Freitag, 27. Januar 2017

51: Spuren im Sand - Extended Version


"Wirklich?", fragte ich. Jesus sah mich fragend an. "Warum fragst du?", wollte er wissen. "Nun ja, das mit uns beiden wird schon ziemlich ernst, und da möchte ich mich gern auf meinen Partner verlassen können", erklärte ich. "Woher weiss ich, dass du mich da wirklich nicht allein gelassen hast?" "Du enttäuschst mich", antwortete Jesus, traurig den Kopf senkend. "Es tut mir leid", sagte ich schnell und legte meine Hand auf seine Schulter. Ich blickte über seine Schulter hinweg, und da landete mein Blick wieder auf den Spuren. Sie sahen heute irgendwie anders aus als sonst... "Es ist nur... Ich weiss nicht, ob ich..." "...du zweifelst", unterbrach mich Jesus. Die Traurigkeit war aus seiner Stimme verschwunden. "Ich... ich...", stammelte ich. "Was habe ich dir über Zweifel gesagt?", fragte Jesus. "Sie sind ein Zeichen von Schwäche", hauchte ich. "Ganz genau", sagte er. "Und jetzt dreh dich bitte um und lauf weiter." Ich zögerte. Mein Blick war immer noch an die Spuren geheftet. "Soll ich wirklich..." "Lauf weiter." Die Stimme Jesu wurde bestimmter. Ich konnte mich nicht lösen. Dann drehte ich mich um und schaute betreten zu Boden. "Ich schäme mich", sagte ich. "Schon gut", sagte Jesus knapp. "Lauf jetzt einfach weiter." Ich blieb stehen. "Ich glaube, ich kann... ich kann nicht", sagte ich leise.

"Doch, du kannst", sagte Jesus mit fester Stimme. "Alles Entscheidungssache. Komm jetzt." Ich war wie versteinert. "Ich bin nicht sicher..." "Beweg dich." Jesus klang ungeduldig. "Dein Glaube ist eine Enttäuschung." Ich wollte einen Fuss bewegen, doch ich war wie gelähmt. Ich konnte nicht anders, ich musste meinen Kopf noch einmal zu den Spuren drehen. "Was soll ich tun, Jesus?", flüsterte ich. Da fühlte ich plötzlich etwas Kaltes, Hartes an meinem Rücken. Jesu Finger legte sich um den Abzug der Pistole. "Umdrehen und weitergehen", sagte er bestimmt. Ich war sprachlos. "Alles Entscheidungssache." "Jesus, ich muss wissen, ob du wirklich bei mir warst", sagte ich, den Tränen nahe. "Ich muss es wissen. Es geht darum, wie ich mein Leben lebe..." "Reicht dir mein Wort etwa plötzlich nicht mehr?!", herrschte er mich an. "Komm, jetzt tu doch nicht so! Du hast immer alles geschluckt!" In seiner Stimme waren Wut und Spott zu hören. "Alles hast du geschluckt, meist ohne Fragen zu stellen! Alle Widersprüche und Absurditäten, die unmoralischsten Taten und Glaubenssätze, die du in einem anderen Zusammenhang niemals akzeptiert hättest! Was wäre das für eine Inkonsequenz, wenn du das hier jetzt nicht schlucken würdest!"

Jetzt flammte auch in mir Wut auf. "Gib's zu, du warst nicht da", entgegnete ich mit Tränen in den Augen. "Wie kannst du es wagen?!", brüllte Jesus. "Du Narr, du weisst ganz genau, was ich mit dir mache, wenn du weiter so störrisch bist!" Ich war fassungslos. Wieder starrte ich auf die Spuren. Ja, da stimmte etwas nicht. Unter Garantie stimmte da etwas nicht. Da, der eine Abschnitt der Spur... Das waren die Spuren eines meiner Freunde. Da, diejenige eines Klassenkameraden. Da die meiner Schwester. Und da die einer Möwe. Und noch weiter hinten einfach ein paar unförmige Gruben, geformt von Wind und Wetter, von Steinchen und Ästen. Ich schaute mit offenem Mund hin, während mir die Schuppen von den Augen fielen.

Plötzlich fiel mir auf, dass Jesus gar nichts sagte, wenn ich nichts zu ihm sagte. Ich wandte mich um, doch da war niemand. Ich schaute auf den Boden, und da waren keine Fussspuren. 'Hätte ich mich mal öfter umgesehen', dachte ich. Ich holte tief Luft, wischte mir eine Träne von der Wange und seufzte erleichtert. Dann ging ich weiter. Als freier Mensch.

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