Dienstag, 20. Juni 2017

53: Vorteile des Glaubens - Was gibt es zu verlieren?

Ich bin vor 1,5 Jahren definitiv Atheist geworden. Und ich glaube, dass ich mich dabei zwar in manchen Dingen etwas verändert habe, aber insgesamt doch ziemlich der exakt selbe Mensch geblieben bin und auch mein Leben gar nicht so krass anders ist. Angeregt durch diverse Inputs aus dem Netz und aus Gesprächen möchte ich heute ein paar Gedanken rund um dieses Thema mitteilen. Es geht dabei um die angeblichen Vorteile des Glaubenslebens und die Frage: Was verliert man eigentlich, wenn man dem Glauben den Rücken kehrt?


1. angeblicher Vorteil: Gottes Schutz
Christen glauben, Gott sei mit ihnen, er beschütze sie. Das klingt auf den ersten Blick wie ein grosser Vorteil gegenüber Ungläubigen. Nun ist aber kein Hellseher nötig, um festzustellen, dass Gläubige nicht öfter von Tragödien verschont bleiben als Ungläubige. Der durchschnittliche Gläubige hat nicht mehr Glück oder weniger Pech als der durchschnittliche Ungläubige. Auch in meiner Gemeinde starben Leute an Krankheiten, verloren ihre Stellen und Partner, kämpften mit körperlichen und psychischen Verletzungen und allerlei anderen Problemen. Wir halten fest: Egal, ob man von Gott geschützt wird oder nicht, die Auswirkungen sind dieselben. Man ist nicht sicher vor den harten Seiten des Lebens. Es spielt letztlich für das eigene Schicksal keine Rolle, ob man sich Gottes Schutz anbefiehlt oder nicht, da einem auch als Christ genau dieselben üblen Dinge passieren können. Und das sagt ja bereits die Bibel:

Römer 8, 28: "Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen"

Dieser Vers ist Gottes Versicherung, um desillusionierte Gläubige ruhigzustellen. Denn Gottes "Schutz" schliesst potentiell alle möglichen Ereignisse mit ein. Dass Gott einen beschützt, kann auch bedeuten, dass man als Kind misshandelt und in der Schule gemobbt wird, als Erwachsener seine Stelle, seinen Ehepartner und Familienmitglieder verliert und schliesslich noch relativ jung bei einem Unfall stirbt. Oder dass man einfach irgendwo in Afrika in tiefster Armut geboren wird und innert kürzester Zeit an Hunger oder Krankheit zugrunde geht. Ich denke, es dürfte klar sein, dass Gottes "Schutz" bedeutungslos ist und Gläubige hier nichts zu verlieren haben.

2. angeblicher Vorteil: Gottes Gebetserhörungen
Gott erhört Gebete, wie klasse! Hier muss es sich doch nun echt um einen enormen Vorteil gegenüber Ungläubigen handeln, oder? Nun ja, schauen wir einmal. Zunächst einmal werden die meisten Gebete nicht erhört. Gott erhört entgegen seiner eigenen Aussage nur Gebete, wenn er grad Lust hat. Oder nur, wenn die Erfüllung des Gebets in seinem Plan sowieso schon vorgesehen war, was das Beten völlig unsinnig macht. Und wie erhört Gott Gebete, wenn er sie erhört? Gab es jemals eine Gebetserhörung, bei der etwas eigentlich Unmögliches passierte, was noch nie irgendwo sonst passiert war? Nein, gab es nicht. Spontanheilungen werden oft genannt, etwa bei Krebs - das gibt's aber auch, wenn nicht für die Kranken gebetet wird. "Gott hat mir einen lieben Menschen geschickt, der mir geholfen hat" - das gibt's ebenfalls auch dann, wenn niemand dafür betet. "Gott hat mich mit einer schönen Landschaft/einem schönen Lied getröstet" - auch das ist ohne Gebet verfügbar. Nichts, was nach einem Gebet passiert ist, kann nicht auch ohne Gebet erreicht werden. Damit ist klar: Auch dieser angebliche Vorteil der Gläubigen ist kein Vorteil; auch hier haben Gläubige nichts zu verlieren.

3. angeblicher Vorteil: Verbesserung des Charakters
Gott verändere Menschen, er mache sie zu besseren Versionen ihrer selbst, so heisst es. Praktisch, so eine Medizin für die menschlichen Laster! Betrachten wir nun aber die Fakten. Zunächst einmal weist die gemessene Korrelation zwischen Religiosität und gesellschaftlicher Gesundheit einer Gesellschaft eher auf das Gegenteil hin: Je religiöser eine Gesellschaft, desto höher die Werte für Dinge wie Mord, Vergewaltigung, Schwangerschaft unter Teenagern, Kindersterblichkeit oder sexuell übertragbare Krankheiten. Je niedriger die Religiosität, desto niedriger dieselben Werte.

Betrachten wir nun aber einmal die Fälle, in denen jemand sich tatsächlich durch seinen Glauben zu bessern schien. Warum hat er oder sie sich gebessert? Weil Gott es ihm befahl? Dann ist er nur ein angeleinter Soziopath. Weil er die Anordnungen Gottes für gut befand? Dann war es sein eigenes Moralempfinden, das die Änderung bewirkt hat. Und Christen geben Letzteres zu, sobald man sie auf Gläubige anspricht, die sich unmoralisch verhalten. Dann heisst es nämlich, am Ende des Tages gewähre Gott dem Menschen halt den freien Willen, sich zu verhalten, wie er wolle. Wenn aber die Auswirkungen von Gottes angeblicher wundersamer Wandlung des Charakters letztlich ganz dem Willen des Menschen unterworfen sind, ist auch dieser angebliche Vorteil gegenüber Ungläubigen vom Tisch. Auch Ungläubige können moralische Richtlinien für gut befinden und sich Mühe geben, sich daran zu halten.

4. angeblicher Vorteil: Hoffnung
Die Bibel verspricht Hoffnung in der Form von Leben nach dem Tod und Gerechtigkeit für alle. All unser Leid hier auf der Erde habe einen höheren Sinn und wir könnten einmal in ewigem Glück leben. Abgesehen davon, dass niemandem der Eintritt in das Himmelreich sicher ist (siehe z.B. Matthäus 7, 21), die "Gerechtigkeit" der Bibel unter anderem auch einschliesst, dass Ungläubige und sonstige "Ärgernisse" - also auch Familienmitglieder und Freunde der Gläubigen - ewig gefoltert werden (siehe z.B. Markus 16, 16) und Gläubige ja glauben, dass die Welt, die wir haben, die beste ist, die es geben kann, solange wir einen freien Willen haben, und folglich das Paradies genau gleich sein wird wie unsere Erde, gibt es hier noch anderes zu bemängeln.

Es gibt nämlich nicht einen einzigen Grund, davon auszugehen, dass diese Hoffnung berechtigt ist. Um die Vehemenz dieses Faktors zu verdeutlichen, bediene ich mich eines Beispiels: Man stelle sich eine Person vor, die eine E-Mail erhält, in der ihr von einem nigerianischen Prinzen eine Million Dollar versprochen werden. Die Person nimmt diese Behauptung ernst, bereitet sich auf die Auszahlung vor, verbringt einiges an Zeit mit administrativen Arbeiten und dem Schreiben von Mails an den Prinzen und geht weniger vorsichtig mit ihren Finanzen um, da sie ja mit der Auszahlung rechnet. Gäbe es auch nur einen einzigen Partner/Verwandten/Freund, der dieser Person nicht sagen würde: "Das ist doch nur eine Behauptung. Du kannst doch dein Leben nicht auf einer solchen hohlen Versprechung aufbauen!" Käme irgendjemand auf die Idee, zu sagen: "Lasst sie doch, die Versprechung gibt ihr Hoffnung. Und ihr könnt ja auch nicht beweisen, dass sie nie eine Million bekommen wird, also seid mal etwas bescheidener." Und hier geht es immerhin um etwas, was tatsächlich nachgewiesenermassen möglich ist, im Gegensatz zum magischen Ort ewiger Freude der Bibel.

Ja, man könnte sagen, Gläubige haben hier gewissermassen einen Vorteil: Sie können der Realität entfliehen und sich mit hohlen Versprechungen betäuben. Doch es ist diskutabel, ob es sich wirklich um einen Vorteil handelt, wenn man den Bezug zur Realität verliert und sich stattdessen an unfundierte übernatürliche Behauptungen klammert. Es ist wichtig, sich an das zu halten, was wahrscheinlich ist, wenn man Entscheidungen trifft, denn wenn unser internes Modell von der Realität nicht mit der tatsächlichen Realität übereinstimmt, kann Schaden entstehen. Wir sehen das etwa im Moment in den USA, wo Christen sich gegen Klimaschutzmassnahmen stellen. In der Bibel steht ja nichts von Klimaproblemen, und am Ende zählt das ewige Jenseits doch mehr als das vergängliche Diesseits... Baut man sein Leben nicht auf solchen Fantasien auf, ist man eher geneigt, im Hier und Jetzt zu leben, jetzt Verbesserung anzustreben und das eigene Leben auszunutzen.

Fazit
Betrachtet man die angeblichen Vorteile des christlichen Glaubenslebens kritisch, so stellt man fest, dass sie weit weniger hergeben, als man vielleicht spontan denken würde. Wenn man nicht mehr Christ ist, verändert sich die Glücks- /Unglücksquote im Leben nicht. Man verliert keinen verlässlichen Vater, der einem im Leben auf spürbare und unersetzliche Weise hilft. Man wird nicht von einem Tag auf den anderen zum a- bzw. unmoralischen Monster. Und die angebliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und Gerechtigkeit für alle ist bei näherer Betrachtung der Bibel gar nicht so wundervoll und nebenbei völlig unbegründet. Das Leben als Gläubiger unterscheidet sich im Wesentlichen nur insofern von dem als Ungläubiger, dass man sich im ersten Fall etwas vormacht.

-Ihr Scrutator


P.S. Zur Abrundung empfehle ich Ihnen folgende von mir erstellte und untertitelte Video-Compilation zu den Themen Bedarf nach und Respekt vor Religion aus der lehrreichen Sendung The Atheist Experience.


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