Montag, 7. August 2017

54: Warum glauben intelligente, gebildete Menschen Unsinn? (Übersetzung)


Der Blog "Godless in Dixie" des ehemaligen evangelikalen Christen Neil Carter aus den amerikanischen Südstaaten ist voller hervorragender Texte, in denen man sich als Ex-Gläubiger stark wiedererkennen kann. Carter findet oft sehr treffende Vergleiche und die richtigen Worte, um das Phänomen Religion passgenau zu analysieren. Ich ehre Carters tollen Blog heute mit einer Übersetzung eines Artikels zu einem wichtigen und spannenden Thema, einer Frage, die sich besonders Leute stellen, die nie gläubig waren: Warum zum Geier glauben Menschen dieses ganze Bibelzeugs - selbst wenn sie sehr schlau und gebildet sind? Ich übergebe das Wort an Neil Carter.




Gestern Abend war ich zum dritten Mal in drei Monaten damit beschäftigt, einem nicht in einem tief religiösen Umfeld erzogenen Menschen zu erklären, dass religiöse Menschen nicht dumm sind, bloss weil sie unsinnige Dinge glauben. 

Bei jedem dieser drei Male hatte ich es mit einer anderen Person zu tun, deren Tätigkeit sich zunehmend darauf fokussiert, Religion zu kritisieren. Jedes Mal traf ich auf die selbe Verwunderung, und jedes Mal sprach ich über die selben Dinge, um zu erklären, wie und warum manche sehr intelligenten Leute Dinge glauben können, die jedem absurd erscheinen, dem diese Dinge nicht als erwiesene Tatsachen anerzogen wurden. 

Manchmal sagen sie, wir könnten unmöglich jemals geglaubt haben, was wir angeben, geglaubt zu haben. Manchmal möchten sie verstehen lernen, wie das sein kann. Sehr oft sind sie überhaupt nicht einverstanden und beharren darauf, dass jeder, der an Dämonen, Engel und Junge-Erde-Kreationismus glaubt, ein Schwachkopf sein müsse. Aber wie gestern Abend macht sich plötzlich ein verwirrter Ausdruck auf ihrem Gesicht breit und sie geben zu: "Weisst du, du wirkst auf mich nicht dumm. Wie kann es also sein, dass du jemals sowas geglaubt hast?" 

Ich weiss, dass es keinen Sinn ergibt. Ich weiss, es ist schwer zu verstehen, wie ansonsten intelligente Menschen Dinge glauben können, die jedem lächerlich erscheinen, dem sie nicht als heilig anerzogen wurden. Es erscheint übermässig widersprüchlich, aber so sind Menschen eben. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Menschliche Wesen sind keine völlig rationalen Kreaturen, und das trifft auch auf die meisten Intelligenten und Gebildeten unter uns zu. 

Wir alle haben blinde Flecken, und wir alle haben Gebiete, auf denen unsere ach so geschätzte Vernunft die zweite Geige hinter Gefühlen, Vorurteilen und persönlichen Interessen spielt. Menschen sind keine völlig logisch denkenden Wesen, und genau deshalb haben wir überhaupt Dinge wie die wissenschaftliche Methode. Wir wissen nur zu gut, wie sehr wir unsere Wahrnehmung und unsere Urteile von Voreingenommenheit beeinflussen lassen. Wir brauchen die Wissenschaft deswegen, weil wir wissen, dass wir zu Aberglauben, Subjektivität und kognitiven Verzerrungen neigen. 

Als Hilfestellung für diejenigen, die ausserhalb von tief religiösen Umfeldern aufgewachsen sind, würde ich gern vier Gründe dafür aufzeigen, dass es eindeutig intelligenten und oft gut gebildeten Menschen möglich ist, Dinge zu glauben, die allen anderen "dumm" erscheinen. 

Vier Gründe, warum wir an irrationalen Ansichten festhalten
Was man als Erstes verstehen muss, ist, dass Intelligenz gebietsabhängig ist. Damit meine ich Folgendes: Menschen, die auf einem Gebiet (oder sogar mehreren) scharfsinnig und kritisch denken, können auf einigen anderen fast kindisch sein. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, wie gut viele der grössten Denker der Geschichte darin waren, Konzepte ihres eigenen Fachgebiets zu verstehen, und wie unbeholfen sie zugleich in ihrem Privatleben waren, weil sie die Feinheiten menschlicher sozialer Interaktion nie so ganz erfassen konnten. 

Um zu verstehen, was ich mit gebietsabhängiger Intelligenz meine, sehen Sie sich einmal den US-Präsidentschaftskandidaten Ben Carson an: Ein Pionier auf dem Gebiet der Gehirnchirurgie mit der politischen Klugheit eines leicht zurückgebliebenen Drittklässlers. Ein anderes, weniger bekanntes Beispiel aus dem Gebiet der Medizin, das ich hier schon einmal erwähnt habe: Der letzte Sonntagsschullehrer, den ich hatte, bevor ich die Kirche verliess, ist ein Spitzenonkologe. Er steht einem internationalen Komitee vor, das sich mit Forschungsprotokollen in seinem medizinischen Gebiet befasst, und widmet sich als Hobby der "Wissenschaft" des Kreationismus. Er verwendet zeitgemässe, hochmoderne Behandlungsmethoden im Kampf gegen den Krebs, bezieht aber seine geologischen Thesen vom Institute for Creation Research, das seit den frühen 1970er-Jahren (oder seit der späten Bronzezeit, wie manche sagen würden) keine neuen Thesen mehr veröffentlicht hat.

Wie diese Widersprüchlichkeiten möglich sind, fragen Sie? Sie sind möglich, weil Intelligenz gebietsabhängig ist. Wir müssen stets gewappnet sein gegen den Halo-Effekt, die Tendenz, Leuten, die in einem Gebiet kompetent sind, Autorität in anderen Gebieten zuzuschreiben, die ihnen nicht zusteht. Ein Beispiel: Nur weil Albert Einstein Astrophysik-Experte war, heisst das nicht, dass er eine Autorität in Politik, Philosophie oder Metaphysik (wenn es darin so etwas wie Experten gibt) war. Es sollte den Argumenten eines Gläubigen oder Nichtgläubigen kein besonderes Gewicht verleihen, dass diese oder jene bekannte Persönlichkeit in Religionsfragen "auf der richtigen Seite" stand. 

Was man ebenfalls verstehen muss, ist, dass sehr intelligente Menschen sehr unsinnige Dinge glauben, wenn man früh genug an sie herankommt. Wächst ein Mensch in einem Umfeld auf, das ein Glaubenssystem als selbstverständlich annimmt, so entwickeln sich seine Wissensbasis und seine Fähigkeiten zu kritischem Denken um dieses Glaubensgebilde herum, ohne es zu behelligen. Eigentlich könnte man sagen, dass der menschliche Verstand ohne die Kontrollmechanismen der Wissenschaft einzig dazu dient, die emotionalen Inhalte zu rationalisieren und zu bestätigen, die seit unseren ersten Jahren in unserer Psyche verankert sind. Wir denken, um zu rationalisieren, was wir bereits glauben. 

Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen, der um einen Zaunpfahl herum gewachsen ist und sich diesen "einverleibt" hat, als wäre er ein Teil des Baums? Das passiert, wenn der Pfahl schon da war, als der Baum noch nicht einmal ein Sprössling war. Intelligenz und Bildung sind auch so. Kann man ein Glaubensgebilde früh genug in ein sich entwickelndes Gehirn einbrennen, so entwickelt sich der ganze Verstand dieses Menschen um diese Ansichten herum - so, dass das Gebilde unbehelligt bleibt. Die Fähigkeiten zu kritischem Denken können sogar ausgezeichnet gut darin werden, andere Glaubenssysteme als dasjenige, um das sie herumwuchsen, zu hinterfragen. Es ist aber eine ganz andere Kompetenz, zu lernen, diese Fähigkeiten nach innen zu richten und Kernansichten zu hinterfragen, die schon eingebrannt waren, bevor sich diese Fähigkeiten entwickelten.


Eine weitere Sache, die man kaum erfassen kann, wenn man nie tief gläubig war, ist, wie sehr man uns davon abriet, uns selbst zu vertrauen. Die Vorstellungen von der Sünde und vom kaputten Menschen sind Fundamente der christlichen Botschaft, und die Kirche schärfte uns dies schon ein, bevor wir lesen und schreiben konnten. Wir lernten schon in jungen Jahren, dass man dem menschlichen Verstand nicht vertrauen könne. "Trügerisch ist das Herz, mehr als alles", lehrt die Bibel. Weiter steht in ihr: 

"So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken."

Ist es bei solchen Texten eine Überraschung, dass Christen ein Misstrauen gegenüber dem Wesen des Verstandes entwickeln? Man lehrte uns, unserem Intellekt zu misstrauen, selbst innerhalb derjeniger Subkulturen, die sonst Wissenschaft, Bildung und Nachforschung wertschätzten (ich weiss, das ist unstimmig, aber siehe Punkt 1). Wir lernten früh: Wenn unsere Logikfakultäten und unsere Vernunft mit den Lehren des Glaubens in Konflikt standen, sollten wir "das, was Gott sagt" über alles stellen, was irgendjemand anderes für sinnvoll hält. Wer kann denn bitteschön Gott persönlich widersprechen?

Zu guter Letzt haben Leute, die nicht tief in einer Glaubensgemeinschaft verwurzelt aufgewachsen sind, Probleme dabei, sich Folgendes zu vergegenwärtigen: Wie sehr der soziale Druck, beim Glauben zu bleiben, uns davon abhält, uns frei mit unseren kognitiven Dissonanzen auseinanderzusetzen. Ich erinnere mich gut daran, wie mir angst und bange wurde, wenn mein innerer Skeptiker Einspruch erhob und ich merkte, wie viel es mich kosten würde, sollte mich meine Wahrheitssuche je aus dem sicheren Hafen des Christentums herausführen. Ich wusste schon lange bevor ich anfing, ehrlich zu mir selbst zu sein, dass ich alles verlieren könnte, und grösstenteils lag ich richtig. Wenn man sein ganzes Leben um ein Gedankengut herum aufbaut, dann erschüttert einen das Hinterfragen dieses Gedankenguts bis ins Innerste des Seins, psychologisch und sozial. Bei manchen von uns droht es, unsere ganze Welt zu zerstören. 

[Lesen Sie "Die hohen Kosten eines Glaubensabfalls"]

Religion abzulehnen, kostet einen nicht viel, wenn man ausserhalb eines tief religiösen Kontexts aufwächst. Es ist ein relativ leicht zu beschreitender Pfad. Bei manchen von uns verhält es sich aber anders. Bei manchen von uns war das eine Riesensache. Und darum halten wir an irrationalen Ansichten fest, auch wenn unsere Fähigkeiten zu kritischem Denken diese schwachen Gedankengüter schon lange hätten überwinden müssen. Diese Gedankengüter genossen bei uns immer einen privilegierten Status, und es ist nicht so einfach wie es klingt, sich davon freizumachen, wenn sie das Haus sind, in dem man lebt. 

[Bildquelle: Wikipedia commons]


Originaltext: http://www.patheos.com/blogs/godlessindixie/2015/10/09/why-do-intelligent-well-educated-people-still-believe-nonsense/

1 Kommentar:

Kyp hat gesagt…

Noch viel interessanter sind doch die intelligenten Menschen, die mit 35, 40, 45 erst zum Glauben finden und denen man einer solche Indoktrinierung nicht unterstellen kann.