelöst hat. Und ein grosses Thema bringt meine Synapsen aktuell wieder sehr zum Glühen: Der "freie Wille".

Das Thema des freien Willens kommt im religiösen Diskurs immer wieder vor. Es wird dort genau betrachtet verstanden als die Vorstellung, dass Gott dem Menschen die Freiheit lasse, zu tun, was immer er will, und gilt als besonders löbliches Konzept, das etwa zur Rechtfertigung des Leides in der Welt und der Höllenstrafe angeführt wird. Im Lichte der christlichen Lehre ergeben sich bei diesem Themenkomplex so einige Schwierigkeiten und Absurditäten. Stürzen wir uns hinein.

Hat der Mensch einen freien Willen? 
Weist man auf das Leid in der Welt hin, so wird man von Christen schnell einmal darauf hingewiesen, dass dieses darin begründet sei, dass der Mensch sich anhand seines freien Willens für das Böse entscheide bzw. sich Adam und Eva damals dafür entschieden hätten, von Gott getrennt zu sein. Diese Aussagen taugen nicht als Entschuldigungen, da einerseits bei Weitem nicht alles Übel in der Welt auf die Entscheidungen von Menschen zurückzuführen ist und da es andererseits Gott in seiner Allmacht natürlich dennoch möglich wäre, Verbrechen gegen Unschuldige zu verhindern, wie es jeder verantwortungsvolle Vater tun würde. Und natürlich lässt sich die - höchst zweifelhafte - "Entscheidung" von Adam und Eva gegen Gott nicht als Entscheidung der gesamten Menschheit darstellen. Die Erbsünde ist eine unglaublich ungerechte, abscheuliche Lehre.

Doch hat der Mensch überhaupt einen freien Willen, um zu entscheiden, wie er handeln will? Dies wird unter Neurowissenschaftlern und Philosophen heiss diskutiert. Christopher Hitchens meinte augenzwinkernd, wir hätten einen freien Willen, "da wir keine andere Wahl haben", während Sam Harris in seinem Buch über den freien Willen schreibt, man könne zwar tun, wozu man sich entscheide, aber man könne nicht entscheiden, wozu man sich entscheiden werde. Michael Schmidt-Salomon schreibt:

"Wir aufrecht gehenden Affen glauben doch allen Ernstes, über den Naturgesetzen zu stehen und uns mit unserem 'freien Willen' für 'das Gute' oder ' das Böse', das Wahre oder das Falsche, das Schöne oder das Hässliche entscheiden zu können. In Wahrheit jedoch sind sämtliche Entscheidungen, die wir treffen, und auch sämtliche Entscheidungen, die wir besitzen, von Ursachen bestimmt. Fakt ist: Jeder von uns kann in jedem Moment seines Lebens nur genau so klug, attraktiv, liebevoll, gerecht etc. sein, wie er es aufgrund seiner jeweiligen Anlagen und Erfahrungen in exakt diesem Moment sein muss."
Michael Schmidt-Salomon in Keine Macht den Doofen!

Diese Sicht der Dinge ist sicherlich eine Überlegung wert. Betrachten wir die Welt so, so würden wir etwa Mörder nur noch einsperren, weil sie eine Gefahr für die Sicherheit sind, und nicht, um sie zu strafen, denn das hätten sie nicht verdient. Doch sogar unabhängig davon, ob Schmidt-Salomons Sicht auf die Dinge der Wahrheit entspricht, können wir darlegen, dass der "freie Wille", den die Christen als Idealvorstellung beschreiben, nicht vorhanden ist.

Eine Frage an Christen, die ihren gütigen, allmächtigen Gott verteidigen wollen, ist, warum Gott die Fähigkeit des Menschen, anderen Leid zuzufügen, nicht begrenzt. Viele Christen antworten: "Weil die Einschränkung des freien Willens unmoralisch wäre." Dieses Statement ist aus ethischer Sicht eine Katastrophe, da es uneingeschränkte Handlungsfreiheit, also eigentlich die Abschaffung der Moral, zum Gipfel der Moral, zum wichtigsten Menschenrecht erklärt. Christen, die solches sagen, plädieren implizit dafür, Polizei und Sicherheitsdienste abzuschaffen, da es sich dabei um die Handlungsfreiheit einschränkende und nach ihrem Verständnis folglich unmoralische Organe handelt.

Zudem ist der "freie Wille", wie ihn der Christ beschreibt, bereits eingeschränkt. Könnte ich alles tun, was ich tun wollen kann, so hätte ich Superkräfte - die habe ich aber nicht. Vielleicht möchte ich fliegen und Menschen mit der Kraft meiner Gedanken foltern und zur Explosion bringen, aber das kann ich nicht. Existiert Gott, so hat er dem Menschen von Christen als unmoralisch bezeichnete Grenzen bereits gesetzt. Und es ist nicht einzusehen, warum er diese Einschränkungen nicht noch verschärfen sollte.

Der Christ plädiert dafür, dass es einem Menschen nicht nur möglich sein muss, sich gegen das Gute zu entscheiden, sondern dass er auch in einem nicht gerade kleinen Umfang anderen Menschen Leid zufügen können muss. Das Erlauben und Zulassen unmoralischen Verhaltens wird zum Akt der Moral umdeklariert. Eine Lehrerin, die ein Mobbingopfer vor seinen gewaltbereiten Peinigern rettet, muss dem so argumentierenden Christen als unmoralisch gelten (dass es sich in Wahrheit nicht so verhält, zeigt, dass Christen oft gelernt haben, ihre Vernunft und Menschlichkeit anders anzuwenden, wenn es um den Glauben geht - gruselig). Und so nebenbei: Was ist mit dem freien Willen der Opfer? Warum setzt Gott nicht den freien Willen der Leute durch, die nicht leiden und sterben wollen? Die Ausübung des "freien Willens" ist den Machthabern, den Stärkeren vorbehalten.

Es gibt also den freien Willen im christlichen Sinne gar nicht, und darüber sollten wir froh sein, denn schon die Möglichkeiten, die wir jetzt haben, gehen zu weit. Und wenn es um Unmoral und freien Willen geht, ist ein weiteres Thema sehr zentral: Das jüngste Gericht.

"Du verdammst dich selbst"
Immer wieder, wenn ich mit Christen diskutierte und sie auf die Gräuel der Hölle hinwies, bekam ich zu hören, dass ich mich mit meinem Unglauben selbst für die Hölle entscheide; Gott könne überhaupt nichts dafür, wie ich mich entscheide. Diese Aussage ist komplett frei von Vernunft und Menschlichkeit und lässt uns in die tiefen Abgründe blicken, die sich in Menschen auftun, die tief genug im Glauben drinstecken. Zuerst muss erwähnt werden, dass so einige Bibelstellen dem Menschen die Entscheidungsmöglichkeit zur Erlösung absprechen (siehe Post #2). Die Aussage, Ungläubige verdammten sich selbst, gründet auf den Annahmen, dass Glaube eine Entscheidungssache sei und dass es völlig legitim sei, wenn Gott für den Entscheid des nicht-Überzeugtseins ewige Qualen als Strafe verhänge, da der Ungläubige ja über die Konsequenz seiner Entscheidung informiert gewesen sei.

Selbstverständlich ist es keine Entscheidungssache, von etwas überzeugt zu sein. Schon die Formulierung zeigt es an: Dinge überzeugen einen oder eben nicht, das kann man mit Willenskraft allein nicht ändern. Man kann sich nicht allein durch Willenskraft von Dingen überzeugen, etwa davon, dass man fliegen könne. Ohne einen Grund zur Annahme, dass man fliegen kann, wird niemand mit den Armen wedelnd vom Dach springen - man braucht Gründe. Die können hundsmiserabel sein, aber es braucht sie. Wer also nicht überzeugt ist, von dem kann man nicht verlangen, dass er sich einfach durch Willenskraft überzeugt, sondern man muss ihm Gründe liefern. Der Ungläubige ist nicht darüber informiert, dass sein Unglaube zu ewiger Folter führen wird, sondern es wird nur behauptet, dass dem so sei, und der Ungläubige sieht schlicht keinen Grund, diese Behauptung zu akzeptieren; sein nicht-Überzeugtsein hat mit seiner Willenskraft überhaupt nichts zu tun.

Zudem ist es geradezu zynisch, angesichts der Tatsache, dass Gott angeblich einzig zwischen ewiger Glückseligkeit und ewigen Qualen entscheiden lässt, von einer freien Entscheidung zu sprechen. Wenn es nur zwei Möglichkeiten gibt und eine Möglichkeit das Quälen des Entscheidenden beinhaltet, muss man von Erpressung sprechen. "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Markus 16, 16) - das ist nichts anderes als Erpressung. Einerseits ist diese Aussage unmoralisch, weil sie die Fähigkeit, zu glauben, die wie erwähnt nicht von unserem Willen abhängig ist, zum entscheidenden Faktor macht, andererseits würde sie, wenn man sich tatsächlich für den Glauben entscheiden könnte, die Leute zum Glauben zwingen. Wer sich gegen Gott entscheidet und deswegen in die Hölle geworfen wird, hat sich genausowenig selbst verdammt, wie jemand, der einem Räuber sein Geld nicht aushändigt und deswegen erschossen wird, Selbstmord begangen hat. Gott hat genausowenig das Recht, jemanden in die Hölle zu werfen, der sich gegen ihn entschieden hat, wie ein Räuber das Recht hat, jemanden zu erschiessen, der ihm nicht sein Geld ausgehändigt hat.

Die Krux mit den Plänen
Wie so oft gibt es auch beim Thema des freien Willens reichlich Bibelstellen, die dem widersprechen, was Christen lehren. Hier nur ein paar davon:

Psalm 139, 16: "Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war."

Jeremia 10, 23: "Ich weiß, HERR, daß des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt, und steht in niemands Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte."

Sprüche 16, 9: "Des Menschen Herz denkt sich einen Weg aus; aber der HERR lenkt seine Schritte."

Beziehen wir die oben zitierten Bibelstellen in die christliche Lehre mit ein, so ist der freie Wille nie ein Thema; der Mensch ist nichts weiter als eine Marionette Gottes (und eigentlich müssen wir sie als Christen beachten, denn wenn wir sie als in irgendeiner Weise ungültig/nicht göttlich bezeichnen, so müssten wir objektive, bibelunabhängige Gründe dafür nennen, anhand derer wir die Ungültigkeit dieser Bibelstellen ermittelt haben. Können wir das nicht, so versinkt unser Bibelverständnis komplett in reiner Willkür).

Denken wir aber einmal darüber nach, was wäre, wenn wir wie die meisten Christen diese Bibelstellen ausser Acht liessen. Dann gäbe es prinzipiell Raum für die Idealvorstellung von freiem Willen der meisten Christen; eine Welt, in der Gott den Menschen komplett seinen eigenen Entscheidungen überlässt. Nun haben wir aber noch mit einem Konzept zu kämpfen, das der Christ kaum leugnet und kaum leugnen kann: Demjenigen von Gottes Plan bzw. Plänen. Gott hat laut Bibel angeblich mit der Welt sowie mit einzelnen Menschen spezifische Dinge vor.

Gott muss alles verhindern, was seinen Plänen in die Quere kommen könnte, was so einiges an Problemen und Absurditäten produziert: Wenn ich als Christ Gott die Macht über mein Leben gebe und Gott will, dass ich in der Zukunft eine bestimmte Funktion erfülle, dann werde ich nicht verunglücken, denn es ist eine lächerliche Vorstellung, dass ein zufälliger Unfall Pläne eines allmächtigen Gottes vereiteln könnte. Wenn ich verunglücke, so muss also dies Gottes Plan für mich gewesen sein. Es ist folglich zwecklos und ein Zeichen von Misstrauen, wenn ich als Christ, der sich Gottes Plänen verschrieben hat, versuche, Unglücke zu vermeiden. Gott wäre eine Witzfigur, wenn seine Pläne von der Vorsicht von Menschen abhängig wären.

Der Christ glaubt an einen allmächtigen Gott mit Plänen, er glaubt also, dass nichts geschehen kann, das nicht in Gottes Plan für ihn passt, aber er passt in der Regel auf sich auf und versucht so, zu vermeiden, dass ihm bestimmte Dinge geschehen. Damit tut er etwas, was seinen eigenen Glaubenssätzen zufolge völlig sinnfrei ist, und er bekennt, dass er seinem Gott nicht traut. Er bräuchte nachts seine Wohnung nicht mehr abzuschliessen, denn wenn Gott will, dass er von einem Einbrecher ermordet wird, wird es sowieso dazu kommen, will Gott es aufgrund seiner Pläne nicht, so wird es sowieso nicht dazu kommen. Und da fällt so ganz nebenbei auf: Nicht nur jedes Ereignis, sondern auch der freie Wille jedes Menschen, der Gottes Plänen in die Quere kommen könnte, muss eingeschränkt werden.

Fazit
Wir haben gesehen: Der freie Wille als uneingeschränkte Möglichkeit, alles zu tun, was man tun wollen kann, ist enorm unmoralisch und einerseits laut so einigen Bibelstellen, andererseits laut den Fakten der Realität nicht vorhanden, da wir nicht alles tun können, was wir wollen können und ein Gott immer irgendjemandes Willen einschränken müsste, wenn er seine Pläne umsetzen wollte. Wieder einmal zeigt sich, dass sich weder Rationalität noch Moral der christlichen Doktrin verteidigen lassen.

-Ihr Scrutator

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