Dienstag, 26. September 2017

55: Die "christlichen Werte" im Faktencheck

Er wird nicht selten genannt, wenn es um Ethik und Moral geht - der Begriff "christliche Werte". Es heisst oft auch von Seiten Nichtreligiöser, diese ominösen Werte seien die Grundlage unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Menschenrechte und überhaupt unserer Moral. Als Bibelkenner habe ich dazu auch das eine oder andere zu sagen. Ich beantworte in diesem Post drei Fragen: Was sind "christliche Werte", wie werden sie begründet und sind sie wirklich die Quelle der Menschenrechte?

Was sind "christliche Werte"?
Gute Frage. Quelle und Basis des Christentums ist die Bibel. Wenn wir die Bibel lesen - die ganze, nicht nur einzelne Verslein -, fällt auf, dass gar nicht so leicht zu bestimmen ist, was sie nun lehrt. Zu Beginn gibt es gar keine Gesetze, bis Gott dann im 2. Buch Mose die zehn Gebote mit einem Anhang vieler weiterer Gebote erlässt. Im neuen Testament sagt Jesus Christus dann wiederholt, all diese Gebote seien gültig, bis Himmel und Erde vergehen (Lukas 16, 17 / Matthäus 5, 17-20), äussert sich aber zugleich kritisch über manche Gebote, schafft sogar manche ab, während er andere verschärft. Er ernennt "Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst" zum obersten Gebot (Matthäus 22, 34-40). Dann schreibt Paulus, das gesamte alte Gesetz sei von Jesus abgeschafft und für ungültig erklärt worden (z.B. Römer 6, 14) - er geht sogar so weit, zu sagen, alles sei erlaubt (1. Korinther 6, 12). Es ist nicht bestimmbar, ob bzw. inwiefern das mosaische Gesetz zu befolgen ist.

Wenn das mosaische Gesetz noch zu befolgen ist, dann beinhalten die "christlichen Werte" auf der einen Seite undifferenzierte Verbote des Tötens, Lügens und Ehebrechens (gegen all dies darf auf Gottes Anweisung hin verstossen werden) etc., auf der anderen Seite Sklaverei, Anweisungen für Eroberungskriege, starke Diskriminierung der Frau, Steinigung für alles von schweren bis völlig harmlosen Vergehen wie Andersgläubigkeit, Arbeit am Sabbat, nicht-Jungfräulichkeit bei der Hochzeit (nur Frauen) oder gelebte Homosexualität und das imaginäre "Verbrechen" der Hexerei (siehe etwa 2. Mose 21+22, 3. Mose 19, 5. Mose 13). Das mosaische Gesetz ist vereinzelt ansatzweise vernünftig, aber mehrheitlich barbarisch und lächerlich.

Wenn das alte Gesetz nicht mehr zu befolgen ist, bleibt noch Jesu Doppelgebot: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Es wird also verbindlich angeordnet, an den Bibelgott zu glauben und ihn zu lieben und andere Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Wer das nicht tut, der wird "verdammt werden" (Markus 16, 16); ihn erwartet das "ewige Feuer" (Matthäus 25, 41). Was bedeutet es von Fall zu Fall, seinen Nächsten zu lieben? Was bedeutet es von Fall zu Fall, ihn so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte? Das wird den Lesenden überlassen. Zusätzlich gibt es die neuen Morallehren Jesu, darunter etwa die Aussagen, Wut und Lust seien schwere Vergehen (Matthäus 5, 21+22 & 27+28) und wer den heiligen Geist beleidige, dem würde niemals vergeben (Matthäus 12, 31+32). Paulus und andere Briefautoren bringen ebenfalls neue Weisungen ein, die unter anderem die Sklaverei als moralisch akzeptabel tolerieren (z.B. Petrus 2, 18), kompromisslose Unterordnung unter jegliche Autoritäten vorschreiben (Römer 13, im direkten Gegensatz dazu Apostelgeschichte 5, 29), Antisemitismus proklamieren (z.B. Titus 1, 10-16) und Frauen Autorität über Männer und Lehrtätigkeiten verbieten, ihnen befehlen, sich unauffällig zu kleiden und zu verhalten, ihren Männern stets Folge zu leisten und durch Kinderzeugen "selig" zu werden (siehe z.B. 1. Korinther 11, 1. Timotheus 2, 1. Petrus 3).

Wie die Bibel, die zahllosen Konfessionen und die endlosen Moraldiskussionen und der moralische Wandel innerhalb des Christentums zeigen, weiss niemand, was "christliche Werte" denn nun eigentlich genau sein sollen. Niemand weiss, was es von Fall zu Fall heissen soll, seinen Nächsten zu lieben. Die Weisungen sind undifferenziert und zugleich dogmatisch, werden also als allgemeingültig und auf ewig in Stein gemeisselt betrachtet. Es lässt sich zudem leicht dafür argumentieren, dass die christlichen Werte äusserst barbarische und lächerliche Weisungen beinhalten (sollten). Die vorgesehenen Strafen sind so grausam, dass einem der Atem stockt, und die Anforderungen an die Menschen überzogen.

Wie werden "christliche Werte" begründet?
Ich antworte auf vier mögliche Arten, für die "christlichen Werte" zu argumentieren.

1. "Es gibt keine andere Basis"
Die Bibel hat die Empathie nicht erfunden. Es gibt sehr wohl andere mögliche Fundamente. Die Menschenrechte zum Beispiel. Sobald wir uns darauf einigen, dass wir menschliches Leid vermindern und menschliches Wohlergehen fördern wollen, haben wir eine Basis, mit der sich arbeiten lässt. Andreas Edmüller schreibt in seinem hervorragenden Buch "Die Legende von der christlichen Moral":

"Jeder von uns möchte nach seiner Fasson glücklich werden bzw. seinen Weg zu einem erfüllten Leben gehen. Versteht man Moral als ein System von Normen, die es uns ermöglichen sollen, in einer Gesellschaft diese beiden Kerninteressen unter einen Hut zu bringen, so lassen sich alle klassischen Forderungen der Moral begründen, die intuitiv als unverrückbar gelten. Ein weit gefasstes Tötungsverbot, ein Wahrheitsgebot, Respekt vor körperlicher Unversehrtheit, Respekt vor Eigentum, vor Privatsphäre und Glaubensfreiheit etc. Hält eine Gesellschaft sich an diese Regeln, werden diese Kerninteressen eines jeden so gut wie möglich geschützt. Man kann friedlich zusammenleben und jeder darf, solange er die Kerninteressen der andern nicht verletzt, seinen eigenen Weg durchs Leben gehen. (...) Über diese Interessen erhalten wir die Begründungen für eine sehr plausible Minimal- und Kernmoral. Religion brauchen wir dafür schlicht und einfach nicht."

2. "Christliche Werte kommen von Gott"
Dies scheitert bereits daran, dass nie jemandem der Nachweis von Gottes Existenz gelungen ist. Und selbst wenn: Dann beginge die Argumentation den Logikfehler des Autoritätsarguments. Keine Morallehre ist allein deshalb vernünftig, weil eine bestimmte Person sie erlassen hat. Sie muss für sich als gut erwiesen werden, und wenn das gelungen ist, ist sie gut, weil sie gut ist, und nicht, weil sie angeblich von Gott kommt.

3. "Christliche Werte sind objektiv, alles andere ist rein subjektiv"
Damit dieser Anspruch einlösbar werden kann, müssten wir erst einmal wissen, was "christliche Werte" genau sind. Wie oben gezeigt wurde, lässt sich das nicht bestimmen. Es ist nicht klar, was nun gilt und was nicht und wie die Anweisungen von Fall zu Fall umzusetzen sind. Christen wählen unsystematisch - also subjektiv - aus, welche Gesetze sie auf welche Art befolgen und welche nicht. Damit demonstrieren sie, dass sie eine Moral besitzen, die nicht aus der Bibel kommt, denn andernfalls könnten sie niemals anderer Meinung sein als das Buch. Und sie demonstrieren, dass die Berufung auf "christliche Werte" das Problem der Subjektivität und des Bedarfs nach Diskussion über Moral und Ethik nicht beseitigen kann. Das ist ganz besonders beim laut Jesus höchsten Gebot augenfällig: Wenn man seinen Nächsten so behandeln soll, wie man es sich selbst wünscht, gibt es so viele Moralkonzepte, wie es Menschen gibt. Objektiv ist da gar nichts.

4. "Gott bestraft uns, wenn wir uns nicht an die christlichen Werte halten"
Das ist so ziemlich die einzige Begründung, die die Bibel selbst nennt. Auch sie scheitert eigentlich bereits daran, dass der Nachweis von Gottes Existenz nie gelungen ist. Wer sich wegen Strafandrohungen an Weisungen hält, ist zudem nur ein angeleinter Soziopath. Wäre dies eine gute Begründung für Werte, so wäre jeder, der die Macht besitzt, zu bestrafen, als moralische Autorität qualifiziert. Es handelt sich nicht um eine Begründung für die moralische Exzellenz der "christlichen Werte", sondern um nichts weiter als Erpressung.

Sind die "christlichen Werte" die Quelle der Menschenrechte?
Diese Frage ist eigentlich schon beantwortet, wenn wir uns das Erste der zehn Gebote ansehen. Wie Jesu Doppelgebot schreibt es jedem Menschen vor, an den Gott der Bibel zu glauben. Es handelt sich dabei nicht nur um eine unsinnige Forderung, da man sich nicht einfach dazu entscheiden kann, grundlos die Existenz eines unsichtbaren hebräischen Zauberers zu akzeptieren, sondern vor allem auch um ein Verbot der Religionsfreiheit, und das steht in direktem Widerspruch zu den Menschenrechten. Wäre unsere Moral christlich, könnte es keine Religionsfreiheit geben.

Dass das mosaische Gesetz, das für völlig harmloses Verhalten die Steinigung anordnet, den Menschenrechten massiv widerspricht, sollte jedem klar sein. Doch auch im neuen Testament gibt es unsinnige Gesetze und barbarische Strafen. Das Gesetz ist so konzipiert, dass jeder pauschal als dreckiger Sünder gilt, weil er als Mensch mit Adam und Eva verwandt sei und weil er manchmal Wut oder Lust empfindet oder nicht von Gottes Existenz überzeugt ist. Als Strafe für die Menschlichkeit sieht das christliche Wertesystem ewige Folter vor, eine Strafe, die so unvorstellbar grausam ist, dass man sie sich mit keiner Tat der Welt verdienen könnte.

Die Menschenrechte kommen in der Bibel nicht vor. Volker Dittmar sagte es richtig: "Laut Bibel hat der Mensch Gott gegenüber keinerlei Rechte, nur Pflichten." Religionsfreiheit, Gleichstellung der Geschlechter, Demokratie oder Humanismus sind keine "christlichen Werte". Die christliche "Nächstenliebe" schliesst Religionszwang, Sexismus, Sklaverei und Antisemitismus mit ein. Deswegen hat die Kirche die Menschenrechte nicht erfunden, sondern begann nach und nach, sich aufgrund des starken Drucks von aussen anzupassen und die neuen Werte in einzelne Bibelverse hineinzuinterpretieren - wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Im Zentrum des unstimmigen, dogmatischen und undifferenzierten biblischen Wertesystems stehen der Diktator Gott und Werte längst vergangener Zeiten, was viele amoralische und unmoralische Weisungen mit sich bringt. Es ist kein Wunder, dass die Errungenschaften der Moderne von säkularen Kräften gegen die Kirche durchgesetzt werden mussten. Im Zentrum der Menschenrechte steht der Mensch, und das ist die einzige sinnvolle Basis für Moral und Ethik. Diese Werte sind nicht "heilig" und lassen sich dadurch jederzeit anpassen und optimieren, wenn es nötig ist. Es liegt ein tiefer Graben zwischen den Werten der Bibel und den Menschenrechten, und somit können Erstere niemals als Quelle Letzterer in Frage kommen.

Fazit
-Es ist nicht bestimmbar, was "christliche Werte" sein sollen, welche biblischen Weisungen zu beachten und wie diese von Fall zu Fall anzuwenden sind, und es führt kein Weg an Interpretationen vorbei, die Barbarei und Unsinn einschliessen.

-Die "christlichen Werte" können nicht sinnvoll begründet werden. Es gibt Alternativen dazu, sie sind mindestens so subjektiv wie säkulare Moral, die Existenz ihres angeblich allwissenden Autors ist nicht bewiesen und Strafandrohungen sind keine guten Gründe.

-Die moralisch-ethischen Errungenschaften der Moderne sind in der Bibel nicht zu finden. Vielmehr stehen da zahllose Dinge, die den Menschenrechten unmissverständlich widersprechen. Nur dadurch, dass man sich von der Bibel abwandte, wurden die Menschenrechte möglich.

Fall abgeschlossen. Ja, unsere Gesellschaft und deren Ethik haben gewisse Wurzeln im Christentum - so ähnlich, wie die Chemie Wurzeln in der Alchemie und die Astronomie Wurzeln in der Astrologie hat. Diese Fachgebiete haben erkannt, dass ihre Wurzeln primitive, fehlerbehaftete erste Versuche darstellen, und haben sie deshalb hinter sich gelassen, um frei und effizient vorwärtskommen zu können. Und so sollten wir auch mit unserer christlichen Vergangenheit umgehen.

-Ihr Scrutator


P.S. Wer sich weiter in das Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich das Buch "Die Legende von der christlichen Moral" von Andreas Edmüller sowie folgende Links:

Mein Kommentar zu einer Predigt, die die Menschenrechte in der Bibel sah

Volker Dittmar: Sind christliche Werte die Grundlage unserer Gesellschaft?

AWQ.de: Platin-Rosine 2017 geht an wählerisch-sein.de

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