Sonntag, 11. Juni 2017

52: Warum ich kein Christ bin

Schönen guten Tag!

Nach bald eineinhalb Jahren als Religionskritiker dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee, einmal die Hauptgründe für mein Ablehnen des Christentums in einem einzelnen Post zusammenzufassen. So muss man nicht alle meine Posts und Textmemes anschauen, um sich die besten Gründe zusammenzukratzen. Hier nun also meine Top 5.


Grund 1: Theodizee
Wenn Atheisten auf die Abwesenheit von Beweisen für Gott pochen, entgegnen viele Gläubige eine Antwort in der Art von "Die Abwesenheit von Beweisen ist kein Beweis für Abwesenheit!" Das ist prinzipiell richtig - es sei denn, es sind Beweise abwesend, die anwesend sein sollten. Der christliche Gott wird definiert als einerseits allmächtig (z.B. Matthäus 19, 26) und andererseits allgütig (z.B. Psalm 145, 17). Diese These macht die Voraussage, dass dieses Wesen die bestmögliche aller Welten schaffen wird, sofern die involvierten Bewohner dieser Welt es auch wollen. Christen behaupten, Adam und Eva hätten es nicht gewollt. Ich will es und kenne niemanden, der es nicht wollen würde. Wenn Adam und Eva unbedingt leiden wollen, so soll ihnen das zugestanden werden, aber wir anderen würden Gottes Fähigkeiten gern in Anspruch nehmen - einer bestmöglichen Welt steht also nichts im Wege.

Überlegen wir uns, was es mit sich bringt, an einen zugleich allmächtigen und allgütigen Gott zu glauben. Es bedeutet, zu glauben, dass das hier tatsächlich die bestmögliche Welt sei. Man glaubt, dass hier auf der Erde alles mit rechten Dingen zu und her gehe und das Schicksal stets gerecht sei. Zudem glaubt man, dass es im Paradies exakt gleich zu und her gehen wird wie hier, da es ja nicht besser gehe. Unsere Welt ist von Perfektion aber weit entfernt. Jeder Mensch könnte sich problemlos verschiedenste Arten vorstellen, auf die man die Welt verbessern könnte.

Um die Existenz eines göttlichen Wesens mit der Fehlerhaftigkeit und dem Leid in der Welt zu vereinbaren, muss man einen von drei Wegen beschreiten: Man muss Gott für unfähig, böse oder inexistent erklären. Man kann die Schuld nicht den Menschen zuschieben, da viel Leid nicht ihre Schuld ist (Naturkatastrophen, Krankheiten) und ein verantwortungsvoller Vater den Schutz Unschuldiger natürlich über die uneingeschränkte Handlungsfreiheit von Menschen mit bösen Absichten stellen würde. Egal, welche Antwort man gibt, sie fällt in eine dieser drei Kategorien, und in jedem Fall ist klar, dass es den Bibelgott nicht geben kann.

Wenn Gott nichts gegen die Fehlerhaftigkeit und das Leid tun kann, ist er nicht allmächtig, er ist also kein wirklicher Gott und es stellt sich die Frage, ob er die von der Bibel angekündigten Pläne überhaupt umsetzen kann, wenn er schon daran scheitert, die Welt fehlerfrei zu erschaffen und seine Geschöpfe vor Leid zu beschützen. Zudem bezichtigt man die Bibel der Lüge, da sie Gott ja als allmächtig bezeichnet. Das negiert den Anspruch der Bibel darauf, Gottes Wort zu sein, und stellt die Glaubwürdigkeit des Buches krass in Frage.

Wenn Gott nichts gegen die Fehlerhaftigkeit und das Leid tun will, ist er böse, da er sich nicht um das schert, worum es bei Ethik und Moral geht; das Wohlergehen von Menschen. Wir würden also von einem skrupellosen Tyrannen regiert, der keine Anbetung verdient hätte. Wer die Bibel kennt, weiss, dass diese Erklärung viel besser zum Buch passen würde. Dennoch würde man auch durch diese Antwort die Bibel der Lüge bezichtigen, da sie Gott immer wieder als allgütig bezeichnet, und dadurch die Verlässlichkeit des ganzen Buches in Frage stellen.

Immer, wenn man diskutiert, warum Gott etwas Fehlerhaftes/Unmoralisches getan hat (Evolution, Fehlerhaftigkeit/Uneindeutigkeit der Bibel, Umgang mit Menschen usw.), landet man beim genannten Trilemma: Wollte Gott nicht anders, konnte er nicht anders oder existiert er ganz einfach nicht? In jedem Fall erweist sich das biblische Gotteskonzept als unhaltbar. Die Theodizeefrage beweist, dass der zugleich allmächtige und allgütige Gott der Bibel nicht existieren kann. Es ist, als würde jemand einen Gott vorbringen, der alles blau anmalen kann und auch will. Wenn die Welt nicht komplett blau ist, wissen wir, dass dieser Gott nicht existiert. Wenn es einen Gott geben sollte, ist es entweder einer, der die Welt nicht blau anmalen kann oder das nicht will.

Grund 2: Jesu fehlgeschlagene Rückkehr-Prophezeiung
Ein wichtiges Kriterium wissenschaftlicher Hypothesen ist die Überprüfbarkeit: Es muss die Möglichkeit bestehen, die Wahrheit der Behauptung zu testen und so zu bestimmen, ob sie annehmbar oder falsch ist. Und viele scheinen nicht zu wissen, dass Jesus persönlich dieses Kriterium erfüllt haben soll. Leset und staunet:

Matthäus 10, 23: "Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis des Menschen Sohn kommt."

Matthäus 16, 27+28: "Denn es wird geschehen, daß des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln; und alsdann wird er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken. 28 Wahrlich ich sage euch: Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich."

Matthäus 24, 30-34: "Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem anderen. 32 An dem Feigenbaum lernet ein Gleichnis: wenn sein Zweig jetzt saftig wird und Blätter gewinnt, so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 33 Also auch wenn ihr das alles sehet, so wisset, daß es nahe vor der Tür ist. Wahrlich ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dieses alles geschehe.

Bei diesen Stellen ist es wichtig, den von Gläubigen immer so gern betonten Kotext zu berücksichtigen. Oft wird nämlich behauptet, Jesus habe in den fett markierten Versen von seiner Auferstehung gesprochen. Doch liest man die Stellen in ihrer Ganzheit, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass Jesus von seiner Rückkehr auf die Erde am Ende der Welt spricht. Das Christentum war als jüdische Weltuntergangssekte gedacht und hat sich faktisch als falsch erwiesen, als der Letzte aus dem damaligen "Geschlecht" das Zeitliche segnete.

Grund 3: Non sequitur
Non sequitur bedeutet "es folgt nicht". Diese Bemerkung fällt im logischen Denken, wenn die Prämissen eines Arguments nicht in der Lage sind, zu demonstrieren, was sie laut dem Vorbringenden demonstrieren sollen. Und da alle jemals für Gott vorgebrachten Argumente für Gott ungültig sind, fällt sie auf dem Gebiet der Religionskritik oft. Hier eine Übersicht:

"Es ist nicht bewiesen, dass Gott nicht existiert, also ist es durchaus zulässig, seine Existenz anzunehmen."
Wer dieses Argument akzeptiert, muss alles glauben, was nicht widerlegt worden ist, andernfalls muss er sich den berechtigten Vorwurf eines intellektuellen Doppelstandards gefallen lassen. Es ist auch nicht bewiesen, dass Allah, unsichtbare Einhörner oder eine winzige Teekanne, die zwischen Erde und Mars um die Sonne kreist, nicht existieren. Daraus, dass ihr Gegenteil nicht bewiesen wurde, folgt nicht, dass eine Behauptung als wahr akzeptiert werden kann. Davon abgesehen kann der Bibelgott wie oben beschrieben aufgrund der Theodizeefrage sehr wohl mit Fug und Recht als widerlegt angesehen werden.

"Ich hatte beim Beten wundervolle Gefühle, also existiert Gott."
Aus der Tatsache, dass bei jemandem beim Fokussieren auf die Vorstellungen eines allmächtigen, allgütigen Vaters Hormone im Körper umhertanzen, folgt nicht, dass ein solcher Vater existiert. Dass Gläubige verschiedener sich widersprechender Religionen solche Erlebnisse haben, beweist zusätzlich, dass solche Erlebnisse keine validen Belege sind.

"Die Welt ist zu komplex, um von allein entstanden zu sein. Die Entstehung der Welt wurde gelenkt."
Selbst wenn man einen Schöpfungsakt nachweisen könnte, wäre damit noch nicht gesagt, dass ein Gott und nicht Aliens oder eine Fee dahintersteckten. Wäre ein Schöpfergott bewiesen, so wäre nicht geklärt, ob dieser noch existiert, wer und wie dieser Gott ist, was seine Absichten sind etc.

"Die Wissenschaft kann X nicht erklären."
Eine Wissenslücke verrät uns nichts darüber, was in sie hineingehört. Wenn man etwas nicht weiss, dann lautet die korrekte Reaktion "Keine Ahnung, lasst uns nach der Antwort suchen" und nicht "In dem Fall muss Gott dahinter stecken."

"Die Bibel ist historisch korrekt."
Selbst wenn das durch's Band stimmte, wäre es kein Argument für die Wahrheit der übernatürlichen Behauptungen der Bibel. Auch Spiderman, Forrest Gump und Transformers 3 sind historisch akkurat.

"Die Bibel enthält erfüllte Prophezeiungen."
Selbst wenn dem so wäre, wäre damit nur erwiesen, dass aussergewöhnliche Leute an der Bibel beteiligt waren. Es würde nicht beweisen, dass der ganze Rest im Buch wahr ist, genausowenig, wie von Jesus bewirkte Wunder beweisen würden, dass alles stimmt, was er sagte. "Ihr müsst mir glauben, denn meine Mutter war nie mit jemandem im Bett" - das ist nicht besonders logisch, wie schon Christopher Hitchens anmerkte.

Grund 4: Keine Belege
Wer vernünftig denkt, der akzeptiert Behauptungen erst, wenn es gute Gründe dafür gibt. Das ist nichts Abgefahrenes, und jeder Mensch hat dieses Prinzip ziemlich gut verinnerlicht: Wenn nichts darauf hindeutet, dass etwas wahr ist, sollte man es nicht als wahr akzeptieren, besonders dann nicht, wenn dieses Etwas mit Verstössen gegen die uns bekannte Funktionsweise der Welt und grossem Einfluss auf unser Leben und unsere Entscheidungen einhergeht. Doch manche verwerfen das, wenn es um Behauptungen geht, von denen sie sich sehr wünschen, dass sie wahr sein mögen. Das ist irrational, da es einerseits intellektuell unredlich ist, solange man nicht alle anderen Behauptungen der Welt ebenfalls akzeptiert, und da es andererseits persönliche Präferenzen über Wahrheit stellt. Wenn einem Wahrheit etwas bedeutet, kann man redlicherweise kein Christ mehr sein, sobald man eingesehen hat, dass es keine gültigen Belege für Gottes Existenz gibt. Natürlich kann man darüber diskutieren, was vorstellbar und möglich ist, aber besonders, wenn es darum geht, worauf wir unser Leben und unsere Entscheidungen gründen, sollten wir uns an das Wahrscheinliche halten.

Grund 5: Keine Kontaktaufnahme
Hierbei handelt es sich um einen ganz persönlichen Grund, bei dem es wie bei der Theodizee-Frage zu einem interessanten unausweichlichen Trilemma kommt. Es heisst, Gott sei allmächtig und habe eine wichtige Botschaft für alle Menschen, in manchen Fällen heisst es sogar, er wolle eine Beziehung zu jedem Menschen haben. Ich weiss nichts von Gott, ich bin nicht davon überzeugt, dass er existiert. Falls er existiert, will ich das aber wissen, ich habe sogar lange Zeit darum gebetet, damals als Christ. Das bedeutet zwangsläufig eins von drei Dingen: Entweder will Gott nicht, dass ich um seine Existenz weiss, oder er kann mich nicht von seiner Existenz überzeugen, oder er existiert nicht. Im ersten Fall ist mein Unglaube nicht mein Problem, im zweiten Fall bezichtigt man die Bibel wieder der Lüge.

Christen können dieser Argumentation nur entgegentreten, indem sie mir Unehrlichkeit unterstellen ("Gott hat es ja versucht bei dir, du wolltest bloss nicht hören") oder behaupten, es sei überhaupt nicht Gottes Aufgabe, sich bei mir zu melden, sondern ich müsse weiter nach ihm suchen. Es gibt allerdings Menschen, die weit weniger in die Suche nach Gott investiert haben als ich und denen er angeblich trotzdem begegnet ist. Ich bin immer noch offen für Gott, wenn er mir etwas zu sagen hat, soll er das ruhig tun (aber bitte persönlich, anders hat's ja offensichtlich bislang nicht geklappt). Und zum zweiten Einwand sage ich: Das gilt auch für den grossen Alios. Wenn Sie ihn nicht suchen, ist es nur fair, dass Sie ewig gefoltert werden*.


So, das sind also meine fünf zwingendsten Gründe, nicht Christ zu sein. Natürlich gibt es noch viele "Sekundär- und Tertiärgründe", die darauf hindeuten, dass Unglaube die vernünftigere Option ist. Die entdecken sie auf meinem Blog und der zugehörigen Facebookseite. Danke für Ihren Besuch!

-Ihr Scrutator


*= Das ist natürlich barbarischer Quatsch. Wer einen Gott anbetet, der Ungläubige ewig foltert, hat seine Menschlichkeit für seine Ideologie geopfert.

Kommentare:

Alan hat gesagt…

Wenn ich darf mache ich eine Stellungnahme in einem Straßenprediger Video zu alle deinen Punkten. Deine Argumente sind mir leider nicht zu Ende gedacht. Grüße Alan von esstehtgeschrieben.de

R.D. hat gesagt…

Gerne, bin gespannt.

-Raphael alias Scrutator

Anonym hat gesagt…

Habe gerade esstehtgeschrieben.de aufgerufen und möchte alle warnen. Ist nichts für nen schwachen Magen. Musste mich fast übergeben.