Freitag, 26. Januar 2018

58: Zehn Dinge, die mir Christen unabsichtlich über sich verraten (Übersetzung)

Ich will ja möglichst viel "original content" liefern, aber wenn jemand, wie Neil Carter in diesem Fall wieder einmal, in so treffenden Worten so ein wichtiges Thema abhandelt, gebe ich gerne auch anderen Autoren eine Plattform. Der Mann hinter Godless in Dixie beschreibt in diesem Blogeintrag das Phänomen, dass Christen Atheisten - besonders Ex-Christen - oft fälschlicherweise Dinge vorwerfen, die auf sie selbst zutreffen (Ansätze davon sind auch in seinem von mir untertitelten Vortrag vorhanden). Ich befand den Beitrag für absolut übersetzungswürdig - hier ist er nun in meiner deutschen Fassung!


Man kann ja von Sigmund Freud halten, was man will, aber seltsame Neurosen hin oder her – der Mann gelangte zu einigen brillanten Einsichten über menschliches Verhalten. Einer seiner grössten Beiträge zum Studium menschlichen Verhaltens war seine Beschreibung von Abwehrmechanismen, diesen skurrilen kleinen Dingen, die wir alle tun, um mit uns selbst besser klarzukommen. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass besonders einer dieser Abwehrmechanismen, die Projektion, oft vorkommt, wenn Christen darüber sprechen, wie sie meinen Unglauben wahrnehmen. Wikipedia fasst das Konzept prägnant zusammen:

In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse z. B. im Sinne von Gefühlen und Wünschen einem anderen Menschen (oder Gegenstand) zugeschrieben werden. (de.wikipedia.org)

Ich würde damit zögern, hier mit dem Finger auf die Christen zu zeigen, wenn das nicht so erstaunlich oft vorkäme oder ich nicht bereits das Leben auf beiden Seiten dieser ideologischen Kluft kennen würde. Beides ist aber der Fall, und deswegen sind mir die folgenden Dinge regelrecht ins Auge gestochen und ich hatte das Bedürfnis, sie niederzuschreiben. Hier nun also…

Zehn Dinge, die Christen mir über mich sagen, die sich eigentlich um sie drehen

1. Deine Weltsicht ist egozentrisch und macht dich zum Mittelpunkt von allem. 
Das ist höchst ironisch, da tatsächlich das Gegenteil der Fall ist. Ich sehe mich als einen Organismus unter einer Unmenge von Organismen auf meinem Planeten, und mein Planet ist nur einer von – wieviel, Billionen? Nichttheisten wie ich sind weit davon entfernt, der Mittelpunkt des Universums zu sein – vielmehr stehen wir mit unserer Unbedeutsamkeit im riesigen Ganzen einer grösseren Herausforderung gegenüber. Vergleichen Sie das mit der Geschichte, die aussagt, eine einzige Person habe alles geschaffen, was es gibt, und diese Person interessiere sich enorm für die kleinsten Details deines Alltags. Sie höre alles, was du sagst (und denkst!) und orchestriere jedes Ereignis in deinem Leben, damit alles so läuft, wie es sollte. Ich denke nicht, dass etwas Egozentrischeres als das denkbar ist.

2. Du bist engstirnig und nicht gewillt, zuzugeben, dass du falsch liegen könntest. 
Das ist besonders ironisch, wenn es von jemandem kommt, der heute immer noch der selben Religion anhängt, in die er hineingeboren wurde. Im Gegensatz dazu habe ich ein Spektrum von Ansichten durchlaufen und mir schliesslich meinen Weg aus dem Glaubenssystem hinaus gebahnt, in das ich hineingeboren worden war, und ich hinterfrage täglich, was ich glaube. Ich habe ziemlich viel darüber nachgedacht, wie viele Dinge meine heutigen Ansichten ändern könnten, aber wenn die Christen gefragt werden, was ihre Meinung ändern würde, lautet die Antwort meistens «nichts».

3. Du sehnst dich nach absoluter Gewissheit und hältst die Wissenschaft für unfehlbar.
Zunächst einmal funktioniert Wissenschaft nicht so. Alles, was die Wissenschaft heute sagt, könnte morgen widerlegt werden – aber es wird durch bessere Wissenschaft ersetzt, nicht durch religiöse Dogmen. Die wissenschaftliche Methode kann den verzerrenden Einfluss persönlicher Voreingenommenheit stark reduzieren, aber nie vollständig beseitigen. Aber was diese Besessenheit von Gewissheit anbelangt… Ich habe oft gesagt, dass Gewissheit die Währung des Fundamentalismus ist. Ich sage das, weil mir aufgefallen ist, dass in den Kirchen diejenigen die meiste Autorität innehaben, die sich dessen, was sie glauben, am sichersten sind. Aus meiner Sicht ist es allerdings eine Schwäche, nicht zugeben zu wollen, dass man falschliegen kann, keine Stärke.

4. Du bist moralischer Relativist.
Ich habe noch keinen Atheisten getroffen, der glaubt, Völkermord liesse sich moralisch rechtfertigen, aber ich könnte mindestens ein Dutzend christliche Freunde nennen, die sagen, solange Gott es anordne, gehe es in Ordnung. Sie sagen, ein Vater dürfe niemals sein eigenes Kind ermorden, und fügen im selben Atemzug an, sowohl Abraham als auch Jahwe verdienten Lob dafür, gewillt zu sein, ihren eigenen Söhnen das Leben zu nehmen. Die Vorstellung, dass Gottes Wille Grundlage der Moral sei, ist das schwammigste, relativistischste Moralsystem, das mir je begegnet ist. In diesem System kann so gut wie alles «gut» genannt werden, solange behauptet werden kann, Gott habe es angeordnet.

5. Du denkst, alles sei einfach so plötzlich entstanden. Ich habe nicht genug Glauben, um Atheist zu sein. 

Wollen sie mir jetzt nahelegen, Glaube sei etwas Schlechtes, oder dass man davon «zu viel» haben könne? Und wie definieren sie Glauben jetzt? Wollen sie mit dem Wort «Glauben» hier ausdrücken, dass uns die nötigen Informationen fehlen, um verlässliche Schlüsse zu ziehen, wir aber dennoch unüberlegt unsere Ansichten festlegen? Haben sie zu Ende gedacht, was es mit sich bringt, diese Definition von Glauben zu akzeptieren? Aber zurück zum ersten Teil: Warum ist es schlecht, wenn wir sagen, das Universum «sei» einfach und sei nicht von einer Person gemacht worden, während es in Ordnung geht, wenn sie sagen, es gebe eine grosse unsichtbare Person, die einfach «sei» und von nichts und niemandem gemacht wurde? Es erschliesst sich mir nicht, inwiefern das eine Verbesserung darstellt, wenn es um diese philosophische Frage geht. Und Himmel nochmal, die Tatsache, dass wir nicht wissen, wie das Universum zu dem wurde, was es ist, bedeutet nicht automatisch, dass eure «Grosse unsichtbare Person-Hypothese» die einzige Alternative und automatisch richtig ist.

6. Du schränkst meine religiöse Freiheit ein. 
Das kommt unter amerikanischen Evangelikalen SEHR OFT vor. Wann immer Säkularisten verlangen, dass Bundes-, Staats- und Lokalverwaltungen die in der amerikanischen Verfassung festgeschriebene Trennung von Kirche und Staat durchsetzen, beschweren sich Christen verschiedener Couleur. Das passiert wieder und wieder beim Thema der Gleichstellung von Ehegemeinschaften – ein Fall, bei dem sie das Gesetz nicht auf ihrer Seite haben. Mark Caddo sagte einmal:

Wenn man sein Leben lang privilegiert war, führt das zu einem Problem: Weil man so lange Privilegien hatte, sieht Gleichstellung wie Unterdrückung aus.


Jede Regierungsebene in den Vereinigten Staaten wurde dahingehend entworfen, religiös neutral zu sein. Die Christen sind sich Privilegien aber derart gewohnt, dass die winzigste Reduktion sich wie Verfolgung anfühlt. Selbst den progressiven Christen fällt das am Rest der Kirche seit einiger Zeit auf.

7. Du willst, dass alle so denken wie du. Du hast einen Plan und verfolgst ihn rücksichtslos.
Freidenkende legen viel Wert auf kritische Denkfähigkeiten und persönliche Autonomie, deshalb mögen sie es nicht besonders, wenn den Leuten gesagt wird, was sie zu denken haben. Fundamentalisten und evangelikalen Christen fällt es unsagbar schwer, das zu akzeptieren. Sie gehen instinktiv davon aus, dass jeder sich auf einen unantastbaren Kanon aus Dogmen stützt, und glauben uns nie, wenn wir ihnen sagen, wir hätten keinerlei Probleme damit, wenn die Leute sich ihre eigenen Gedanken machen. Sie wollen, dass jeder wie ein Christ lebt (wie auch immer sie das definieren), und manche versuchen sogar, das anhand der Macht des Gesetzes zu erzwingen. Da sie so oft blind sind, was die Privilegien angeht, die sie bisher genossen haben, fühlt sich unser Widerstand für sie wie grundlose Aggression an, wenn wir uns zur Wehr setzen.

8. Du glaubst nicht wirklich, was du zu glauben behauptest; dein Handeln verrät dich.
Weil ein Bibelvers behauptet, tief drin seien sogar Polytheisten heimliche abrahamitische Monotheisten, können viele Christen nicht akzeptieren, dass Atheisten tatsächlich an keinen einzigen Gott glauben. Ich habe schon darüber geschrieben, dass das ihre Definition des Wortes «Atheist» dermassen unscharf und ungenau macht, dass sie es sogar für Theisten benutzen, die sich nicht komplett dem christlichen Glauben verschreiben. Ein Lieblingstrick von Apologeten ist es, zu sagen, man «bediene sich bei ihrer Weltanschauung», wann immer man einen Unterschied zwischen richtig und falsch suggeriert. Das ist eine nichtssagende Behauptung, aber es scheint sie immer sehr zufrieden zu machen.

Das Ironische ist: Christen sagen, sie glaubten an Dinge wie Gebet, Wunder und ein Leben nach dem Tod, wissen aber ganz genau, dass sie sich bei Krankheit echter medizinischer Behandlung unterziehen müssen, und sie sträuben sich vielleicht noch leidenschaftlicher gegen den Tod als Menschen, die glauben, dass dieses Leben alles ist, was wir kriegen. Sie glorifizieren das allzeitige Gottvertrauen, machen sich aber gleichzeitig Sorgen und arbeiten genau so hart wie alle anderen daran, die Dinge zu erreichen, bei denen sie angeblich darauf vertrauen, dass Gott sich darum kümmert. Würde ich ignorieren, was Christen nach eigener Aussage glauben, und nur darauf schauen, was sie tun, so käme ich zum Schluss, dass sie nicht wirklich an Gebet, Heilung, Himmel oder sogar Hölle glauben. Würden sie wirklich so fest an diese Dinge glauben, wie sie zu denken scheinen, so würden Verhaltensweisen daraus folgen, die es verunmöglichen würden, ein normales Leben irgendeiner Art aufrechtzuerhalten.

9. Du willst einfach, dass Gott dir Dinge gibt. 

Christen verspüren eindeutig das Bedürfnis, Apostasie auf alles andere als logische Schlüsse zurückzuführen, und ihre Lieblingserklärung ist, dass unsere Beweggründe unehrenhaft waren. Möglicherweise motivieren uns eigensinnige Gelüste nach Reichtum, Wohlstand oder Bedeutsamkeit. Wir sprechen oft über die Wirkungslosigkeit des Gebets, aber jahrhundertelange Erfahrung hat sie gelehrt, diesen Einwand als ein weiteres Beweisstück dafür vorzubringen, dass wir einfach Dinge wollen, und wenn Gott sie uns nicht gibt, gehen wir einfach. Gleichzeitig freuen sie sich auf Villen im Himmel an goldenen Strassen und eine Ewigkeit des Glücks und der Gesundheit im nächsten Leben.

10. Du bist besessen von Sex. 
Nicht alle werden dem begegnen, aber manche Christen sehen praktisch jede Bewegung hin zum Unglauben als einen Vorwand für sexuelle Freiheit. Wenn jemand ehrlich die Glaubenssätze seines Glaubens hinterfragt, interpretieren sie das als Versuch, sich von moralischen Einschränkungen zu befreien, was mehr Sex bedeutet. Das sagt besonders viel aus. Ich zögere nicht damit, zu bekennen, dass ich Sex liebe. Ich habe eine positive Einstellung, was Sex angeht, und ich denke, dass die Prinzipien des Humanismus wunderbar damit im Einklang stehen, den eigenen Körper zu besitzen und zu geniessen. Aber Sex macht nur einen gewissen Teil des Tages aus, wissen Sie? Gleichzeitig ist ein unverhältnismässig grosser Teil der christlichen Kultur damit beschäftigt, sexuelle «Reinheit» anzustreben, als würde Selbstbeschränkung in diesem einzelnen Bereich alle anderen Indikatoren moralischer Stärke ausser Kraft setzen. Das Christentum ist ernsthaft verklemmt, was Sex angeht, und die Vielzahl an Regeln, die nur dieses Gebiet betreffen, geht als kollektive Neurose durch.

Mir kommen laufend neue Beispiele für Projektion in den Sinn, aber für den Moment habe ich genug davon aufgelistet. Ich werde einfach mit der Warnung schliessen, dass Sie aufpassen sollten, was Sie über andere sagen, denn Sie verraten diesen Leuten genau so viel über sich selbst, wie Sie ihnen über sie sagen.

[Bildquelle: Shutterstock]

Originaltext: http://www.patheos.com/blogs/godlessindixie/2015/03/06/ten-things-christians-accidentally-tell-me-about-themselves/

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