Sonntag, 19. November 2017

57: Zehn Gründe für die Wahrheit der Evangelien unter der Lupe

Vor einiger Zeit diskutierte ich in einer Facebookgruppe mit einem überzeugten Christen, der sich auf historische Argumente stützte. Als ich mir sein Profil anschaute, stiess ich auf eine Liste mit 10 Gründen, warum die Evangelien wahr sein müssten. Im Wesentlichen wird darin versucht, die Wahrheit der Evangelien als die beste, ja die einzig richtige Erklärung für die Beschaffenheit und die Konsequenzen der Texte auszuzeichnen. Als Quelle wurde das Buch "I Don't Have Enough Faith to Be an Atheist" von F. Turek und N. Geisler angegeben.

Ich fand die Begründungen sehr interessant und nahm sie als Anlass, mich etwas eingehender mit den Ursprüngen und Anfängen des Christentums zu befassen. Zu diesem Zwecke schaute ich mir die Argumentation des christlichen Autors J. P. Holding an, der in seinem Buch "The Impossible Faith" im Wesentlichen die gleiche Argumentation darlegt wie in der Liste, und las die Antwort des Historikers Dr. Richard Carrier dazu; das Buch "Not the Impossible Faith - Why Christianity Didn't Need a Miracle to Succeed". Stürzen wir uns rein und schauen wir, wie gut die Apologeten argumentieren.

1. "Die Autoren des NT schrieben Dinge auf, die ihre Bewegung in ein ungünstiges Licht rückten. (Jünger waren fortwährend schwer von Begriff, Jünger verließen Jesus, Petrus verleugnete Jesus, etc.)"

Das ist also ein Kriterium, an dem man einen Text erkennt, der auf wahren Begebenheiten beruht? Ich habe da etwas konzipiert, was sich die "Känguru-Probe" nennt: Wenn man mit einem Argument für die Wahrheit der Evangelien auch die Wahrheit der Känguru-Bücher von Marc-Uwe Kling verteidigen kann, ist es wertlos. Kling wird in den Känguru-Bücher des öfteren von sich selbst als dumm und hässlich dargestellt. Sind seine Bücher also alle wahr?

Zudem rückte nichts davon die Bewegung in ein ungünstiges Licht. All dieses Dinge waren wichtig für die Geschichte und die Message, die die Autoren vermitteln wollten: Jesus war göttlich, die Jünger halt nur Menschen wie du und ich.

2.
"Die Autoren schrieben unangenehme Aussagen anderer über Jesus auf. (Jesus sei ein "Fresser und Weinsäufer", von Dämonen besessen, etc.)"

Das ist noch einmal dasselbe Argument wie zuvor. Es setzt voraus, dass in einem Text, der nicht der Wahrheit entspricht, alle Figuren als makellos und ständig perfekt beschrieben werden und nichts Negatives darin vorkommt. Gelinde gesagt keine besonders realitätsnahe Präsupposition. Zudem war es ja gerade eine der wichtigen Botschaften der Christen, dass die Welt Jesus verstiess, ihn nicht hören wollte, dass der Prophet nichts galt im eigenen Lande. Es ist ein ganz wichtiger Teil der christlichen Botschaft, dass die Welt den liebenden Jesus nicht annahm und Jesus folglich all die unzufriedenen und unterdrückten Menschen dieser Welt bestens verstehen konnte.

3. "Die Autoren schrieben Worte Jesu mit sehr schwer zu erfüllenden Anforderungen auf. (Feindesliebe, Scheidungsverbot etc.)"

Die Anforderungen bei Scientology sind ziemlich hart, mit Lügendetektortests und so. Also muss Scientology wohl ebenfalls wahr sein. Der Islam hat sehr ähnliche Anforderungen wie das Christentum und man muss fünf Mal am Tag beten - welch ein Aufwand! Und Maya-Priester stachen sich mit Rochenstacheln in die Zunge und zogen dornenbesetzte Schnüre durch das Loch, um für Gottesbotschaften empfänglich zu werden - kein Zweifel, die wurden durch empirische Beweise überzeugt, sonst hätten sie sich das niemals angetan... Der Historiker Dr. Richard Carrier zeigt die Schwachheit dieses Arguments fundiert und schlüssig auf:

"Das erste Problem bei diesem Argument ist, dass es an einem verbreiteten Fehler kontrafaktischer Geschichte krankt: Es geht davon aus, dass sich nur die simpelsten, überzeugendsten Gedankengüter durchsetzen. Die Geschichte widerlegt eine solche Vorstellung deutlich: Eine grosse Zahl verrückter Gedankengüter hat grossen Einfluss ausgeübt und Jahrhunderte überdauert. Beispielsweise war die Bedingung der Kastration für die Zulassung zum Priesteramt für den Attis-Kult ‹vollkommen unnötig›, da es ‹ausreichend gewesen wäre›, stattdessen eine Art symbolischer Kastration durchzuführen (so, wie Paulus die echte Beschneidung durch eine ‹spirituelle› ersetzte und diese sogar eine bessere nannte). Das wurde aber nicht getan. Und dennoch florierte der Kult, mindestens so sehr, wie es das Christentum in seinen ersten hundert Jahren tat. (...)

Jeder altertümliche Gelehrte hat das grosse Interesse der alten Griechen und Römer an Philosophien festgestellt, die eine starke Sittenordnung propagierten. Jede grosse Philosophie war moralisch fordernd – tatsächlich ist genau das der Grund, warum sie so beliebt waren. Martha Nussbaum beschreibt es treffend: ‹Die hellenistischen Schulen der Philosophie in Griechenland und Rom – Epikureer, Skeptiker und Stoiker –, betrachteten Philosophie allesamt als eine Art, die schmerzhaftesten Probleme des menschlichen Lebens anzugehen. Sie sahen den Philosophen als einen mitfühlenden Arzt, dessen Künste viele allgegenwärtige Arten menschlichen Leids heilen konnten. Sie praktizierten Philosophie nicht als gelöste intellektuelle Technik, die der Zurschaustellung von Schlauheit diente, sondern als eine integrierte und weltliche Art, sich mit menschlichem Elend auseinanderzusetzen.›
Es ist sehr leicht zu sehen – besonders, wenn man die Briefe des Paulus betrachtet –, wie das Christentum sich diesem Paradigma anpasst. Es ging auf den Spuren der beliebtesten philosophischen Traditionen seiner Zeit – und verbesserte sie, indem es sich der Bedürfnisse und Wünsche der niederen Klassen annahm (die bei Weitem mehr Mitglieder auf sich vereinten als die reiche, gebildete Elite), und indem es die Prinzipien des Zweifels und des freien Denkens ablegte, die die Griechen und Römer kultiviert hatten, und diese mit absoluter Überzeugung und Gewissheit ersetzte, was mehr Leute wollten. (...)

Viele grosse Traditionen der Enthaltsamkeit und des Mitgefühls hatten Erfolg, vom Buddhismus bis zum Zynismus des Diogenes, ohne dass empirische Beweise oder ein göttliches Wunder nötig gewesen wären. Es ist wahr, dass das Christentum wahrscheinlich keine Schurken für sich gewann, die mit ihren verruchten Leben glücklich waren – aber wie der Buddhismus, der Zynismus oder der Marxismus gewann es sicherlich diejenigen für sich, die (…) mehr vom Leben erwarteten oder die (…) genug vom Elend ihrer eigenen Sünden hatten. Und das beschreibt viele Leute in alter Zeit (wie auch heute). (…) 

Natürlich könnte das ein zu grosses Zugeständnis sein. Es ist ein offensichtliches Fakt, dass die meisten überzeugten Christen den moralischen Auflagen ihres Glaubens nicht wirklich Folge leisten. Es gibt heute genau so viel Ehebruch und Sünde innerhalb der christlichen Gemeinschaft wie in jeder anderen Gruppe. Und die zur Verfügung stehenden Belege zum altertümlichen Christentum und der menschlichen Natur allgemein lassen nicht den Schluss zu, dass es damals anders war. Viele Leute dachten wahrscheinlich, sie könnten dem Christentum beitreten und von seinen Vorzügen profitieren, ohne ihren moralischen 'Mitgliederbeitrag' zu entrichten, und zweifelsohne kamen damals wie heute viele damit durch – trotz der grossen Anstrengungen von Predigern wie Paulus, die die Gemeinden zu bändigen versuchten. In anderen Worten: Holdings Argument setzt voraus, dass die Leute nur Christen werden konnten, indem sie moralisch enthaltsam wurden, und das ist heute nicht wahr und war es damals nicht." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

4. "Die Autoren des NT unterschieden klar zwischen Jesu Worten und ihren eigenen Worten. (Sie schrieben Jesus nicht Worte zu, um theologische Dispute zu regeln)"

Auch in diesem Punkt ist überhaupt nicht zu sehen, wo hier ein Argument für die Wahrheit der Evangelien enthalten sein soll. Auch Marc-Uwe Kling unterscheidet in seinen Büchern klar zwischen den Worten des Kängurus und seinen eigenen Worten.

Aber vor allem muss man sich fragen: Woher wollen Turek und Geisler bitteschön wissen, dass alles, was die Evangelien Jesus zuschreiben, auch wirklich so von ihm gesagt wurde? Wenn wir die historischen Fakten betrachten, sehen wir, dass die kanonischen Evangelien im Abstand einiger Jahrzehnte jeweils zu grossen Teilen vom Vorgänger abgeschrieben wurden, während manche Dinge gestrichen, manche abgeändert und manche - wie das Ende des Markusevangeliums oder die Geschichte mit der Ehebrecherin - später hinzugefügt wurden, wodurch sich die Theologie veränderte. Der Verdacht liegt also äusserst nahe, dass die Autoren das Evangelium an ihre eigenen Ansichten anpassen wollten. Ganz besonders dank Paulus verändert sich die Lehre enorm; insbesondere wurde sie entjudaisiert. Richard Carrier schreibt:

"Als das Christentum den Markt offenbar so weit wie möglich ausgeschöpft hatte (aber trotzdem noch einige Konvertiten ausserhalb gewinnen konnte), begann es, die Religion zu entjudaisieren, um sie den Heiden schmackhafter zu machen. Wir können den Anfang dieses Prozesses im 2. Jahrhundert beobachten, und manche Gelehrte sehen ihn bereits in den Evangelien und selbst bei Paulus. Dieser Schachzug war nach den beiden gescheiterten jüdischen Kriegen (in den 60ern und 130ern) zunehmend nötig geworden, in denen die Juden viel von ihrer früheren Unterstützung und Sympathie einbüssten. Die Taktik funktionierte jedenfalls. Die Christen konnten ab dann die alte Überzeugungshilfe verwenden: ‹Der Feind deines Feindes ist dein Freund.› Und sie konnten damit beginnen, ihre Religion philosophischer, hellenistischer und weniger jüdisch zu gestalten und dabei behaupten, das Judentum überflüssig gemacht zu haben. Als seine Jüdischkeit wirklich zum Problem wurde, fand das Christentum schnell einen Weg, dieses Hindernis zu umgehen. Natürlich hat Holding Recht: Wäre das Christentum stur jüdisch geblieben, hätte es keinen Erfolg gehabt – und tatsächlich hatten die ursprünglichen jüdischen Richtungen des Christentums keinen Erfolg. Darum waren die erfolgreichen christlichen Bewegungen zunehmend weniger jüdisch, und darum wurde die westliche christliche Tradition zu einer Triebfeder für das Schreckgespenst des Antisemitismus.

Holding scheint nicht so viel einzugestehen; er schreibt lediglich, dass sich das Christentum 'nie viel weiter in der Welt der Heiden hätte ausbreiten können als bis in die Kreise jener Heiden, die bereits gottesfürchtig waren.' Natürlich hat es das auch nicht – d.h. nicht viel weiter –, bis später, als Beweisfragen kein Thema mehr sein konnten und die erfolgreichen Richtungen ihre Jüdischkeit abzulegen begannen und sich im Endeffekt gegen das Judentum wandten. Dennoch erreichte das Christentum schon früh Gruppen, die nicht der Kategorie der Juden und deren Sympathisanten angehörten, aus dem einfachen Grund, dass das Christentum das Konvertieren vereinfachte. Was viele vom Konvertieren zum Judentum abschreckte, war seine krasse Liste mühseliger sozialer und persönlicher Einschränkungen und die Bedingung der enorm schmerzhaften und ziemlich gefährlichen Praxis der körperlichen Verstümmelung; der Beschneidung (in einer Welt mit begrenzten Betäubungs- und Desinfektionsmitteln). Sobald Paulus diese Eintrittsbedingungen abgeschafft hatte, hatte er eine jüdische Sekte, die unter Garantie beliebter sein würde als jede vorherige Form. Der gesteigerte Erfolg des Christentums war also alles andere als unmöglich – er war garantiert." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

5. "Die Autoren des NT beschrieben Ereignisse bei Begräbnis und Auferstehung Jesu, die sie nicht erfunden hätten. (Z.B. dass nicht sie, sondern ein Mitglied des Sanhedrin (Joseph von Arimathäa) das Begräbnis für Jesus organisierten; dass Frauen die ersten Zeugen der Auferstehung waren, u.a. die früher dämonenbesessene Maria Magdalena)."

Woher wissen Turek und Geisler, dass man so etwas nie und nimmer erfunden hätte? Wenn ich ein Buch schreibe und dabei etwas einbaue, was nicht so ganz den sozialen Normen meiner Zeit entspricht, ist folglich jeder Buchstabe meines Berichts wahr? Non sequitur.

Darüber hinaus wird hier ein falsches Dilemma gebastelt: "Entweder sind die Evangelien wahr oder komplett erfunden." Dabei wird die Möglichkeit ignoriert, dass die Autoren auch einfach unabsichtlich falsch gelegen haben könnten. Und wenn wir die historischen Fakten kennen, wissen wir, dass die Evangelien von nicht-Augenzeugen verfasst wurden, von gebildeten, griechischsprachigen Leuten, die sich nie als Augenzeugen bezeichnen, in der dritten Person und der allwissenden Erzählerperspektive Legenden niederschrieben, die man sich unter den frühen Christen während der letzten Jahrzehnte weitererzählt hatte. Wir müssen davon ausgehen, dass sie viele Elemente ihrer Geschichten dem entnahmen, was man sich so erzählte, nicht ihrer Vorstellungskraft.

Zudem sind beide angeblich problematischen Elemente alles andere als problematisch. Mit der Erwähnung eines reichen Grabspenders versuchten die Autoren wohl, eine angebliche Messiasprophezeiung aus Jesaja 53, 9 zu erfüllen. Und die Sache mit den Frauen war ebenfalls kein grosses Problem:

" Die Beteiligung von Frauen in der christlichen Geschichte war nicht grösser als in der Geschichte Israels, von Mirjam über Sarah bis zu Ruth  und vergessen wir nicht die Prophetinnen Deborah (Richter 4) oder Huldah (2. Könige 22, 12-20). Dennoch wandten sich die Juden nicht angewidert von ihrem Glauben ab, weil Frauen in ihrer Geschichte eine so wichtige Rolle gespielt hätten, genausowenig wie Heiden deswegen davon abliessen, das Judentum zu unterstützen oder ihm beizutreten. (...) Josephus (...) sagt aus, er habe seinen ganzen Bericht von den heroischen Opfern bei Gamala und Masada in beiden Fällen von keiner anderen Quelle als jeweils zwei Frauen  und scheint sich dafür nicht zu schämen." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

6. "Die Autoren des NT erwähnten mehr als 30 Personen, die durch außerbiblische Quellen historisch bestätigt wurden. (Wäre daran etwas falsch gewesen, hätte man es leicht nachprüfen und widerlegen können, z.B. die Begegnungen und Gespräche von Paulus mit Festus, Felix, etc.)."

Wenn in einer Geschichte echte Personen vorkommen, ist sie also zwangsläufig wahr. Forrest Gump zum Beispiel basiert also auf einer wahren Geschichte, da kommt z.B. John F. Kennedy vor. Oder die Nibelungensage, die enthält etwa den historisch bestätigten Burgunderhof und den historisch bestätigten Attila, den Hunnen.

Ein zentraler, historische Ignoranz beweisender Fehler bei diesem Argument besteht darin, dass hier angenommen wird, im damaligen Palästina hätten lauter Skeptiker gelebt. Dr. Richard Carrier weiss es besser:

"Holding kann nicht behaupten, dass das Christentum auf lauter akribischen Skeptizismus gestossen sei. Skeptizismus war eindeutig (...) weder weit verbreitet noch effektiv darin, den Erfolg (...) mythischer Erklärungen einzudämmen. Dasselbe können wir bei jeder anderen Behauptung erwarten, sei es nun das Christentum oder irgendein anderer Aberglaube der damaligen Zeit. Ja, es gab akribische, leidenschaftliche Skeptiker. Aber das Christentum konnte sie nicht für sich gewinnen  jedenfalls haben wir keine Belege dafür in den ersten paar hundert Jahren des Christentums. Vielmehr gewann es in dieser Zeit Leute für sich wie diejenigen, die eine Sonnenfinsternis auf Zauberei oder Dämonen zurückführten." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

Die gewöhnlichen Leute von damals waren enorm ungebildet und abergläubisch. Und überhaupt: Leicht nachprüfen? Wir reden von Israel im Altertum. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei etwa 48 Jahren, allfällige Zeugen starben schnell aus. Und es gab keine Zeitungen, keine Telefone, kein Internet, und Reisen waren beschwerlich und lang. Es war den Leuten also praktisch unmöglich, die Behauptungen zu überprüfen. Carrier gibt zu bedenken: "Selbst heutzutage: Versuchen Sie einmal, einen Augenzeugen zu finden (keinen Zeitungsartikel, einen echten, lebendigen Augenzeugen), der bezeugen kann, dass an einem fernen Ort im Jahre 1948 etwas nicht geschah." Aber gerade bei den angeführten Beispielen ist das alles eigentlich sowieso egal: Wenn wir z.B. sicher wüssten, dass Festus und Felix Paulus trafen und der ihnen erzählte, was er glaubte, würde das genau das beweisen und nichts weiter. Selbst wenn jemand eingehend nachgeforscht und nichts gefunden oder sogar das Gegenteil bewiesen hätte - dann hätte man sich immer noch sagen können, dass solche Nebensächlichkeiten ja die Glaubwürdigkeit der Kernbotschaft, in erster Linie der Auferstehung, nicht beeinflussten.

Ebensogut könnte man sagen, die griechische Mythologie müsse wahr sein, weil sie besagte, die Götter lebten auf dem Olymp, was man theoretisch hätte überprüfen können. Und wo wir grade von Nachprüfbarkeit reden: In der Bibel heisst es, bei Jesu Kreuzigung sei eine mehrstündige Finsternis über das ganze Land gefallen, es sei zu einem heftigen Erdbeben gekommen und Tote seien aus ihren Gräbern und in die Stadt gekommen, wo viele sie gesehen hätten (Matthäus 27, 45-53). Kein einziger Historiker, der zur damaligen Zeit von dort berichtete, erwähnt diese unübersehbaren Ereignisse. Und so gut können und müssen die Belege auch gar nicht gewesen sein, wie Richard Carrier zu berichten weiss:

"Der Erfolg des Christentums war bis ins späte 3. Jahrhundert alles andere als bemerkenswert. Davor war es ein sich schwer tuender Minderheitenkult. Die römische Gesellschaft hatte es vor Trajans Amtszeit kaum bemerkt. (…) Als die Beweise theoretisch noch überprüfbar waren (…), konnte das Christentum nur einen winzigen Bruchteil der griechischen, römischen und jüdischen Welt für sich gewinnen. Für diese Art bescheidenen Erfolgs war es nicht nötig, dass das Christentum das marktfähigste Produkt seit der Erfindung des Biers war. Solange es sich überhaupt vermarkten liess, solange ein winziger Teil der evangelisierten Gruppen es attraktiv finden würde – und das würde man, wie wir gesehen haben –, hätte es Erfolg in der Grössenordnung, die wir in diesem ersten Jahrhundert auch tatsächlich beobachten, genau wie der Attis-Kult. Und es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass es eine wesentlich grössere Abschreckung darstellte, von Männern zu verlangen, sich die Hoden abzuhacken, als einen körperlich auferstandenen Christus zu predigen; eine Vorstellung, die viele Leute bereits als plausibel akzeptierten." -Richard Carrier in Not the Impossible Faith 

7. Die Schriften des NT enthalten genügend Abweichungen in Details, um unabhängige Zeugenberichte zu sein, und genügend Übereinstimmungen in der Kernbotschaft, um über die gleichen Ereignisse zu schreiben. (Simon Greenleaf, Harvard Professor in Law: "Die Evangelien würden heute vor Gericht problemlos als Augenzeugen-Aussagen anerkannt".)"


Abweichungen in Details?! Die Evangelien sind sich nicht darüber einig, was Jesus sagte, was er tat und erlebte, an welchem Tag er hingerichtet wurde, wie viele Frauen zum Grab gingen, was dort passierte... Vor allem aber handelt es sich nicht um Zeugenberichte. Wie bereits oben beschrieben sind die Evangelien nicht wie Zeugenberichte geschrieben, sondern wie fiktive Geschichten; in der dritten Person aus der allwissenden Erzählerperspektive (Dr. Carrier nennt das Genre "mythische Biographie"). Sie wurden erst Jahrzehnte nach den angeblichen Ereignissen niedergeschrieben und enthalten Dinge, die kein Augenzeuge hätte berichten können. Jesu Nachfolger waren ungebildete Leute aus der Unterschicht, die anonymen Autoren der Evangelien aber konnten schreiben und beherrschten die griechische Sprache.

Unabhängig war da gar nichts. Die Evangelisten schrieben voneinander ab, teils 1:1. Und dass es eine Kernbotschaft gab, beweist nichts. Es ist ja durchaus möglich, dass da ein wahrer Kern drinsteckte, dass es einen Jesus gab. Dass die über Jahrzehnte weitererzählten Gerüchte über ihn, die in diese Geschichten einflossen, wahr sind, das kann man so keinesfalls herleiten. Nicht ohne Grund behandeln Gerichte schon Augenzeugenberichte aus erster Hand mit äusserster Vorsicht, die es für Alienentführungen etwa gibt. Und wer diesen Leuten nicht glaubt, kann den Evangelien erst recht nicht glauben.

8. "Die Autoren des NT fordern ihre Leser heraus, die Fakten zu überprüfen, und auch Wunder nachzuprüfen. (Paulus spricht in 1. Kor. 15 von 500 Augenzeugen der Auferstehung, "von denen die meisten noch leben")."

Das tun sie ganz und gar nicht. Generell wird den Gläubigen in der Bibel geraten, blind zu vertrauen, den Verstand zurückzustellen und angebliche Propheten "an ihren Früchten zu erkennen", also quasi durch ihre Moral ihre Glaubwürdigkeit zu bestimmen. An der erwähnten Stelle schreibt Paulus - der selbst keine Beweise für die Auferstehung hatte und laut Apostelgeschichte auch in Gerichtsverfahren keine vorbrachte - lediglich, Jesus sei "mehr als fünfhundert Brüdern erschienen". Er behauptet also, dass eine grosse Gruppe von Menschen behaupte, Jesus sei ihnen "erschienen" (was auch immer das bedeutet) - that's it. Im Buch Mormon finden sich die Unterschriften von elf namentlich erwähnten Zeugen, die schwören, die goldenen Tafeln gesehen zu haben, die Prophet Joseph Smith von einem Engel überreicht worden seien. So what? Sie finden auch Leute, die bezeugen, Elvis oder Tupac lebten noch! Jemanden zu finden, der etwas behauptet, ist kein Beweis für irgendetwas.

Und noch einmal: Wir sind hier im altertümlichen Israel. Es wäre enorm beschwerlich gewesen, hätte ein Korinther tatsächlich versucht, diese Zeugen - auch nur einen einzigen von ihnen - zu finden. Und wäre man aufgebrochen und hätte niemanden gefunden, der die Wunder bezeugte, so hätte das nicht zwingend bedeutet, dass man nun überzeugt war, dass Paulus und Co. gelogen hatten. Diejenigen, die die Behauptung der Auferstehung schluckten, taten das laut Bibel zudem gewöhnlich ohne jegliche Nachforschung, an Ort und Stelle. Das waren keine schwer zu überzeugenden Skeptiker. Und selbst heute, in Zeiten des Internets, verbreiten sich regelmässig mit einigem Erfolg Gedankengüter, deren Behauptungen mit etwas Nachforschung leicht zu widerlegen sind, wie etwa die Thesen der "Ancient Astronaut Theorists".

9. "Die NT Autoren beschreiben Wunder wie alle anderen Ereignisse: mit einfachen Worten, ohne Ausschmückungen."


Zeit für die Känguru-Probe: Werden dort die "übernatürlichen" Ereignisse ausgeschmückt? Nein, kaum bis gar nicht.

10. "Die Autoren des NT gaben tief verwurzelte, 1500 Jahre alte Überzeugungen auf (Tieropfer, Gesetz, Beschneidung, Sabbat am Samstag, etc.), und nahmen radikale neue Überzeugungen an (Abendmahl: Brot und Wein (Leib und Blut Jesu), vollkommenes Opfer Jesu am Kreuz (also Rettung nicht durch Gesetz), Feiertag am Sonntag, Taufe etc.) und waren bereit, dafür in den Tod zu gehen."


Ich lasse zunächst wieder den Experten Dr. Richard Carrier antworten: 

"Von den Anfängen in den Briefen des Paulus an verbindet jeder zur Überzeugung verfasste christliche Text das Christentum eng und tiefgreifend mit den jüdischen Schriften, die selbst von den Heiden zu den ältesten Prophetenworten der Menschheit gezählt wurden. Das Christentum behauptete nie, es sei von Jesus ‹gegründet› worden – es behauptete stets, Jesus stelle lediglich den Höhepunkt eines göttlichen Plans dar, der seit Jahrtausenden niedergeschrieben war (z.B. Römer 16, 25-26), von einem Gott aus alter Zeit, dessen Anbetung viele Römer genau deswegen respektierten, weil die jüdische Religion eine derart eindrückliche Antiquität vorweisen konnte. (...)

Tatsächlich waren die augenfälligsten innovativen Elemente im Christentum dessen beliebteste Eigenschaften: Es nahm das Judentum, das bereits heidnische Konvertiten für sich gewann, und machte es noch attraktiver, indem es dieses viel weniger mühsam gestaltete (…). Es versprach zudem, die am meisten verachteten Werte der Elite zu untergraben und eine egalitäre Utopie der Gerechtigkeit für den kleinen Mann zu erschaffen (für’s Erste allerdings nur innerhalb der Kirche). Natürlich machte es das für die meisten Mitglieder der Elite und viele Juden zu einem verabscheuungswürdigen Aberglauben. Aber in der unzufriedenen Masse, unter Juden als auch Heiden, konnte es aufregend und attraktiv wirken. Die Christen beseitigten sogar einige der schwerwiegendsten Vorwürfe gegenüber dem Judentum, die von Gegnern wie Tacitus geäussert wurden. Zum Beispiel liessen sie von genau den Gesetzen ab, die Tacitus als ‹unheilvoll und scheusslich› betrachtete, besonders die Beschneidung, und sie liessen von Rassismus und engstirniger ‹Gruppenloyalität› ab, Dinge, denen ebenfalls Tacitus’ besonderer Spott galt. Das Christentum konnte in seinen Augen also nur eine Verbesserung darstellen. (…) Das Christentum war viel weniger fordernd als das Judentum. (...)

Es sollte keiner Verteidigung bedürfen, dass [das Anpreisen einer Karotte am Strick] tatsächlich ein Vorzug und kein Nachteil war. Indem es alles versprach, was sich jemand jemals wünschen konnte – Unsterblichkeit, Macht (z.B. 1. Korinther 6, 3), Freiheit von Krankheit und Not, Sicherheit vor Verletzung und Ungerechtigkeit, und vor allem den Trost einer tief von Liebe erfüllten Gesellschaft –, hatte das Christentum ein äusserst verlockendes Produkt auf den Markt gebracht. Selbstverständlich hätte eine Bewegung, die all dies hier und jetzt hätte anbieten können, innert kürzester Zeit jeden als Mitglied gewonnen. Aber so eine Bewegung gab es nicht. Eine Karotte am Strick war also das einzige, was man verkaufen konnte. (…) Es reicht, anzumerken, dass viele beliebte Religionen der damaligen Zeit die selben Versprechen machten, von den Isis- und Mithraskulten bis zu den eleusinischen oder bacchischen Mythen, und die Leute liefen ihnen in Scharen zu – tatsächlich wesentlich mehr Leute, als dem Christentum in seinen ersten drei Jahrhunderten zuliefen –, ohne, dass sie massgebliche empirische Beweise dafür benötigt hätten, dass sie die Güter tatsächlich besassen. Ganz klar war nicht viel nötig, um die Leute davon zu überzeugen. " -Richard Carrier in Not the Impossible Faith

Bereitschaft, für eine Überzeugung in den Tod zu gehen, beweist nichts, wie etwa islamistische Selbstmordattentäter zeigen. Es zeigt nur, dass da jemand wirklich sehr überzeugt ist, nicht, dass seine Überzeugung auf Fakten basiert. Abgesehen davon gibt es kaum verlässliche Aufzeichnungen dazu, wie die ersten Christen starben. Und auch hier wird wieder ein falsches Dilemma benutzt: "Entweder sagten die ersten Christen die Wahrheit, oder sie hatten alles erfunden, und für etwas Erfundenes würde ja niemand sterben." Erneut wird die Möglichkeit ausgeklammert, dass sie sich einfach getäuscht haben könnten, dass sie ehrlich glaubten, Jesus sei auferstanden, weil ihre Wahrnehmung sie in die Irre geführt hatte, weil das Grab aus unerfindlichen Gründen leer war... Wir wissen es nicht.

Fazit
Ich frage mich, wie gut Christen diese Liste im Allgemeinen so finden. Derjenige, der sie gepostet hatte, schien absolut überzeugt davon zu sein, aber ich hoffe und denke eigentlich auch, dass viele sie zumindest grösstenteils für genauso wenig schlagkräftig befinden wie ich. Mehrheitlich sind die Gründe wirklich absurd; man könnte damit zahlreiche andere Bücher und Kulte als "wahr" verteidigen. In erster Linie wird hier ein riesiger Strohmann aufgebaut: Man impliziert, wenn das Christentum nicht wahr sei, dann müsse die Bibel ein von Marketingfachleuten verfasster, lächerlich aufgebauschter, an allen Ecken und Enden beschönigender, keine einzige reale Person erwähnender Superheldenroman sein. Unter dem leichtesten Druck kritischer, ein wenig historisch fundierter Betrachtung zerfällt diese Präsupposition zu Staub. Das Christentum war und ist nichts ausserordentlich Besonderes, es war kein Wunder nötig, damit die christliche Bewegung entstehen konnte - genausowenig wie bei jedem anderen Kult der Welt.

Und vergessen wir dabei vor allem eines nicht: Selbst wenn Turek und Geisler mit jedem Punkt Recht hätten, selbst wenn da ein sogenannter Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden sein sollte, könnte man daraus nicht ableiten, dass jede andere Behauptung der Bibel ebenfalls wahr sei. Es wäre ein aussergewöhnliches, erstaunliches Ereignis - nicht mehr und nicht weniger.

-Ihr Scrutator


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